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Medizin

Große Defizite in der psychoonkologischen Versorgung

Freitag, 21. Februar 2014

Berlin – Bei der psychoonkologischen Versorgung von Krebspatienten gibt es große Defizite, besonders im ambulanten Bereich. Darauf haben gestern die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) im Rahmen des 31. Deutschen Krebskon­gresses in Berlin hingewiesen. „Eine adäquate Finanzierung ist im ambulanten Bereich nicht sichergestellt, denn die psychosozialen Beratungsstellen sind nicht regelfinanziert“, erklärte Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Krebshilfe in Bonn.  Der zeitnahe Zugang zur ambulanten Psychotherapie sei für Krebspatienten genauso schwierig wie für alle anderen psychisch Kranken.

„Im stationären Bereich bieten einzig die von der DKG zertifizierten Krebszentren eine gesicherte psychosoziale Versorgung durch interdisziplinäre Behandlungsteams mit psychoonkologisch geschulten Experten“, sagte Johannes Bruns, Generalsekretär der DKG. Die Zentren kooperierten zudem mit psychotherapeutischen Praxen, die sich auf die Betreuung von Krebspatienten spezialisiert haben. In vielen Kliniken wirkten aber die Liegezeitverkürzungen kontraproduktiv und verlagerten die psychoonkologische Versorgung noch mehr in den ambulanten Bereich, der jetzt schon nicht ausreichend versorgen könne, kritisierte Bruns.

500 000 Menschen erkranken pro Jahr neu an Krebs. „Krebserkrankungen sind für die Betroffenen und ihre Angehörigen fast immer seelisch sehr belastend“, sagte Susanne Singer, Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik, Universität Mainz. Etwa die Hälfte der Patienten sei vor allem zu Beginn psychisch stark belastet; ein Drittel der Patienten leide unter so starken Ängsten und Depressionen, dass sie psychotherapeutisch behandelt werden müssten. „Alle Krebspatienten müssen aber in jedem Fall hinsichtlich ihres Bedarfs an psychosozialer Unterstützung gescreent werden“, betonte Singer, „und alle brauchen Beratung und Information.“ Unterversorgt seien vor allem die Patienten mit subsyndromaler Symptomatik.

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Neue S3-Leitlinie
Dass professionelle psychosoziale Unterstützung nachweislich hilft, die Krebserkrankung zu verarbeiten und psychische Probleme zu reduzieren, zeigt auch die neue S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung erwachsener Krebspa­tienten“, die vor kurzem fertig gestellt wurde. Die Leitlinie entstand in Zusammenarbeit von 51 Fachgesellschaften unter der Federführung von Johannes Weis, Klinik für Tumorbiologie der Universität Freiburg.

„Die Leitlinie bildet die Grundlage dafür, dass die Qualität der psychoonkologischen Versorgung besser werden kann“, sagte Weis bei einem Symposium der Bundespsycho­therapeutenkammer am 10. Februar. Sie enthalte Empfehlungen für die psychoonko­logische Versorgung für den gesamten Verlauf einer Krebserkrankung für Klinik und Praxis. „Viele Patienten fallen vor allem nach einer Operation in ein tiefes Loch“, berichtete Weis.

Viele litten unter Distress, Ängsten, Progredienzangst und Depressivität. Zu den psychischen Störungen bei Krebspatienten gehörten vor allem affektive Störungen, Angststörungen, Anpassungsstörungen und Störungen durch psychotrope Substanzen. „Eine nicht behandelte Depression führt nachweislich zu einer höheren Mortalitätsrate der Krebspatienten“, erklärte Weis.

Die S3-Leitlinie empfiehlt, bei allen Krebspatienten den individuellen Unterstützungs­wunsch zu erfragen und Hinweise auf die Informationen und Angebote der Krebsselbsthilfe zu geben. „Krebsselbsthilfegruppen unterstützen sehr, sie sind glaubwürdig, die Teilnehmer sehr offen und die Gruppen informieren über die Wege im Gesundheitssystem“, bestätigte auch Hilde Schulte, ehemalige Bundesvorsitzende der Frauenselbsthilfe nach Krebs, beim Deutschen Krebskongress. Die Selbsthilfe beeinflusse den Krankheitsverlauf sehr positiv.

Die S3-Leitlinie empfiehlt außerdem, dass alle Krebspatienten, die psychoonkologische Versorgung benötigen, einen wohnortnahen Zugang erhalten sollen. „Die meisten Patienten sind nicht optimal versorgt“, kritisierte auch Weis. Die Leitlinie sieht er als ersten Schritt zu einer besseren Versorgung, es fehle aber noch eine detaillierte Bestandsaufnahme.

Um die Versorgung zu verbessern, fordern die Deutsche Krebshilfe und die DKG, neben der regelhaften Finanzierung von psychosozialen Beratungsstellen, eine geregelte und zuverlässige Vergütung psychoonkologischer Leistungen im stationären und im ambulanten Bereich. Ein möglicher Ansatz sei dafür die bessere Abbildung dieser Leistungen in der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) nach §116b SGB V.

„Damit könnten wir den Patienten, die psychoonkologische Therapie brauchen, zeitnah zwölf Stunden an den Ambulanzen anbieten“, sagte Susanne Singer. Ein entsprechender Vorschlag der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie der DKG läge dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss vor.

© pb/aerzteblatt.de

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