NewsMedizinAnorexie: Oxytocin deckt emotionale Störung auf
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Anorexie: Oxytocin deckt emotionale Störung auf

Donnerstag, 13. März 2014

dpa

London – Ihre starke Fixierung auf Diät und Körperfigur könnte bei den zumeist weib­lichen Patienten mit Anorexia nervosa Folge einer sozialen Isolation sein, die Psychiater in zwei aktuellen Studien durch die Gabe des Hormons Oxytocin aufbrechen möchten.

Eines von 150 Mädchen entwickelt während der Pubertät eine Magersucht, die durch die Ernährungsstörung oder infolge von Suiziden zu den häufigsten Todesursachen junger Mädchen gehört. Therapeuten gelingt es häufig nicht, einen Kontakt zu ihren Patien­tinnen aufzubauen, die häufig allen Argumenten gegenüber unzugänglich bleiben.

Anzeige

Janet Treasure vom Institute of Psychiatry am Londoner King's College London vermutet, dass die „Isolation“ der Patientinnen die Folge einer tiefen Vertrauenskrise ist, die sie unfähig macht Bindungen mit anderen Menschen aufzunehmen. Das Hormon Oxytocin, das bei stillenden Müttern die Bindung zum Kind fördert und auch bei Partnerbe­ziehungen eine Rolle spielen soll, könnte nach Ansicht der Psychiaterin bei Anorexie-Patientinnen die Ketten sprengen, die eine therapeutische Verbindung verhindern.

Ihre Untersuchungen, die jüngst in PLOS One (2014; doi: 10.1371/journal.pone.0090721) und aktuell in Psychoneuroendocrinology (2014; doi: org/10.1016/j.psyneuen.2014.02.019) erschienen sind, zeigen, dass Anorexie-Patientinnen auf psychologische Schlüsselreize anders reagieren als andere Teenager, und dass Oxytocin hier eine Veränderung bewirken kann.

Im ersten Test wurden den 64 Probanden, 31 Anorexie-Patienten und 33 Kontrollen, Bilder zum Thema Essen (Speisen mit hohem und niedrigem Kaloriengehalt), Körperform (dünne und dicke Menschen) und Körpergewicht (verschiedene Skalen) gezeigt. Die Anorexie-Patienten reagieren bei diesen Tests besonders stark auf die von ihnen negativ empfundenen Bilder von hochkalorischen Nahrungsmitteln und adipösen Menschen. Nach der intranasalen Gabe von Oxytocin war die negative Aufmerksamkeit deutlich abgeschwächt, berichtet Treasure.

Eine ähnliche Wirkung wurde in einem zweiten Experiment erzielt. Dieses Mal wurden den gleichen Probanden Bilder von Menschen mit freundlichen, wütenden oder „ekeligen“ Gesichtern gezeigt. Die Teenager mit Anorexia nervosa reagieren normalerweise beson­ders stark auf „ekelige“ Gesichter, während sie den Blick auf wütende Gesichter meiden. Nach der Gabe des „Vertrauenshormons“ Oxytocin änderte sich die Aufmerksamkeit. Die Fixierung auf „eklige“ Gesichter wurde abgeschwächt, wütende Gesichter wurden für die Patientinnen interessanter. Es bestanden allerdings weiterhin Unterschiede zu den gesunden Probanden der Studie.

Treasure glaubt aufgrund der Ergebnisse, dass eine Behandlung mit Oxytocin die unbewusste Fixierung der Patientinnen auf Nahrungsmittel und Körperfigur abschwächen und die soziale Isolation abbauen könnte. Sie gesteht allerdings ein, dass derzeit völlig unklar ist, ob sich dies auch günstig auf die Essstörung der Patientinnen auswirkt. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

16. Juli 2019
Chapel Hill/North Carolina – Eine genomweite Assoziationsstudie, an der weltweit mehr als hundert Zentren beteiligt waren, hat acht Genvarianten gefunden, die laut den Ergebnissen in Nature Genetics
Genstudie: Ist Anorexia nervosa eine metabolisch-psychiatrische Erkrankung?
13. Mai 2019
Dresden – Die flächendeckende Beratung und Betreuung von Patienten mit Essstörungen verbessern will das „Netzwerk Essstörungen Sachsen“ (NESSA). Es gehört zum Zentrum für Essstörungen der Klinik für
Netzwerk Essstörungen Sachsen will flächendeckende Versorgung verbessern
6. Mai 2019
Fairfax/Virginia – Weibliche Jugendliche erkranken nach schweren und mit Antibiotika behandelten Infektionen häufiger an einer Essstörung. Dies kam in einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie in
Häufige Infektionen im Kindesalter könnten Essstörungen auslösen
19. Dezember 2018
Düsseldorf – Nordrhein-Westfalen (NRW) will die Versorgung von Patienten mit Essstörungen verbessern und hat dazu ein Handlungskonzept entwickelt. Es soll neue Impulse für Prävention, Beratung und
Handlungskonzept soll Versorgung von Patienten mit Essstörungen in NRW verbessern
26. April 2018
Düsseldorf – Essstörungen wie Bulimie und Magersucht werden in vielen Teilen Deutschlands immer häufiger diagnostiziert. Ausnahmen machen nur die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg. Darauf hat
Essstörungen auf dem Vormarsch
12. Februar 2018
Hamburg – Über Maßnahmen gegen den Schlankheitswahn in der Modebranche diskutieren Politiker von Union und SPD. „Size-Zero-Models gaukeln ein Ideal vor, welches weder ästhetisch noch gesund ist – mit
Politik diskutiert über Gesetzesregelungen gegen Schlankheitswahn
6. Februar 2018
Berlin – Einen deutlichen Anstieg der Essstörungsdiagnosen unter den 6- bis 54-jährigen AOK-Versicherten meldet das Gesundheitswissenschaftliche Institut Nordost (GeWINO) der AOK Nordost. Im Jahr 2010
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER