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Transplanta­tionsskandal in Göttingen: Prüfbericht beleuchtet neue Details

Donnerstag, 27. März 2014

Berlin – Zu welchen Verstößen es 2010/11 konkret am Göttinger Universitätsklinikum kam, dessen damaliger Leiter der Transplantationsmedizin derzeit vor Gericht steht, zeigt ein jetzt von Prüfungskommission und Überwachungskommission auf der Internetseite der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) veröffentlichter Kommissionsbericht. Der Bericht konnte erst nach Freigabe durch die Staatsanwaltschaft abgeschlossen und veröffentlicht werden.

Sonderprüfer der Prüfungs- und der Überwachungskommission (PÜK) der BÄK , der Deutschen Krankenhausgesellschaft und des Spitzenverbandes der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung suchten das Göttinger Transplantationszentrum fünfmal auf und sichteten 105 Patientenakten. Dabei stellten sie in 79 Fällen Richtlinienverstöße fest – mehr als in dem Prozess um den Göttinger Transplantationschirurgen verhandelt werden.

Die meisten Manipulationen brachten die Vor-Ort-Prüfungen der PÜK bereits im September  ans Licht. In vier Zentren – an den Universitätskliniken Göttingen und Leipzig sowie in zahlenmäßig geringerem Ausmaß in München rechts der Isar und in Münster – gab es in den Jahren 2010/11  systematische Manipulationen bei Lebertransplantationen. Die Prüfungen sind Teil des nach dem Transplantationsskandal im Sommer 2012 auf neuer gesetzlicher Grundlage ausgeweiteten Kontrollsystems im Transplantationswesen.

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Am Göttinger Transplantationszentrum fanden die Prüfer falsche Angaben zu möglichen Einschränkungen der Aufnahme in die Warteliste, zahlreiche Falschangaben zu Dialysen, Hinweise auf gefälschte  Laborwerte zur Berechnung des MELD-Scores, unerklärliche Angaben im Zusammenhang mit der Beantragung einer sogenannten Standard Exception (SE) oder des beschleunigten Vermittlungsverfahrens. Manche Patienten hätten aufgrund der Größe und einer extrahepatischen Metastasierung eines Hepatozellulären Karzinoms oder aufgrund aktiven Alkoholkonsums auch gar nicht gelistet werden dürfen.

Andere Patienten sind nach Angaben der Prüfer auch erst durch die Transplantation schwer krank geworden. Beispielsweise belegen Unterlagen eine zweimalige Lebertransplantation eines Patienten mit einer Zirrhose bei chronischer Hepatitis C, wobei die Explantat-Pathologie des ersten transplantierten Organs eine zu 90 Prozent verfettete Leber ergab. Die eigene Leber des Patienten war offensichtlich besser gewesen als die transplantierte. In den Aktenauszügen fand die Kommission den  Vermerk: „Konservative Behandlung hätte wohl ausgereicht“.

Der Kommission fiel ferner auf, dass Laborwerte, die eine deutliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes anzeigten, mehrfach ohne therapeutische Konsequenzen blieben. Dies sei ein starkes Indiz dafür, dass die beteiligten Ärzte diese nicht als reale Anzeichen für eine gesundheitliche Verschlechterung ansahen –  wohl weil sie wussten, dass sie nicht den tatsächlichen Gesundheitszustand wiedergaben, heißt es in dem Bericht. Transplantationskonferenzen sind der Untersuchung zufolge – sofern sie überhaupt stattfanden – in Göttingen nicht protokolliert worden.

Die erfolgten nicht anlassbezogenen Kontrollen in den Lebertransplantationszentren, die erst seit der Novelle des Transplantationsgesetzes im August 2012 möglich sind, sollen fortgesetzt werden. Alle Zentren sollen  mindestens einmal in einem Zeitraum von 36 Monaten vor Ort geprüft werden. © ER/aerzteblatt.de

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