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Politik

Transplantations­prozess: Vorwürfe gegen Leberchirurgen finden sich in Ergebnissen der Prüfungskommmission

Dienstag, 25. März 2014

Göttingen – Im Strafverfahren gegen einen ehemals an der Universitätsklinik in Göttin­gen (UMG) beschäftigten Transplantationsmediziner, den Viszeralchirurgen Prof. O., haben mehrere Zeugen den Angeklagten belastet und verdeutlicht, wie mögliche gravierende Regelverstöße abgelaufen und begünstigt worden sein könnten. Dem 46-jährigen Arzt wird vorgeworfen, Daten von Patienten manipuliert zu haben, mit dem Ziel, dass diese bei der Vergabe postmortaler Lebern bevorzugt würden – was laut Anklage bei elf Patienten auch tatsächlich der Fall war.

Das begründe den Vorwurf des versuchten Totschlags, weil dadurch andere, dringlicher auf der Warteliste stehende Patienten nicht regelkonform zum Zuge kamen und  mög­licher­weise starben. Bei drei Patienten sei die Indikation zur Lebertransplantation nicht gegeben gewesen, sie starben an Komplikationen der Transplantation, die Risiken hätten den Nutzen voraussehbar überwogen.

Bei der gestrigen Verhandlung berichtete eine Kriminalkommissarin von der Vernehmung eines ehemals in der Abteilung Transplantationschirurgie beschäftigten Arztes, die der angeklagte Viszeralchirurg zwischen 2008 und 2011 verantwortlich geleitet hatte. Dem von der Polizistin vernommenen Arzt waren bei einem Patienten unerklärliche Diskre­panzen zwischen den Kreatinin- und Harnstoffwerten aufgefallen, außerdem sprunghafte Anstiege des INR-Wertes als Funktionsparameter für die Blutgerinnung auf mehr als 5, ohne dass der potenziell lebensbedrohliche Wert offenbar eine therapeutische Konsequenz hatte.

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Vermutet wird, dass Mitarbeiter über fiktive Schwankungen informiert waren. Die Werte seien dann wieder gesunken. Auch seien Dialysen bei einem Leberkranken angegeben worden – sie erhöhen die Dringlichkeit auf der Warteliste – obwohl der Patient zu diesen Zeitpunkten gar nicht stationär behandelt wurde. Der Arzt hatte dem Vernehmungs­protokoll zufolge für die Transplantation eines selbstzahlenden Patienten aus einem Land außerhalb des Eurotransplantverbundes seine private Adresse als Wohnort des Patienten angegeben. Er habe sich diese „verwaltungstechnische Erleichterung“ ausgedacht, nachdem Post an den Patienten mit erforderlicher Rückmeldung unbeantwortet geblieben war, und er habe anschließend die vom Patienten ausgefüllten  Schriftstücke dem Angeklagten weitergeleitet.

Patient aus Russland reiste mit nicht evaluierten Lebendspendern an
Eine 41-jährige Ärztin, die Patienten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion medizi­nische Behandlungen in deutschen Kliniken vermittelt, erschien als Zeugin. Sie gab an, für einen russischen Patienten mit Leberversagen vermutlich alkoholtoxischer Genese, hepatischer Enzephalopathie, Sepsis und Dekubitus bei unklarer Alkoholkarenzzeit im Jahr 2011 eine Universitätsklinik für die Lebertransplantation gesucht zu haben.

Dieser Patient ist einer der drei sogenannten Manipulationsfälle: Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war der MELD-Wert, der Score für die Dringlichkeit, durch Mani­pulation der Patientendaten von 26 auf 36 gestiegen, der Patient von bestenfalls Platz 34 zum Zeitpunkt der Allokation auf Platz 2 geschnellt. Außerdem sei die in den Richt­linien der Bundes­ärzte­kammer vorgegebene Alkoholabstinenz von sechs Monaten nicht gegeben gewesen, so die Staatsanwaltschaft.

Mutter und Bruder hätten sich als potenzielle Lebendspender von Teillebern zur Verfü­gung gestellt, berichtete die Zeugin, ohne dass über die Blutgruppenkompatibilität hinaus deren Eignung geprüft gewesen wäre und entsprechende Dokumente vorgelegen hätten. Sie habe fünf bis sechs Unikliniken kontaktiert und drei Zusagen erhalten. Auf Göttingen sei die Wahl gefallen, weil die Rückmeldung von dort am schnellsten kam und die Erreichbarkeit gut war. Es seien circa 350.000 Euro Honorar für die ärztlichen Leistungen der Klinik vereinbart und im Voraus gezahlt worden. Sie selbst erhalte eine Provision. Als sich die beiden potenziellen Lebendspender nach der Vorstellung an der UMG als ungeeignet erwiesen, hatte der Patient ein postmortales Organ erhalten.     

