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Politik

Rauschtrinken unter Jugendlichen bleibt problematisch

Montag, 7. April 2014

dpa

Berlin – Alkohol bis zum Umfallen: Beim „Rauschtrinken“ unter Jugendlichen zeichnet sich keine Trendwende ab. Fast jeder fünfte Zwölf- bis 17-Jährige betrinkt sich mindestens einmal im Monat, wie eine am Montag vorgestellte Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt. Das waren etwa so viele wie im Jahr 2010. Die positive Nachricht: Immer mehr Jugendliche lassen die Finger ganz vom Alkohol.

Die zugrunde liegenden Daten stammen aus dem Jahr 2012. Für die Untersuchung wurden 5.000 junge Leute befragt. Demnach betrinken sich 17,4 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren mindestens einmal im Monat. Das sind kaum weniger als 2010, als der Anteil bei 18,2 Prozent lag. Bei den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren stieg der Anteil der Rauschtrinker sogar binnen zwei Jahren von rund 42 auf 44 Prozent.

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Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) warnte vor Gesundheitsgefahren. Rauschtrinken stelle „gerade für Jugendliche“ ein erhebliches Risiko dar und könne zu einer lebensgefährlichen Alkoholvergiftung führen. Auch 2013 mussten wieder mehr als 26.000 Kinder und Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. „Es ist an der Zeit, dass ein gesellschaftliches Umdenken zu einem verantwortungsvollen Alkoholkonsum stattfindet“, forderte Mortler.    

Zwar geht der regelmäßige Alkoholkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit den 1970er Jahren kontinuierlich zurück. Allerdings trinkt laut Umfrage noch immer gut jeder Dritte (32 Prozent) der über 16-Jährigen mindestens einmal pro Woche Alkohol. Von den 16- und 17- Jährigen trinken sogar fast genauso viele regelmäßig Alkohol wie bei den jungen Erwachsenen.

Nahezu unverändert ist seit 2010 auch der Anteil junger Menschen, die Alkoholmengen trinken, die selbst für Erwachsene riskant sind.

Immer mehr Jugendliche trinken gar keinen Alkohol mehr  
Einen Lichtblick gibt es allerdings: Immer mehr Teenager lassen die Finger ganz vom Alkohol. 30 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen gaben 2012 an, noch nie in ihrem Leben getrunken zu haben, wie BZgA-Direktorin Elisabeth Pott betonte. Zehn Jahre zuvor lag der Anteil lediglich bei 13 Prozent. Pott sprach von einer „positiven Entwicklung“ ähnlich wie bei den jugendlichen Rauchern, deren Anteil ebenfalls deutlich gesunken ist.

Die BZgA organisiert seit 2009 eine Präventionskampagne gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen, die von dem Verband der Privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) unterstützt wird. Ein Schwerpunkt der Kampagne „Alkohol? Kenn dein Limit“ ist die Arbeit in Schulen. Es gehe darum, „ohne erhobenen Zeigefinger“ deutlich zu machen, dass Alkoholmissbrauch sehr schädlich sei, sagte Mortler.

Auch Pott verwies auf die gesundheitlichen Gefahren. Alkohol in jungen Jahren könne Schäden im Gehirn und an anderen Organen verursachen, warnte sie. Gerade das Gehirn der Jugendlichen ist in der Reifungsphase besonders empfindlich. Eine Studie des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) hatte unlängst gezeigt, dass Alkoholkonsum in der Pubertät das Risiko für eine spätere Abhängigkeit erhöht. © afp/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 15. April 2014, 00:13

Noch lange kein Paradigmenwechsel...

Dass der G-BA jetzt den Einsatz eines Arzneimittels ohne unmittelbares Abstinenzziel mit enger zeitlicher Begrenzung (max. 3 Monate, "ausnahmsweise" auch 6 Monate) zulässt, ist noch längst kein Paradigmenwechsel. Immer noch erklärt der G-BA den Alkoholismus zu einer unheilbaren Krankheit, die nur durch lebenslange Totalabstinenz zum Stillstand gebracht werden kann. Die dafür einzig zulässige "Therapie" bleiben Entgiftung, Entwöhnung und dauerhafte Abstinenz.
Dass das Krankheitsmodell, das dieser Einschätzung zugrunde liegt, nachweislich falsch ist, interessiert niemand!
Hunderte von Studien haben weltweit und seit mittlerweile gut 50 Jahren immer wieder nachgewiesen: Die "psychischen und Verhaltensstörungen durch Alkohol" scheren sich einen Dreck um diesen dogmatischen Unfug: 75-80% der Betroffenen kurieren sich im Lauf ihres Lebens selbst von dieser Krankheit, kehren ganz überwiegend zu einem völlig normalen Umgang mit Alkohol zurück, obwohl sie das doch gar nicht können dürfen.
Alkoholimus ist zwar weiterhin eine ernste und lebensbdedrohliche Störung, aber die Prognose ist grundsätzlich günstig, wenn man alle schon vorhandenen Möglichkeit der Trinkmengenreduktion und Verbesserung der Trinkkontrolle frühzeitig und dann auch erfolgreich einsetzen könnte.
Aber das wird von der Lobby der Entwöhnungsindustrie immer noch massiv behindert.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 8. April 2014, 15:19

