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Politik

Kassenkritik an ambulanter Versorgung stößt auf Proteste

Donnerstag, 27. Februar 2014

dpa

Berlin – „Wer immer noch versucht, mit der absoluten Zahl an Ärztinnen und Ärzten den Versorgungsmangel in Klinik und Praxis wegzureden, der hat die Zeichen der Zeit einfach nicht erkannt. Mittlerweile müsste auch dem letzten Kassenfunktionär klargeworden sein, dass die tatsächlich zur Verfügung stehenden Arztstunden im Verhältnis zum gestie­genen Behand­lungs­bedarf entscheidend sind.“ Mit diesen Worten hat heute der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, auf Kritik des Spitzenverbands der Krankenkassen an den Strukturen in der ambulanten Versorgung reagiert.

Die Kassen hatten moniert, trotz stetig steigender Haus- und Facharztzahlen sowie einem Einkommen auf Rekordniveau könnten die Versorgungsprobleme nicht gelöst werden. „Wir haben immer mehr Ärzte, die immer mehr Geld verdienen, und trotzdem gibt es für die Patienten teilweise lange Wartezeiten und in wenigen Regionen im haus­ärztlichen Bereich erstmals Versorgungslücken“, hatte Johann-Magnus von Stackel­berg kritisiert, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands.

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Er forderte die Ärzteschaft auf, mehr Kooperationen und mehr Anstellungsmöglichkeiten anzubieten, damit jungen Ärzten der Weg in die Praxis und aufs Land erleichtert werde. „Die Zunahme multimorbider Patienten und die steigende Komplexität der medizinischen Versorgung erfordern auch im vertragsärztlichen Bereich multidisziplinäre Team­struk­turen. Hier müssen die Ärzteorganisationen aktiv werden“, forderte von Stackelberg.

KBV: KVen bieten Umsatzgarantien und erleichtern Anstellung
„Die Aussagen der Kassenfunktionäre sind falsch“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) leisteten bereits sehr viel: „Sie bieten Umsatzgarantien, Investi­tionshilfen, erleichtern die Anstellung von Ärzten und unterstützen Stipendien für Medizin­studenten.“ Dagegen habe der GKV-Spitzenverband nur Plattitüden und über­wiegend falsche Behauptungen zu bieten.

Von Stackelberg hatte unter anderem darauf verwiesen, dass zwar die Zahl der haus­ärztlichen Praxisinhaber von 59.600 im Jahr 2000 auf knapp 56.000 im Jahr 2012 gesunken sei. Durch die Zunahme an angestellten Hausärzten sei die Gesamtzahl jedoch bis 2012 gestiegen, und zwar auf etwa 60.400. Der Vorstand des GKV-Spitzen­verbands räumte jedoch ein, dass er nicht sagen könne, wie viele davon voll arbeiteten und wie viele in Teilzeit: „Wir zählen Köpfe.“ 

Seine Präsentation verband er mit der Forderung, Filialpraxen und mobile Praxisan­gebote zu fördern, befristete Zulassungen vorzusehen, mehr KV-Praxen einzurichten und nicht-ärztliche Fachkräfte stärker in die Versorgung mit einzubeziehen. Insgesamt, beton­te er, seien die Vorschläge nicht gegen die KBV gerichtet: „Hier wird es gemeinsame Anstrengungen brauchen.“

Forderung nach feinerer Bedarfsplanung, zum Beispiel für Augenärzte
Von Stackelberg ging zudem auf die neue Bedarfsplanung ein sowie auf Berechnungen, die die KBV der Bild-Zeitung zur Verfügung gestellt hatte. Demnach sind derzeit 2.600 Hausarztsitze sowie 2.000 Facharztsitze nicht besetzt. Der GKV-Spitzenverband rechnet anders: Weil er die Grenze für eine Normalversorgung nicht bei 110 Prozent, sondern bei 100 Prozent zieht, sind nach seinen Berechnungen allenfalls 1.000 Hausarztsitze nicht besetzt.

Nicht angesprochen wurde, dass auch die neue Bedarfsplanung auf den Grundlagen der alten aufbaut und umstritten ist. Von Stackelberg regte allerdings an, im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss über weitere Verbesserungen zu diskutieren. So sollte man seiner Meinung nach beispielsweise bei der Bedarfsplanung von Augenärzten stärker zwischen operierenden und konventionellen Augenärzten unterscheiden.

