Politik

Ethikrat-Vorsitzende für ärztliche Suizid-Hilfe in Extremfällen

Dienstag, 1. April 2014

München – Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, plädiert dafür, in extremen Ausnahmefällen ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung zuzulassen und straffrei zu stellen. „Für die wenigen Menschen, deren Todeswunsch trotz aller Bemü­hungen beständig bleibt und die aufgrund von schwerem, nicht abwendbarem Leid ihrem Leben ein Ende setzen wollen, sollte der Arzt seinem Gewissen folgen dürfen“, sagte die Medizinerin dem Magazin Focus.

„Wenn der Arzt auf der Grundlage einer langdauernden und guten Kenntnis des Patienten zu dem Schluss kommt, dass er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, ihm ein Mittel für den Suizid zu Verfügung zu stellen, dann sollte dies als existenzieller Ausnahmefall akzeptiert werden“, so Woopen. Der Gesetzgeber solle sich darauf beschränken, nur bei „Leichtfertigkeit und Missbrauch einzugreifen“.

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Die Ethikrat-Vorsitzende nannte es aber auch „ein Gebot der Moral und eine gesellschaftliche Pflicht, dass wir einen Todeswunsch nicht so schnell wie möglich erfüllen“. Vielmehr solle der oft noch vorhandene Lebenswille angesprochen und der Mensch durch die moderne Schmerzmedizin achtsam begleitet werden. Entschieden wandte sich Woopen gegen Vereine, die Suizid „wie eine normale Dienstleistung anbieten“.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, wandte sich vor kurzem gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt ausdrücklich gegen Tötung auf Verlangen. Es sei nicht würdig, „sein Leben weggespritzt zu bekommen“. Würdig sei es vielmehr, sein Leben zu Ende zu leben, denn das Sterben sei Teil des Lebens.

Der Bundestag will noch in diesem Jahr ein Gesetz zur Suizidbeihilfe beschließen. Teile von Union und SPD haben sich für eine Regelung ausgesprochen, bei der nicht nur die auf Gewinn ausgerichtete Beihilfe zum Suizid, sondern jegliche organisierte Form der Beihilfe zur Selbsttötung verboten wird. © kna/EB/aerzteblatt.de

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advokatus diaboli
am Mittwoch, 2. April 2014, 09:19

Keiner weiteren „Ethisierung“ Vorschub leisten!

Das kurze Statement der Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats überzeugt, und zwar insbesondere dann, wenn der Deutsche Ethikrat insgesamt einer weiteren berufsständischen Ethisierung der „Sterbehilfe-Debatte“ eine konkrete Absage erteilt und sich vielmehr an den gebotenen rechtsethischen Prämissen orientiert, die sich normativ auf dem Grundgesetz ergeben.

Dass der Präsident der BÄK sich nicht „einsichtig“ zeigt, verwundert indes nicht, drängt dieser doch mit Blick auf den „Selbstverwaltungsgedanken“ auf noch mehr „Autonomie“, die einzuräumen sich durchaus als problematisch erweist. Nicht zuletzt das kategorische Verbot der ärztlichen Suizidassistenz dokumentiert eindrucksvoll, dass auch die ärztlichen Selbstverwaltungskörperschaften an den rechtsethischen Grundstandard nicht „nur“ anzubinden, sondern vor allem zu verpflichten sind!

Dort, wo die berufsständische „Normsetzungskompetenz“ zu gravierenden Grundrechtseingriffen führt, muss der parlamentarische (Landes-)Gesetzgeber für sachgerechte Korrekturen sorgen, wenngleich es sicherlich sinnvoll wäre, die Möglichkeit der ärztlichen Mitwirkung bei einem frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten und sterbenden Menschen in einem Bundesgesetz zu regeln, so dass die Einheit der Rechtsordnung gewahrt bleibt!

Es darf daran erinnert werden, dass das Statement der Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates sich nahtlos an die bisherigen Stellungnahmen der Ethikräte sowohl auf Bundes- als auch Landesebene anschließt, wonach davon ausgegangen wird, dass es für die Ärzteschaft Sinn macht, selbst auf eine liberale Regelung der Suizidassistenz zu setzen.

Dass dies derzeit nicht der Fall ist, ist mehr als bedauerlich und ist – wie zu vermuten ansteht – einem neopaternalistischen Kurs des gegenwärtigen Präsidiums der BÄK geschuldet, dass da meint, mit seiner berufsständischen Ethik gleichsam eine „parallele Sollens- und damit Wertordnung“ mit Blick auf das frei verantwortliche Sterben errichten zu können, ohne hierbei die zentralen Wertentscheidungen unseres Grundgesetzes zur Kenntnis zu nehmen.

Dass die BÄK hierbei „Schützenhilfe“ von einigen ethischen Überzeugungstätern bekommt, macht den bedenklichen Umstand nicht unbedingt erträglicher, da auch die ethischen Überzeugungstäter eine Rückbindung ihrer Thesen an den unhintergehbaren Standard des Grundgesetzes „schmerzlich“ vermissen lassen.

Die BÄK wird ihren neopaternalistischen „Ethikkurs“ nicht verlassen und insofern ist der parlamentarische Gesetzgeber dringend aufgefordert, nicht „nur“ wegen des Parlamentsvorbehalts die „Sterbehilfeproblematik“ umfassend und abschließend zu regeln.

Es geht nicht darum, dass Ärzte ihre schwersterkrankten und sterbenden Patienten „wegspritzen“, wie sich der Präsident der BÄK mal wieder martialisch auszudrücken pflegt, sondern dass es für den einen oder anderen Arzt ein arztethisches Gebot sein kann, bei einem frei verantwortlichen Suizid eines schwersterkrankten Patienten zu assistieren und zwar ungeachtet der ohnehin zweifelhaften These, dass hiermit der Arzt gegen zentrale berufsethische Prinzipien verstoßen würde, wonach er stets und immer das „Leben“ zu schützen habe.
Dem ist mitnichten so, wie sich aus der Schwangerschaftsabbruchsproblematik ergibt.

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