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Medizin

Virtueller Arm lindert Phantomschmerzen

Mittwoch, 26. Februar 2014

Ortiz-Catalan et al., Frontiers in Neuroscienc

Göteborg – Ein schwedischer Patient hat seine quälenden Phantomschmerzen durch ein „Computerspiel“ in den Griff bekommen. Am Bildschirm steuert er die virtuelle Variante seines fehlenden Unterarms, was den gleichen Effekt haben soll wie die Spiegeltherapie. Nach ihrem erfolgreichen Test in Frontiers of Neuroscience (2014; doi: 10.3389/fnins.2014.00024) ist jetzt eine klinische Studie geplant.

Bei der Spiegeltherapie, die 1996 von dem Neurologen Vilayanur Ramachandran entwickelt wurde, platziert der Patient seine vorhandene Gliedmaße in einen Kasten, der mit einem Spiegel ausgerüstet. Die Reflexion der vorhandenen Gliedmaße erzeugt eine Illusion der fehlenden Gliedmaße.

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Gezielte Bewegungen mit dem vorhandenen Arm oder Bein sollen den Patienten helfen, schmerzhafte Positionen der amputierten Gliedmaße zu lockern. Die Therapie ist jedoch umständlich. Sie kann außerdem nicht bei Doppeltamputierten durchgeführt werden.

Das Team um Max Ortiz-Catalan von der Technischen Hochschule Chalmers in Göteborg hat jetzt eine Alternative zur Spiegeltherapie entwickelt. Dabei werden am Stumpf myo­elek­trische Signale abgeleitet. Ein Computerprogramm formt daraus Befehlssignale für eine virtuelle Gliedmaße. Der Patient sieht sie auf einem Bildschirm und kann dann lernen, sie durch Befehle an seine amputierte Gliedmaße zu steuern. Dies hat bei einem Prototyp bei einem Patienten mit langjährigen Phantomschmerzen offenbar funktioniert.

Dem 72 Jahre alten Mann war vor 48 Jahren der Unterarm nach einem Unfall amputiert worden. Er litt über viele Jahre unter schweren Phantomschmerzen, wie etwa 70 Prozent aller Amputierten. Der Patient war laut Ortiz-Catalan für den Versuch ausgewählt worden, weil alle bisherigen Therapieversuche, einschließlich Akupunktur, Hypnose und Spiegel­therapie ihm keine Linderung verschafft haben.

Das „Computerspiel“ mit myoelektrischer Mustererkennung hat jetzt den Schmerz deutlich vermindert. Vor der Therapie litt der Patient praktisch dauerhaft unter einer schmerzhaften Verkrampfung der fehlenden Hand. Nach 18 Wochen Spieletraining ist es ihm nach eigener Auskunft gelungen, den Krampf zu lösen. Die Schmerzen wurden dadurch deutlich gelindert. Zeitweise ist er heute frei von den Phantomschmerzen, die ihn zuvor dauerhaft gequält hatten.

Interessanterweise gelang es dem Patienten, die Verkrampfung der amputierten Hand zu lösen, obwohl die Forscher die myoeletrischen Signale nicht von den Muskeln ableiten konnten, die für den Faustschluss benötigt werden. Sie waren mit dem Unterarm bei der Amputation verloren gegangen. Dem Patienten war es dennoch nach einer gewissen Lernphase gelungen, die Finger seiner virtuellen Hand auf dem Bildschirm zu bewegen.

Die Forscher wollen die neue Technik jetzt in Zusammenarbeit mit der Universität Göteborg und einem schwedischen Hersteller von Prothesen an einer größeren Gruppe von Patienten untersuchen.

© rme/aerzteblatt.de

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