Kritik äußerte der GKV-Spitzenverband auch an den Honorarsteigerungen der letzten Jahre sowie an der Morbiditätsmessung. Es gebe klare Hinweise dafür, dass die Qualität der dokumentierten Diagnosen nicht ausreichend sei, hieß es. Sie seien jedoch eine wichtige Basis für Honorarsteigerungen.

Als Beispiel führte Manfred Partsch, Leiter der Abteilung ambulante Versorgung, Anga­ben zur Anzahl der Diabetiker an. Nach den kodierten Diagnosen der niedergelassenen Ärzte sei die Zahl der Diabetiker jährlich um acht Prozent gestiegen, nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) nur um knapp zwei Prozent. Die verwendeten Angaben des RKI beziehen sich allerdings auf einen anderen Zeitraum als die verwendeten Angaben der Ärzte. Partsch räumte aber ein, dass es nicht nur Über-, sondern auch Unter­kodierungen gebe. „Wir unterstellen den Ärzten keinen Betrug“, ergänzte er. Die der­zeitigen Verfahren führten aber nicht zu plausiblen Ergebnissen.

Kassen wollen Zeitprofile im EBM neu kalkuliert haben
Kritische Anmerkungen machte Partsch auch zur Höhe der Praxisgewinne und zur Ungleichverteilung der Arzteinkommen zwischen den Fachgruppen. In Zukunft wollen die Krankenkassen darauf drängen, dass die Zeitprofile, die vielen Leistungen im Einheit­lichen Bewertungsmaßstab (EBM) zugrunde liegen, neu kalkuliert werden. Sie seien zu hoch. Der GKV-Spitzenverband monierte weiterhin, dass „die kalkulierte Vergütung auch dann noch in voller Höhe bezahlt wird, wenn die fixen Praxiskosten bereits gedeckt sind“. Davon profitierten besonders technikorientierte Arztgruppen, hieß es. Kein Thema war in diesem Zusammenhang, dass das Gesamthonorar für zahlreiche Leistungen budgetiert ist.

NAV spricht von „Rolle rückwärts“ bei Vergütung
„Der von den Krankenkassen geäußerte Generalverdacht, Ärzte würden zur Steigerung ihres Honorars absichtlich falsche Diagnosen stellen, ist unerhört und wird von den niedergelassenen Ärzten entschieden zurückgewiesen“, erklärte Dirk Heinrich, Bundes­vorsitzender des NAV-Virchow-Bundes. Die Patienten würden älter und daher auch kränker. Wer das bezweifle, ignoriere die Realität. „Die geforderte Rolle rückwärts bei der Berechnung der Vergütung – weg von der Morbiditätsorientierung – spricht Bände: Den Kassen geht es allein um die Einsparung der Kosten“, kritisierte Heinrich.

Auf das Engagement der KVen gegen den Ärztemangel im ländlichen Raum verwies die KV Schleswig-Holstein. Man habe mehrere Maßnahmen ergriffen, um entgegenzuwirken, hieß es in einer Stellungnahme. „Diese reichen von der Nachwuchskampage ,Land.Arzt.Leben!‘, mit der wir junge Ärztinnen und Ärzte für die ambulante Versorgung gewinnen wollen, über finanzielle Förderungen von Medizinstudenten und Ärzten in Weiterbildung bis hin zu unserem Zweigpraxismodell.“

Die Kassen säßen auf Milliardenüberschüssen, so die KV weiter. „Statt Geld zu bunkern, sollten die Kassen lieber dafür sorgen, dass die ambulante medizinische Versorgung ausreichend finanziert ist.“ © Rie/EB/aerzteblatt.de

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Avatar #108046
Mathilda
am Freitag, 28. Februar 2014, 11:20

GKV-SpiBu verwendet nur die Zahlen, die die KBV falsch liefert

Ein Augenarzt lässt sich nieder. Damit gilt der Arztsitz als besetzt. Wenn dieser Arzt jetzt aber nur Teilzeit arbeitet oder 50% seiner Arbeitszeit mit Operieren verbringt oder 70% mit Privatleistungen (z.B. Lasern), dann steht der Arzt eigentlich auch nur mit den übrigen x% der ambulanten Versorgung zur Verfügung. Die KBV dürfte diesem Arzt also auch nur 50%/30% eines Arztsitzes vergeben; die übrigen 70% müssten an einen anderen Arzt vergeben werden, der dafür tatsächlich ambulante Leistungen für Kassenpatienten erbringt.
Dieses Beispiel zieht sich durch alle Arztgruppen; auch Hausärzte berichten immer wieder, dass sie ohne Privatpatienten nicht leben könnten. Den zeitlichen Aufwand, den sie diesen Privatpatienten widmen, entziehen sie ihrem Arztsitz und damit der Versorgung von Kassenpatienten, obwohl sie sich mit der Übernahme 1 Arztsitzes quasi verpflichtet haben, 100% ihrer Arbeitszeit Kassenpatienten zu widmen.
Ich wünsche der KBV viel Spaß, diesen Knoten zu lösen! Alle im obigen Artikel dargestellten Versorgungszahlen sind Makulatur, solange nicht die tatsächlich für die ambulante Versorgung von Kassenpatienten zur Verfügung stehenden Arztstunden/-sitze ermittelt und verglichen werden.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 27. Februar 2014, 21:57

Ärztemangel bei den Hausärzten!

Ich persönlich freue mich sehr, dass ich kurz vor seiner Demissionierung dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und Kollegen Dr. med. Andreas Köhler einmal uneingeschränkt zustimmen kann: „Die Aussagen der Kassenfunktionäre sind falsch“!

Denn unter http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Arztzahlstudie_03092010.pdf
findet sich mit dem prägnanten Titel:
"Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! - Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung"
die 5. aktualisierte und komplett überarbeitete Auflage (Stand August 2010) des von mit hochgeschätzten Autors Dr. Thomas Kopetsch. Volkswirtschaftlich wohlbegründet wurde hier bereits vor 4 Jahren auf Entwicklungen hingewiesen, die aktuell vom Spitzenverband Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) immer noch fehlinterpretiert werden.

Hausärztliche Kernsätze von Dr. Thomas Kopetsch.
A. Neue Bundesländer:
• "Durchschnittsalter aller Hausärztinnen/-ärzte 52,9 Jahre"
• „[Bis 2020] in den nächsten zehn Jahren – je nach Bundesland – [gehen] zwischen 38 % und 48 % aller Hausärzte in den Ruhestand"
• "Seit 1999 ist die Zahl der Hausärzte in den neuen Bundesländern bereits um ... 11,4 %, zurückgegangen"
• "24 % aller Hausärzte in den neuen Bundesländern [waren] im Jahre 2009 über 59 Jahre alt"
B. Gesamtes Bundesgebiet:
• "im gesamten Bundesgebiet ... ist die Zahl der Hausärzte seit 2001 leicht gefallen"
• "Wie anhand der Tabelle deutlich wird, müssen ab diesem Jahr [2010] bis zum Jahr 2020 insgesamt 23 768 ausscheidende Hausärzte ersetzt werden"
• "Auf der Basis der prognostizierten Abgänge und der tatsächlichen Zugänge
an Allgemeinmedizinern und Internisten lässt sich die Entwicklung des Bestandes
an Hausärzten bis 2020 abschätzen. Demnach ist bundesweit mit einem Rückgang um knapp 7 000 Hausärzten zu rechnen, dies entspricht 13,3 %".

Auf die zunehmend desolate pädiatrische Versorgungssituation mit GKV-Vertragsärzten/-.innen will ich hier gar nicht eingehen. Tatsache ist und bleibt, dass die GKV-Chefetage sich wie die drei Affen verhält, die sich Ohren, Augen und Mund zuhalten? Oh nein, der Mund des „SpiBu“ bleibt leicht geöffnet, um heiße Luft von Medizin-bildungsfernen Schichten herauszulassen, welche ihre Krankenkassen-Verwaltungsarbeit bzw. volks- oder betriebswirtschaftliche Sichtweisen mit Patienten-Versorgungsrealität bei krankheits- und beschwerdeorientierter Anamnese, Untersuchung, Diagnostik, Beratung, Therapie, Heilung, Linderung und Palliation verwechselt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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