Jugendliche diskreditieren und Weitersaufen wie bisher?

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) und das Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) machen es sich mit den Erklärungsmodellen für jugendlichen Alkoholmissbrauch zu einfach.

Denn gut zwei Millionen alkoholabhängigkeitskranke E r w a c h s e n e sind in Deutschland auf Dauer die falschen Vorbilder. Davon ziehend singend, saufend und marodierend allein ca. eine Million Menschen jedes Wochenende mit Bier, Schnaps und anderen Alkoholika durch die Fußballstadien, Kneipen und öffentlichen Plätze. Zusätzlich kommen entscheidende Vorwände zum öffentlichen Trinken und Saufen über die Unterhaltungs-, Bier- bzw. Spirituosenindustrie: Glühweinstände zu Advent und Weihnachten, die tollen, närrischen Tage zu Karneval, Champions-, Europa-League und DFB-Pokal, "englische Wochen", Kirmes, Sommerfeste, Festivals, Oktoberfeste, Herbst- und Handwerksmärkte, und was es sonst noch so alles als Vorwand gibt, sich besinnungslos einen hinter die Binde zu gießen.

Der Gipfel der Verharmlosung kommt vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI): Ganze 3 placebokontrollierte Phase-3-Studien mit einem Opiatmodulator Nalmefen (Selincro® von Lundbeck - das frühere Revex® von Bayer) zur Reduktion des Alkoholkonsums sollen genügen, einen kompletten Paradigmenwechsel bei der Alkoholentzugsbehandlung und –Abstinenz zu belegen? Der "Erfolg" spricht Bände: "Unter Nalmefen gelang es den Teilnehmern ihren Alkoholkonsum deutlich zu senken – um bis zu 60%". Leute, die vorher 10 Bier und 10 Schnäpse tranken, verkonsumieren jetzt nur noch 4 Bier und 4 Schäpse? Das kann man doch nicht ernsthaft als Therapieerfolg bezeichnen wollen? Prof. Dr. Karl Mann, Studienleiter beim ZI, leistet sich den Gipfel an Desinformation und pseudowissenschaftlicher Beliebigkeit: „Dass in den Studien die Reduktions-Idee auch allein mit Beratung und Placebo funktionierte“. Weil auch in der Placebogruppe eine Reduktion des Trinkverhaltens um rund 40% gelang?
http://www.medscapemedizin.de/artikel/4901956?src=wnl_medpl_03002014

Bei jedem x-beliebigen neuen Herzmedikament würde das als sicherer Beweis für die U n w i r k s a m k e i t der Pharmakotherapie gelten. Nicht so beim ZI-Mann. Er geht sogar einen Schritt weiter: „Dann kann der Hausarzt diese Behandlung ganz alleine übernehmen.“ Mit anderen Worten: Nachdem mit viel Mühe, Einflussnahme und pseudowissenschaftlichen Studien sich der Gemeinsame Bundes­aus­schuss G-BA bereit erklärt hatte, ein scheinbar neues Therapieprinzip (Anti-Craving-Therapie geht auch mit Baclofen) bei Alkoholabusus für 3 Monate und in Sonderfällen bis zu 6 Monate als erstattungsfähig zu erproben, treten oberschlaue Suchtexperten schon den taktischen Rückzug an: Die Hausärztinnen und Hausärzte, die man jahrzehntelang mit Alkohol-Abstinenzprinzipien gelöchert hatte, sollen jetzt zum Büttel der Pharmaindustrie werden und weiter endlos unbezahlte Gespräche bzw. frustrane verbale Interventionen vollführen, damit sich die psychiatrisch-forschenden Psychopharmakologen und „Suchtexperten“ lukrativeren Forschungsvorhaben zuwenden können?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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