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Politik

ASV Onkologie kann starten – Krankenhäuser kritisieren Vorgaben

Donnerstag, 20. Februar 2014

Berlin – Patienten mit gastrointestinalen Tumoren und Tumoren der Bauchhöhle können künftig in Kliniken und Praxen ambulant spezialfachärztlich versorgt werden, und zwar voraussichtlich von Juli 2014 an. Die dazu nötige Konkretisierung der gesetzlichen Vorgaben zur ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) heute in Berlin vorgestellt. Bereits im Dezember hatte der G-BA eine entsprechende Konkretisierung für die Behandlung von Tuberkulose und Mykobakteriose herausgegeben.

„Mit dem heutigen Beschluss wurde die Blaupause für alle weiteren Anlagen zu onkolo­gischen Erkrankungen geschaffen. Wir haben zudem noch offene Grundsatzent­scheidungen zum Beispiel zur Definition der schweren Verlaufsformen getroffen und werden nun Zug um Zug nach diesem Muster alle weiteren Anlagen abarbeiten“, sagte Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied im G-BA und Vorsitzende des zustän­digen Unterausschusses. So stehe in der kommenden Woche die Beratung der Anlage zu gynäkologischen Tumoren auf dem Programm. Parallel dazu werde der G-BA die Beratungen zu den seltenen Erkrankungen fortsetzen, so Klakow-Franck.

Die Konkretisierung für die Behandlung von gastrointestinalen Tumoren und Tumoren der Bauchhöhle umfasst die Diagnostik, die Behandlung und die Beratung von Patienten ab dem vollendeten 18. Lebensjahr. Darüber hinaus werden personelle, sachliche und organisatorische Anforderungen an Vertragsärzte und Krankenhäuser geregelt, die eine solche Versorgung anbieten wollen.

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Baum warnt vor Einschränkungen für Patienten
„Mit dem heutigen Beschluss haben wir uns auf einen sowohl für Krankenhäuser als auch für niedergelassene Spezialistinnen und Spezialisten akzeptablen ,modus vivendi‘ geeinigt“, betonte Klakow-Franck. Seine Unzufriedenheit äußerte hingegen Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), die sich bei der Endabstimmung zum Beschluss enthalten hatte. Dieser stelle „einen herben Rückschritt für die ambulante medizinische Versorgung von gesetzlich krankenversicherten Krebspa­tienten dar“, urteilte Baum. „Vielen tausenden Patientinnen und Patienten vornehmlich mit Darm- oder Magenkrebs wird dadurch die Möglichkeit der ambulanten Behandlung durch Krebsspezialisten in Krankenhäusern verwehrt.“

Hintergrund seiner Prognose ist, dass nach den gesetzlichen Vorgaben in Paragraf 116 b neu im Sozialgesetzbuch V im Rahmen der ASV nur solche Krebspatienten behandelt werden dürfen, bei denen die Krankheit schon fortgeschritten ist, einen schweren Verlauf genommen hat oder mit einer schlechten Prognose behaftet ist. Dies führt nach Darstellung von Baum unter anderem dazu, dass Kliniken keine Verdachtsdiagnostik mehr durchführen dürfen, Begleiterkrankungen nicht mehr wie bisher mitbehandelt werden können, oder die ambulante Nachsorge im Krankenhaus nicht mehr zulässig ist.

Chancen für Kliniken zum Beispiel in Süddeutschland
Baum räumte aber ein, dass es andererseits bundesweit mehr Krankenhäusern als bisher möglich sein wird, ambulante spezialfachärztliche Leistungen für Krebspatienten zu erbringen. Zwar durften Kliniken nach den bisherigen Vorgaben in Paragraf 116 b Krebspatienten auch dann ambulant behandeln, wenn deren Erkrankung noch keinen schweren Verlauf genommen hatte.

