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Medizin

Warum ein Diuretikum gegen Autismus wirken könnte

Freitag, 7. Februar 2014

Marseille – Französische Neurologen schlagen vor, autistische Störungen mit dem Schleifendiuretikum Bumetanid zu behandeln. Nachdem eine klinische Studie Skeptiker nicht zu überzeugen vermochte, untermauern sie ihre Hypothese jetzt in Science (2014; 343: 675-679) mit tierexperimentellen Daten.

Vor anderthalb Jahren hatte das Team um Yehezkel Ben-Ari vom Institut de Neurobio­logie de la Méditerranée in Marseille in Translational Psychiatry (2012; 2: e202) zeigen können, dass eine Behandlung mit Bumetanid die Ausprägung eines Autismus oder Asperger-Syndroms bei 3 bis 11 jährigen Kindern mildert. Bumetanid gehört zu den Schleifendiuretika. Es ist in zahlreichen Ländern (unter anderem der Schweiz, nicht aber in Deutschland) als Medikament zugelassen. In der Studie senkte Bumetanid den 60 Punkte umfassenden Childhood Autism Rating Scale im Durchschnitt um 5,6 Punkte.

Die Fachwelt reagierte damals zurückhaltend auf die Publikation, da die Überlegungen von Ben-Ari zur Pathogenese der Erkrankung doch recht ungewöhnlich sind. Ben-Ari macht erhöhte Chlorid-Konzentrationen in den Neuronen des Zentralnervensystems für die autistischen Störungen verantwortlich. Die erhöhen Chloridspiegel hätten zur Folge, dass der Neurotransmitter GABA nicht wie normalerweise eine inhibitorische, sondern eine exzitatorische Wirkung im Gehirn entfalte.

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In der vorgeburtlichen Phase ist dies laut Ben-Ari noch normal. Unter der Geburt komme es jedoch bei gesunden Kindern zu einem plötzlichen Rückgang der Chloridkon­zentration in den Neuronen und damit zu einem „Switch“ von einer exzitatorischen zu einer inhibitorischen Wirkung von GABA. Auslöser für den „Switch“ soll der plötzliche Anstieg des Hormons Oxytocin während der Geburt sein.

Ben-Ari versucht, diese Hypothese jetzt in zwei Tiermodellen für autistische Erkran­kungen zu belegen: Er experimentiert zum einen mit Mäusen, die eine Mutation tragen, welche beim Menschen ein Fragiles-X-Syndrom auslöst. Dies ist eine Variante des Autismus. Zum anderen verwendet der Forscher Ratten, die mit Valproinsäure gefüttert wurden. Eine intrauterine Exposition mit Valproinsäure wird beim Menschen mit der Auslösung von autistischen Störungen in Verbindung gebracht wird. Beide Modelle sind nicht ideal, die Tiere zeigen jedoch Verhaltensweisen, die auf eine autistische Störung hinweisen.

Wie Ben-Ari jetzt an Ableitungen von Nervensignalen aus dem Hippocampus zeigen kann, bleibt bei beiden Tiermodellen auch der „Switch“ in der GABA-Wirkung aus. Die Tiere haben nach der Geburt zu hohe Chloridkonzentrationen in den Neuronen, und GABA bleibt ein exzitatorischer Neurotransmitter. Dies ändert sich, wenn die Tiere mit Bumetanid behandelt werden.

Dann kommt es zum „Switch“ und die Tiere entwickeln sich normal. Die Jungtiere stoßen dann die typischen Schreie im Ultraschallbereich aus, wenn sie von den Muttertieren getrennt wurden. Autistische Nager ertragen die Trennung vom Muttertier dagegen klaglos. Ben-Ari konnte in den Experimenten auch zeigen, dass der „Switch“ von einem Oxytocin-Schub unter der Geburt angestoßen wird.

Ein endgültiger Beweis der Hypothese steht jedoch noch aus. Er könnte durch eine klinische Studie erbracht werden. Im Prinzip könnte eine einmalige Gabe von Bumetanid vor der Geburt eine Autismuserkrankung verhindern (eventuell erweitert um eine Oxytocin-Gabe). Dies ist jedoch keine realistische Option, da die Erkrankung nicht vorhersehbar ist und in der Regel erst nach dem dritten Lebensjahr diagnostiziert wird.

Da der „Switch“ nicht nachgeholt werden kann, muss die Bumetanid-Therapie bei den älteren Kindern vermutlich längerfristig erfolgen. Ob sie effektiv und sicher ist, sollte jetzt, so Ben-Ari, schleunigst in einer größeren randomisierten Studie untersucht werden. © rme/aerzteblatt.de

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