NewsPolitikPersonalisierte Medizin: Wie gehen wir mit Big Data um?
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Personalisierte Medizin: Wie gehen wir mit Big Data um?

Montag, 24. März 2014

fotolia

Köln – Die Fortschritte in der Informatik und der Mikrosystemtechnik machen es möglich: Immer mehr mit technischer Intelligenz ausgestattete Geräte erzeugen immer mehr Daten. Dieser Trend betrifft nicht mehr nur die IT-gestützte Kommunikation etwa per Smartphones, sondern findet sich ebenso in intelligenten Assistenzsystemen von Fahrzeugen, in „Smart-Home“-Lösungen und zunehmend auch im Fitness- und Gesund­heitsbereich. Beispiele hierfür sind die „Quantified Self“-Bewegung oder auch die Entwicklung von Wearables wie Google Glass.

„Wir stehen hier erst am Anfang der Entwicklung“, erklärte Stefan Wrobel,  Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS), beim Fachkongress PerMediCon in Köln. Rund 400 Experten aus zehn Ländern diskutierten am 20. und 21. März auf der zum vierten Mal veranstalteten Kongressmesse für persona­lisierte Medizin über Fortschritte und Herausforderungen der personalisierten Medizin sowie deren Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung.

Anzeige

Ein Aspekt dabei ist Big Data, die intelligente Verknüpfung und das Management großer Datenmengen. „Es gibt immer mehr Devices, die Gesundheitsdaten erfassen: So hat das MIT (Massachusetts Institute of Technology) etwa eine Tasse entwickelt, die den Tremor von Parkinson-Patienten auswertet. Google entwickelt eine Kontaktlinse, die den Gluko­se­spiegel im Auge misst – das ist eine Riesenmenge von Daten, die permanent online übertragen werden. Allerdings ist die Infrastruktur im Gesundheitswesen noch nicht da ist, um das aufzu­nehmen. In anderen Industriezweigen gibt es das schon“, meinte Peter Grolimund, Teradata GmbH (Schweiz). Die Daten seien ein Riesenpotenzial, aber politisch-gesellschaftliche Diskussionen machten den Schritt nicht einfach, sie auch zu nutzen.

„Wir haben Riesendatenmengen, wir wissen nur nicht, was wir damit anfangen sollen“, gab Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Telematikausschusses der Bundes­ärzte­kammer, zu bedenken.  Zunächst gelte der alte Spruch: „Wer viel misst, misst auch viel Mist.“  Wesentlich seien die Fragen: Was messe ich und warum messe ich es? 

Qualität der Daten muss stimmen
„Die Tremor-Messung bei Parkinson-Patienten ist für die Betroffenen ein riesengroßer Gewinn. Das Gleiche gilt für die Überwachung von chronischen Diabetikern. Allein die Menge der Daten führt uns aber nicht weiter, sondern nur die Qualität und was wir aus diesen Datenmengen Positives herausziehen können, um es in der Patientenversorgung sicher anwenden zu können“, sagte Bartmann.

Für Big Data spielten nicht nur das Volumen, sondern auch die Geschwindigkeit und die Vielfalt der Daten eine Rolle, „und die Vielfalt ist es, die uns in der Medizin beschäftigen muss“, erläuterte IT-Experte Wrobel. Ihm zufolge sind es die Konsumenten und Patienten selbst, die die Big-Data-Entwicklung vorantreiben, indem sie Biosignale etwa mit ihrem Smartphone und entsprechenden Sensoren messen.

Dabei handele es sich aber nicht um zuverlässige, geeichte medizinische Geräte, auch entsprächen die Rahmenbedingungen der Datenerhebung nicht denen einer klinischen Studie. Ähnlich ist es mit den Informationen aus Online-Patiententagebüchern und Ein­trägen in Social Networks. Die daraus generierten Informationen und Daten seien „in ihrer Einzelheit sehr schwach, nicht verlässlich, möglicherweise sogar falsch“.

