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„Die Öko­nomi­sierung der Medizin fordert ihre ersten Opfer“

Donnerstag, 10. April 2014

Köln – Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat eine deutschlandweite Kampagne „Rettet die Kinderstation“ – zusammen mit acht weiteren Verbänden der Kinder- und Jugendheilkunde gestartet. Das Deutsche Ärzteblatt fragte den Präsidenten der Fachgesellschaft, Norbert Wagner, nach den drängendsten Problemen der Kliniken, nach möglichen Lösungen und nach der Kampagne.

5 Fragen an Norbert Wagner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin

DÄ: Die DGKJ startet gemeinsam mit acht weiteren Verbänden und Organisationen der Kinder- und Jugendmedizin eine Info-Kampagne zur finanziellen Not der Kinderkliniken. Was ist das Hauptproblem, mit dem die Kliniken konfrontiert sind?
Wagner: Kinderkliniken und -abteilungen spüren schmerzhaft, dass die Kranken­hausfinanzierung nicht für die Versorgung ihrer Patienten entwickelt wurde, die Öko­nomi­sierung der Medizin fordert ihre ersten Opfer.

Kinder haben im Übrigen das Bedürfnis und das Recht, altersentsprechend umsorgt zu werden, was Zeit, Personal und Ausstattung fordert.

Die stationäre Pädiatrie hat enorme Vorhaltekosten, nur ein Fünftel unserer Leistungen sind planbar, die Notfallquote liegt bei über 50 Prozent. Mit 400 bis 500 unterschiedlichen Fallpauschalen decken Kinderkliniken zudem ein doppelt so großes Spektrum ab wie vergleichbare Einrichtungen der Erwachsenenmedizin. Für viele Leistungen gibt es aufgrund der geringen Fallzahlen oft keine eigenen, adäquaten Fallpauschalen. Insgesamt bestehen in den Kliniken und Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin deshalb hohe Vorhaltekosten, ohne die Aussicht auf Vergütung.

DÄ: Geht dies so weit, dass die Versorgung der Kinder in unserem Land gefährdet ist?
Wagner: Die flächendeckende Versorgung wird immer mehr infrage gestellt: Schon 2012 hat die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin gemeinsam mit anderen pädiatrischen Verbänden ein Zukunftsszenario für die stationäre Versorgung entwickelt. Danach sollte die nächste Kinderklinik in maximal 40 Minuten oder 30 km erreichbar sein. In Städten ist das kaum ein Problem, in der Fläche aber mittlerweile schon.

DÄ: „Geburtenrückgang in Deutschland ist gleich weniger Bedarf in der Kinderheilkunde“ – ein Fehlschluss?
Wagner: Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr machen – mit sinkender Tendenz – tatsächlich nur noch rund 16 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Dennoch blieben die Fallzahlen in den letzten Jahren relativ konstant. Eine Fallzahlsteigerung hingegen wie in der Erwachsenenmedizin ist in der Pädiatrie nicht möglich.

DÄ: Welche Elemente umfasst die Kampagne „Rettet die Kinderstation“?
Wagner: Am 11. April haben wir Gesundheitspolitiker aller Bundestagsfraktionen eingeladen, mit uns über die „Kostenfalle Kind“ zu diskutieren. Zugleich erfolgt dann der Startschuss für eine Plakataktion, zu der alle Kinderkliniken und -abteilungen in Deutschland kontaktiert wurden. Alle pädiatrischen Klinikleiter sind außerdem eingeladen, ihren Bundestagsabgeordneten anzusprechen, um die Dringlichkeit auch im eigenen Wahlkreis zu verdeutlichen. Die Internetseite www.rettet-die-kinderstation.de stellt Problematik und Lösungsentwürfe zusammen.  

DÄ: Was sind Ihre Lösungsvorschläge und Ihre Forderungen?
Wagner: Die Aktion „Rettet die Kinderstation“ steht für drei zentrale Forderungen zur Sicherung der angemessenen medizinischen Versorgung von Kindern im Krankenhaus:

Erstens benötigen wir einen Sicherstellungszuschlag für Kinderkliniken, Kinder­krankenhäuser, Fachabteilungen für Kinder- und Jugendmedizin sowie Kinderchirurgien. Zweitens fordern wir die Erhaltung der Kinderkrankenpflege als Ausbildungsschwerpunkt. Drittens die Absicherung beziehungsweise Etablierung von pädiatrischen Spezialambulanzen und Sozialpädiatrischen Zentren. © hil/aerzteblatt.de

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