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Medizin

Tuberkulose in Deutschland: Migranten, Großstädte und Gefängnisse

Montag, 17. März 2014

Tuberkulose-Zentrum Berlin /dpa

Berlin – Deutschland gehört zu den Niedriginzidenzländern der Tuberkulose. Die neuesten Zahlen des Robert Koch-Instituts im Epidemiologischen Bulletin (2014; Nr 11/12: 91-99) sind nicht bedrohlich. Es gibt aber – wie in anderen Ländern auch – Gruppen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko.

Dem Robert Koch-Institut wurden im Jahr 2012 insgesamt 4.220 Neuerkrankungen an einer Tuberkulose gemeldet (97 weniger als im Jahr zuvor). Mit 5,2 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner gehört Deutschland damit zu den Niedriginzidenzländern. Europaweit beträgt die Inzidenz 40 pro 100.000 Einwohner, weltweit sind es sogar 122 pro 100.000. Hinzu kommt, dass weltweit nur zwei von drei Erkrankungen entdeckt werden. In Deutsch­land ist die Fallfindungsrate vermutlich höher.

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Auch die Behandlungsergebnisse in Deutschland sind besser als in den meisten ande­ren Ländern. Multiresistenzen (gegen die wichtigsten beiden Standardmedikamente Isoniazid und Rifampicin) sind selten. Der Anteil lag 2012 bei 2,3 Prozent, einzelne Resis­tenzen sind mit 12,7 Prozent aber häufiger. Im Jahr 2011 konnten mehr als 80 Prozent der Behandlungen erfolgreich abgeschlossen werden.

Todesfälle an der Tuberkulose sind in Deutschland verhältnismäßig selten. Im Jahr 2012 sind in Deutschland 146 Patienten an einer Tuberkulose gestorben (ein Anstieg um 2 Todesfälle gegenüber 2011), weltweit sterben nach Schätzungen der Weltgesund­heitsorganisation 1,3 Millionen Menschen an einer Tuberkulose.

Die großen Unterschiede zu den Hochinzidenzländern in Asien, Afrika, aber auch Ost­europa führen dazu, dass die Tuberkulose vor allem Migranten betrifft. Die Hälfte aller Tuberkulosekranken ist im Ausland geboren, viele haben sich dort infiziert, sind bei der Immigration latent infiziert und erkranken möglicherweise viele Jahre später in ihrer neuen Heimat. Da viele Migranten in den Ballungszentren leben, ist hier die Inzidenz höher als im Umland.

In München beträgt die Inzidenz 10 pro 100.000 Einwohner. Dort sind etwa 80 Prozent der jährlich circa 140 Tuberkulose-Patienten nicht in Deutschland geboren. Bei Asyl­suchenden wird in München regelmäßig ein Röntgen-Screening durchgeführt. Im Fall einer Erkrankung erfolgt eine Behandlung. Der sozialmedizinische Betreuungsaufwand ist laut Caroline Dreweck vom Alb-Donau-Kreis in Ulm gestiegen, da viele Immigranten keine Deutschkenntnisse haben und nicht krankenversichert sind.

Aktuell benötige jeder zweite Tuberkulose-Patient mit Migrationshintergrund in München Sozialleistungen. Die Behandlung erfolgt dann häufig direkt im Gesundheitsamt unter Überwachung, wie dies im Rahmen der Directly Observed Treatment (DOTS) in den Hochinzidenzländern von der Welt­gesund­heits­organi­sation empfohlen wird.

Risikogruppe Gefängnisinsassen
Eine weitere Risikogruppe sind Gefängnisinsassen. Hier ist es offenbar zu einem Anstieg der Erkrankungszahlen gekommen. Im Berliner Justizvollzug wurden 2007 bei den obliga­ten Röntgenuntersuchungen zum Haftantritt noch 177 Erkrankungen pro 100.000 gefunden, im Jahr 2013 waren es 401 pro 100.000.

Dies kann, wie Lena Bös vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuber­kulose in Berlin schreibt, mit einer Veränderung der Zusammensetzung der getesteten Personen (nach Alter, Geburtsland und Risikogruppen für TB) zusammen­hängen, es könnte aber auch auf einen tatsächlichen Anstieg an TB in deutschen Justizvollzugs­anstalten (JVA) hindeuten.

Die Behörden sind deshalb sensibilisiert, und 2012 wurden in einer JVA in Sachsen-Anhalt nach der Zufallsdiagnose bei einem Häftling - er hatte sich im Haftkrankenhaus einem elektiven operativen Eingriff  unterzogen – alle 574 männlichen Häftlinge und 330 Bedienstete geröntgt, bei 653 wurde ein immunologischer Test (IGRA) und bei 109 das Sputum untersucht. Insgesamt 9,2 Prozent waren IGRA-positiv, also nachweislich mit M. tuberculosis infiziert.

Eine offene TB wurde aber in keinem Fall nachgewiesen, bei zwei Patienten wurde später eine aktive Tuberkulose diagnostiziert, keiner hatte Kontakt mit dem Index­patienten. Die Sorge um eine Tuberkulose-Epidemie in der JVA war unbegründet. Carina Helmeke vom Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt in Halle empfiehlt, das Screening in Zukunft zunächst auf eine Röntgenthoraxuntersuchung zu beschränken, das ist kostengünstiger und ein Befund sei den Betroffenen auch leichter vermittelbar als ein positiver IGRA-Test.

Kein Grund zur Entwarnung
Trotz der insgesamt günstigen Situation besteht für das Robert Koch-Institut kein Grund zur Entwarnung. Die Zahl der Neuerkrankungen würde nach einem starken Abfall in den früheren Jahren kaum noch sinken, bei multiresistenten Erkrankungen gebe es sogar einen geringfügigen Anstieg, heißt es in der Pressemitteilung.

Die gemeinsamen Anstrengungen in der frühen Erkennung und Prävention der Tuber­kulose müssten intensiviert werden, fordert Reinhard Burger, Präsident des Robert Koch-Instituts, anlässlich des Welttuberkulosetages am 24. März, der in diesem Jahr unter dem Motto steht „Reach the three million – A TB test, treatment and cure for all“.

Das Forschungszentrum Borstel, zu deren Schwerpunkten die Tuberkulose gehört, hat Anfang des Jahres eine App für Smartphones entwickelt, die anhand von kurzen Filmen und bilingualen Aufklärungsmaterialien über die Erkrankung, die Symptome, Übertra­gungs­wege und Komplikationen einer TB-Infektion informiert. Bislang können die Informationen in 26 Sprachen angeboten werden. Weitere Sprachversionen sind geplant. Mangels ausreichender öffentlicher Förderung setzt das Forschungszentrum auf „crowdfunding“. Die App bittet um Spenden von Privatpersonen./rme

© rme/aerzteblatt.de

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