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Medizin

H1N1-Pandemie: Tamiflu hat Sterberate im Krankenhaus halbiert

Mittwoch, 19. März 2014

dpa

Nottingham – Wegen der unzureichenden Wirkungsbelege aus randomisierten klinischen Studien ist der Einsatz des Neuraminidase-Hemmers Oseltamivir (Tamiflu) bei Erkran­kungen mit dem Influenzavirus H1N1pdm09 („Schweinegrippe“) in die Kritik geraten. Eine vom Hersteller gesponserte Studie zieht in Lancet Respiratory Medicine (2014; doi: 10.1016/S2213-2600(14)70041-4) jetzt jedoch eine positive Bilanz der Pandemie 2009/10.

Die Post-Pandemic Review of Anti-Influenza Drug Effectiveness (PRIDE) hat die Daten von 29.234 Patienten ausgewertet, die während der Pandemie 2009/10 in sieben Ländern (darunter Deutschland) wegen einer schweren Influenza hospitalisiert wurden. Insgesamt 2.784 Patienten, also etwa jeder zehnte, war damals in der Klinik gestorben.

Das Team um Jonathan Van-Tam von der Universität Nottingham hat die Daten der einzelnen Patienten, die ihnen aus 78 Zentren übermittelt wurden, mit der Frage ausgewertet, ob die Behandlung mit einem Neuraminidase-Hemmer (zu 92 Prozent war dies Oseltamivir, sprich Tamiflu) die Überlebenschancen beeinflusst hat. Auf den ersten Blick war dies nicht zu erkennen. Die Patienten, die an der Grippe gestorben waren, hatten ebenso häufig Oseltamivir erhalten wie Patienten, die überlebten.

Dieser Vergleich ist allerdings sehr oberflächlich, da man annehmen muss, dass bevor­zugt Patienten mit einer schweren Grippe mit dem Medikament behandelt wurden. Das Instrument der Wahl für einen fairen Vergleich ist in diesem Fall eine Propensity Score Analyse, die im Idealfall wie in einer randomisierten klinischen Studie Patienten mit gleichen Eigenschaften gegenüberstellt. Van-Tam ermittelt in seiner Analyse tatsächlich einen Vorteil für den Neuraminidase-Hemmer. Er könnte die Sterblichkeit der wegen einer schweren Grippe hospitalisierten Patienten gesenkt haben.

Wie vom Wirkungsmechanismus her zu erwarten, war die Wirkung besonders gut, wenn die Patienten frühzeitig behandelt wurden. Wenn sie bereits in den ersten 48 Stunden nach Einsetzen der Symptome Oseltamivir oder einen anderen Neuraminidase-Hemmer erhielten, wurde das Sterberisiko sogar halbiert: Van-Tam errechnet eine adjustierte Odds Ratio (OR) von 0,50 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,37-0,67) für die Gesamtgruppe der Erwachsenen ab 16 Jahren.

Für Kinder wurde nur ein nicht-signifikanter Trend ermittelt (OR 0,85; 0,47-1,53). Besonders stark profitierten Intensivpatienten (OR 0,31; 0,20-0,47 für Erwachsene, 0R 0,76; 0,34-1,67 für Kinder) und Schwangere (Odds Ratio 0,16; 0,04-0,67). Ab dem dritten Tag nahm die Schutzwirkung ab. Mit jedem Tag der Verzögerung stieg das Sterberisiko um 23 Prozent (Hazard Ratio der 1,23; 1,18-1,28).

Van-Tam ist aufgrund der Untersuchung der Ansicht, dass die Entscheidung der Regierungen sich mit Tamiflu zu bevorraten richtig war. Seiner Ansicht nach sollte der Wirkstoff im Fall einer Grippe so früh wie möglich eingesetzt werden. In einer weiteren Studie wollen die Forscher jetzt untersuchen, ob Tamiflu auch die Rate der Hospitali­sierungen, das Auftreten von Pneumonien und die Notwendigkeit einer intensivmedizi­nischen Behandlung gesenkt hat.

Ergebnisse sollen Mitte 2015 vorliegen. Van-Tam versichert, dass der Hersteller Roche keinen Einfluss auf die Planung der Studie oder die Sammlung, Analyse und Auswertung der Daten hatte und nicht an der Publikation beteiligt war. Kritiker werden darauf hinweisen, dass bei jeder Untersuchung dieser Art das Risiko von Verzerrungen nicht ausgeschlossen werden kann. © rme/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #672798
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am Donnerstag, 20. März 2014, 11:04

Überschrift vermittelt falschen Eindruck

Ja das werden Kritiker zu Recht behaupten. Vor dem HIntergrund des hohen Risikos von Verzerrungen und des ausgebliebenen Nachweises eines relevanten Nutzens im Rahmen rigoroserer Designs, sollten Überschriften unbedingt vorsichtiger formuliert werden.
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