Die Entscheidungen von  Vorgesetzten „bona fide“ akzeptiert
Gestern wurde ebenso wie bei früheren Prozesstagen deutlich, wie ein bestimmtes Verständnis der Akzeptanz von Krankenhaushierarchien ein aus Sicht der Staats­anwaltschaft und auch der Bundes­ärzte­kammer gegebenes gravierendes Fehlverhalten des Angeklagten begünstigt haben könnte. Patientenrelevante Entscheidungen oder Verhaltensweisen von Vorgesetzten wurden von vielen Mitarbeitern offenbar nicht hinterfragt, zumindest nicht nach außen, so dass formal bestehende Möglichkeiten fachlicher Qualitätskontrollen ungenutzt blieben.

Ein bis Ende Januar dieses Jahres an der UMG beschäftigter Arzt sagte aus, er habe als Assistenzarzt zwar Arztbriefe von Patienten, die er mitbetreute, geschrieben, aber Änderungen durch Oberärzte oder den Chefarzt nicht hinterfragt, sondern „als Fach­wissen von Vorgesetzten bona fide“ als Korrektur akzeptiert und selbst mit unter­schrieben. „Das ist die Rolle der Assistenten in der Weiterbildung“ sagte der Arzt.

Konkret ging es um die Frage, ob Symptome bei einem zur Transplantation gemeldeten Patienten, den der Zeuge mit untersucht hatte, bestanden und korrekt dokumentiert waren. Auch wurde ein  „ausführliches“ Aufklärungsgespräch zur Lebertransplantation im Arztbrief vermerkt, nachdem zuvor festgestellt worden war, dass alle Laborparameter im altersentsprechenden Bereich lägen, und nach Meinung von Staatsanwaltschaft, Neben­klage und mehreren Gutachtern die Indikation zur Lebertransplantation nicht gegeben war. Der Angeklagte bestreitet sowohl falsche Indikationsstellungen als auch Manipu­lation von Patientendaten.

Bundes­ärzte­kammer veröffentlicht Ergebnisse der Einzelfallprüfung 
Die Prüfungs- und Überwachungskommission bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat jetzt in anonymisierter Form den detaillierten Bericht über Einzelfallprüfungen an der UMG von Lebertransplantationen in einem Zeitraum, in dem der Angeklagte dort arbei­tete, veröffentlicht (www.baek.de/transplantationsmedizin). Der Bericht wurde erst jetzt von der Staatsanwaltschaft freigegeben.

105 Transplantationen wurden überprüft. Bei 79 Patienten stellte die Kommission Richtlinienverstöße fest, die sie zum großen Teil als „bewusst“ und „systematisch“ bewertete. Die Kommission fand auffällige, sprunghafte Laborwertveränderungen, für angegebene Befunde fehlende diagnostische Untersuchungen, „dringenden Verdacht auf Manipulation, falsche Indikationen und „unnötige“ Transplantationen. Die Ergebnisse ihrer Prüfungen hatte die Kommission vor Eröffnung des Strafverfahrens an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.  

Die Verteidigung appellierte gestern an das Gericht, den Sachverständigen Wolf Otto Bechstein von der Universitätsklinik Frankfurt/M., von seinen Aufgaben als Gutachter für das Gericht freizustellen. Die Rechtanwälte halten Bechstein in dieser Angelegenheit für parteiisch. Er befrage den Angeklagten und Zeugen einseitig und komme zu fachlich ungerechtfertigten Schlüssen. Er habe außerdem Interessenskonflikte insoweit, als er in vielen für die Transplantationsmedizin wichtigen Gremien wie der BÄK, der Deutschen Stiftung Organtransplantation und bei Fachgesellschaften vertreten sei. Das Gericht wird sich zu dieser Aufforderung äußern müssen, noch ist es kein förmlicher Befangen­heitsantrag.

Der Strafprozess hat im August letzten Jahres begonnen. Ein Urteil wird nicht vor Juni erwartet.

© nsi/aerzteblatt.de

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