Doch in zahlreichen Bundesländern, darunter Bayern und Baden-Württemberg, hatten die Landesregierungen den Krankenhäusern kaum Zulassungen erteilt, weil sie die Versorgung durch niedergelassene Fachärztinnen und Fachärzte als ausreichend erachteten oder rechtliche Auseinandersetzungen um die Zulassungen scheuten. Die Regeln zur ASV sehen aber ausdrücklich vor, dass jeder, der die Vorgaben erfüllt, zukünftig Patienten behandeln kann.

Zur Gruppe der zu behandelnden Personen im Sinne des heutigen Beschlusses zählen Patienten mit regelhaft schweren Verlaufsformen von bösartigen Krebserkrankungen, insbesondere des Darms, aber auch der Gallenblase, der Leber oder der Bauch­speichel­drüse. Auch andere Organe des Bauches, wie Milz oder Nieren, können von solchen Tumoren betroffen sein und künftig ambulant spezialfachärztlich behandelt werden.

Die Versorgung sicherstellen soll ein Behandlungsteam, das sich aus einer Teamleitung und einem Kernteam aus Fachärzten für Innere Medizin, Gastroenterologie, Hämato­logie, Onkologie, Strahlentherapie sowie für Allgemein- oder Viszeralchirurgie zusammensetzt. Wenn nötig, sollen Fachärzte weiterer Disziplinen hinzukommen.

Krankenkassen: Gesetzgeber ist verantwortlich für Eingrenzung
Wulf-Dietrich Leber, Leiter der Abteilung Krankenhäuser beim Spitzenverband der Krankenkassen, kritisierte vor Medienvertretern die negative Einschätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Von einem „Rückschritt“ zu sprechen, sei „unverantwortlich“. Tatsächlich würden, vor allem in Regionen wie Süddeutschland, mehr Patienten als bisher von der ASV profitieren können.

Die Kritik rühre vielleicht auch daher, „dass nicht alle Einkommensinteressen der DKG bedient worden sind“, stichelte Leber. Auch sei es keine Idee der Krankenkassen gewesen, den infrage kommenden Patientenkreis auf solche mit schweren Verlaufs­formen einzuschränken. Dies habe der Gesetzgeber vorgesehen. Man habe diese Vorgabe aber „verantwortlich umgesetzt, ohne die Krankenhäuser einschränken zu wollen“, meinte Leber.

Ausgleichend äußerte sich Klakow-Franck. „Wir haben versucht, unter den gegebenen Rahmenbedingungen so vielen Patienten wie möglich diese Versorgung zu ermöglichen“, betonte sie. Sobald beispielsweise eine adjuvante Therapie notwendig sei, komme die Behandlung im Rahmen der ASV infrage. Dass der Gesetzgeber erst eine weite Öffnung des neuen Bereichs vorgesehen hatte und diesen dann einschränkte, hat nach ihren Worten auch den G-BA „in eine ganz unangenehme Situation“ gebracht.

Für diese Entscheidung spielte seinerzeit vor allem die Sorge eine Rolle, die Kosten für die ASV könnten aus dem Ruder laufen. Aber auch Bedenken wurden ernst genommen, die heutige ambulante fachärztliche Versorgung könne leiden, weil mehr und mehr Fachärzte sich dem neuen Bereich zuwenden würden, falls es dafür keine Mengen- und Honorarbegrenzungen geben werde.

Die ASV geht zurück auf das Anfang 2012 in Kraft getretene GKV-Versorgungs­strukturgesetz und den darin neugestalteten Paragrafen 116 b des fünften Sozial­gesetzbuches. Sie soll grundsätzlich die Versorgung von Patienten mit komplexen oder seltenen Erkrankungen verbessern. Besonders wichtig sind dabei die Zusammenarbeit von Ärzten verschiedener Fachdisziplinen und die Arbeit über die Sektorengrenze Krankenhaus-Praxis hinweg. © hil/Rie/EB/aerzteblatt.de

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