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Politik

Wissenschaftler sehen Arztserien kritisch

Freitag, 28. März 2014

Berlin – Operationen in der „Sachsenklinik“ findet Schauspieler Thomas Rühmann eher langweilig: „Man sieht ja sowieso nur die Augen.“ Die ARD-Fernsehserie „In aller Freundschaft“, in der Rühmann Chefarzt Roland Heilmann spielt, schalten rund sechs Millionen Zuschauer ein. Oft geht alles gut aus in dieser heilen Fernsehwelt.

Auf dem Chirurgenkongress in Berlin fragten sich Mediziner und Medienwissenschaftler am Freitag jedoch, ob sich aus Arztserien im öffentlich-rechtlichen TV nicht mehr machen lässt - in Sachen Gesundheit und Bildung. In den USA funktioniere das mit Formaten wie „Dr. House“ bereits wunderbar.

„Gutes Entertainement kann Leben retten“
Der Marburger Uni-Mediziner Jürgern Schäfer ist bekannt dafür, dass er „Dr. House“ seit sechs Jahren in Seminaren für seine Studenten nutzt. Er findet die US-Serie, in der es um seltene Erkrankungen geht, ausgezeichnet recherchiert. So gut, dass er sich bei dem schweren Leiden eines Patienten nach dem Einsatz einer Hüftprothese an eine Dr.-House-Folge erinnert fühlte: Es könnte ja auch eine Kobaltvergiftung sein – und es war tatsächlich eine. „Gutes Entertainement kann Leben retten“, sagt er dazu.

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Dass Gesundheitsaufklärung in amerikanischen Fiction-Fernsehformaten so gut funktioniert, hat einen Grund. Die nationale Gesundheitsbehörde biete Drehbuchschreibern medizinische Beratung an, berichtet Schäfer. „So etwas würde ich mir in Deutschland auch wünschen. Wir verschenken da viel Potenzial bei der Gesundheitsaufklärung.“

Marion Esch, Medienwissenschaftlerin an der Technischen Universität, untersucht die Inhalte von deutschen Arztserien schon länger. „Es gibt bei uns kein ausdrückliches Verständnis dafür, dass Fernsehunterhaltung bilden soll“, kritisiert sie. Das High-Tech-Land Deutschland mit seinen Forschungserfolgen in Medizin und Naturwissenschaften, Technologie und Informatik spiegele sich im „Süßstoff“ der Produktionen kaum wider.

Ein weiblicher Chefarzt ist kaum vorstellbar
Dabei hätten TV-Serien durchaus Einfluss auf Berufswünsche. Die US-Produktion „CSI“ mit ihrem Schwerpunkt auf Beweis- und Spurensicherung habe in allen Ländern, in denen sie ausgestrahlt wird, für mehr Studienanfänger im Fach Forensik gesorgt. Und noch eines stört Professorin Esch: Das Frauenbild in deutschen Arztserien.

Ein weiblicher Chefarzt sei kaum vorstellbar. „Und wenn eine Frau richtig Karriere macht, ist sie schnell eine Rabenmutter.“ Ihre Studentinnen hassten diese Stereotype, berichtet Esch. In US-Serien sei auch das völlig anders.

Edmund Neugebauer, Experte für chirurgische Forschung an der Uni Witten/Herdecke, hat nichts gegen deutsche Arztserien. Aber auch er sieht Möglichkeiten für mehr. „Wenn Folgen zeigten, wie sich selbstbewusste und mündige Patienten im Krankenhaus verhalten, wäre das toll“, sagt er. „Ich berate das Fernsehen da gern“. Denn noch immer erklärten viele Ärzte zu wenig – und Patienten fragten auch oft kaum nach. Neue Vorbilder im TV wären deshalb gut.

Sven Miehe, Produzent von „In aller Freundschaft“, sieht deutsche Arztserien in einer extremen Heile-Welt-Tradition stehen. Auch wenn Krankheit in der Realität oft das Gegenteil bedeute, fürchtet er, bei einem Wandel Zuschauer zu verlieren. Medien­wissenschaftlerin Esch hält mit Blick auf die Zukunft dagegen. Junge Leute schauten ohnehin die US-Serien auf privaten Sendern. Die deutschen Formate bei ARD und ZDF würden von Senioren bevorzugt. © dpa/aerzteblatt.de

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