Dezentrales Konzept für die Datennutzung notwendig
„Wenn wir diese Daten sinnvoll analysieren wollen, müssen wir sie verknüpfen, damit wir  Zusammenhänge herstellen können“, betonte Wrobel. Technisch gebe es dafür mittler­weile gute Lösungen. Gleichzeitig sei das nicht nur eine technische Frage, sondern die mit der Verknüpfung verbundenen Fragen – wie wollen wir die Daten nutzen, wer hat die Kontrolle? – müssten erst  gelöst werden. Wrobel zufolge muss man sich hierbei von der Vorstellung verabschieden, dass eine deutsche Superbehörde oder Organisation eine zentrale Lösung verordnen kann, sondern vielmehr ein dezentrales Konzept entwerfen, das neue Anwendungen jederzeit integrieren kann.

Noch vor zehn oder zwanzig Jahren war laut Wrobel eine zentralistische Perspektive rein technisch notwendig, weil man das Design von anderen Systemen nicht beherrscht hat. Mittlerweile gebe es aber die Möglichkeit, Daten anonymisiert und unter Schutz der Privatsphäre zu analysieren. „Wir sind in der Lage, Analytik auf großen Datenbeständen zu betreiben, ohne dabei Daten zentralisieren zu müssen. Man kann nur die Politik, die Gesellschaft einladen, das auch anzunehmen.“  

Gesellschaftliche Diskussion braucht Zeit
Die Frage nach dem Mehrwert und mehr Evidenz durch Big Data in der Medizin beantwortet Wrobel eindeutig positiv: „Die technischen Voraussetzungen sind da. Wir sehen auch sehr deutlich den Nutzen, den das bringen kann. Dennoch brauchen die gesellschaftlichen Diskussionen Zeit.“

Ähnlich ist das aus Sicht der Ärzte: „Wir sind noch nicht gut genug aufgestellt für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit von Daten. Zum Teil ist das ein biologischer Prozess, das heißt, die nachwachsende Generation wird mit Daten ganz anders umgehen  als diejenige, die kurz vor Aufgabe ihrer praktischen Tätigkeit ist“, meinte Bartmann. Gleich­wohl heiße das nicht, dass man nichts tun könne und müsse. Die intensive Befassung mit diesem Thema sei noch nicht verbreitet. „Es gibt sehr viel zu tun.“ © KBr/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

29. September 2020
Brüssel – In elf EU-Staaten können Nutzer von Corona-Warn-Apps noch in diesem Herbst ihre Kontakt-Daten anonym länderübergreifend abgleichen und sich so vor möglichen Infektionen warnen lassen.
EU-Länder tauschen Daten der Corona-Warn-Apps aus
25. September 2020
Berlin – Für bessere IT-Lösungen und eine Finanzierung der durch die Digitalisierung entstehenden Aufwände sprechen sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Kassenärztlichen
KBV und KVen fordern bessere IT-Lösungen
25. September 2020
Berlin – Eine Handreichung zur Umsetzung von Videosprechstunden in der Praxis stellt ab sofort die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) bereit. Die Handreichung ist in acht Themenblöcke unterteilt, die einen
BÄK stellt Informationen für Organisation von Videosprechstunden bereit
25. September 2020
Berlin – Die Akzeptanz der Videosprechstunde hat im Zuge der Coronapandemie ist hat stark zugenommen. Das macht eine eine Umfrage unter 2 240 Ärzten deutlich: Mehr als die Hälfte der befragten Ärzte
„Die Coronapandemie hat sehr schön die Möglichkeiten der Videosprechstunde aufgezeigt“
25. September 2020
Bad Neustadt – Der Klinikbetreiber Rhön-Klinikum zieht sich aus seiner Mehrheitsbeteiligung am deutschen Ableger des Schweizer Telemedizin-Anbieters Medgate zurück. Man habe den 51-Prozent-Anteil an
Rhön-Klinikum gibt Beteiligung an Telemedizin-Anbieter auf
23. September 2020
Berlin – Ein großartiger Erfolg, ein gutes Werkzeug oder ein Rockstar des Public Privat Partnership: Die Bewertung der deutschen Corona-Warn-App fällt für die Bundesregierung und die beiden
Corona-App setzte bislang 5.000 Warnmeldungen ab
23. September 2020
Stuttgart – Die Hälfte der Hausärzte sieht in dem nationalen Gesundheitsportal der Bundesregierung große Unterstützungspotenziale für ihre Arbeit. Das geht aus einer Umfrage unter 745 Hausärzten aus
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER