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Medizin

Masern: Polymerase-Inhibitor im Tiermodell erfolgreich

Freitag, 18. April 2014

Atlanta/Langen – Masern könnten künftig erstmals gezielt mit einem Medikament behandelt werden. Ein von US-Forschern entdeckter Polymerase-Inhibitor wurde erfolgreich in einem in Deutschland entwickelten Tiermodell getestet. Die Studie in Science Translational Medicine (2014; 6: 232ra52) zeigt jedoch auch, dass mit einer schnellen Resistenzentwicklung zu rechnen ist, weshalb das Medikament kein Ersatz für eine Impfung sein dürfte.

Der Wirkstoff ERDRP-0519 wurde bereits vor sieben Jahren von US-Forschern entdeckt. Das Team um Richard Plemper von der Emory University in Atlanta hatte eigens zu diesem Zweck ein Verfahren entwickelt, mit dem es 34.000 verschiedene Substanzen screenten, bis es auf ein Mittel stieß, das die Replikation des Masern-Virus in Zellkulturen hemmt (Antimicrobial Agents Chemotherapy 2007; 51: 2293–2303). Aufgrund seiner hohen Stabilität und oralen Verfügbarkeit käme es auch als Medikament infrage. Der nächste Schritt besteht in präklinischen Studien, für die jedoch lange kein geeignetes Tiermodell zur Verfügung stand, da das Masernvirus nur für Menschen und wenige Primaten pathogen ist.

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Am Ende konnte Plemper jedoch auf ein Ersatzmodell zurückgreifen, das die Arbeits­gruppe um Veronika von Messling vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen entwickelt hat. Es besteht aus der Infektion von Frettchen mit dem Hundestaupevirus (CDV, canine distemper virus), das wie das Masernvirus zu den Morbilliviren gehört. Die Infektion verläuft für Frettchen stets tödlich und die jetzt publizierten Versuchsergebnisse zeigen, dass der Wirkstoff ERDRP-0519 dies verhindern kann.

Wurden die Tiere ab dem dritten Tag nach Infektion für 14 Tage mit dem Polymerase-Inhibitor behandelt, überlebten alle Frettchen die Infektion mit dem Virus. Die Behand­lung, die von den Tieren sehr gut vertragen wurde, führte zudem zur Entwicklung eines Immunschutzes gegenüber dem Hundestaupevirus – eine erneute Infektion mit dem Virus blieb folgenlos.

Besonders stark war die Wirkung, wenn die Behandlung bereits vor der Infektion begonnen wurde. Dann konnte das Virus offenbar beseitigt werden, bevor das Immunsystem der Tiere es entdeckte. Die Tiere blieben nicht nur gesund, sie entwickelten auch keine Immunität (was kein Problem ist, da ja ein effektiver Impfstoff für eine spätere Impfung zur Verfügung stehen würde). Jetzt wollen die Forscher prüfen, wie spät nach einer Infektion der Wirkstoff noch wirksam ist.

Die Gabe eines einzelnen Wirkstoffs führt bei Viren jedoch schnell zur Resistenz. Dies war auch bei ERDRP-0519 nicht anders. In vitro-Experimenten wurden schnell Viren gefunden, deren Replikation ERDRP-0519 nicht mehr verhindern konnte. Dies würde bei einer praktischen Anwendung nicht nur den Therapieerfolg bei den einzelnen Patienten gefährden.

Im schlimmsten Fall könnte durch den Selektionsdruck ein neues Masernvirus mit einer erhöhten Pathogenität beim Menschen entstehen. Diese Gefahr wird von den Autoren jedoch als gering eingestuft. Alle resistenten Viren waren der Publikation zufolge sowohl in der Übertragbarkeit als auch in der Pathogenität gegenüber dem Wildtyp des Masernvirus abgeschwächt.

Bis zu einer klinischen Einführung sind jetzt weitere Untersuchungen notwendig. Diese könnten beispielsweise an Totenkopfäffchen durchgeführt werden, die nach einer Infektion eine Masern-artige Erkrankung entwickeln. Anschließend müsste sich ein Hersteller finden, der die klinische Entwicklung finanziert. Angesichts der begrenzten Anzahl der Erkrankungen dürfte dies nicht einfach sein.

Keine Alternative zur Impfung
Eine Alternative zur Impfung wäre das Medikament nicht. Die Forscher sehen ERDRP-0519 eher als Mittel, um Lücken in der Herdenimmunität zu schließen, die sich durch die niedrige Impfquote ergeben. Sie ist auch in Deutschland weiterhin lückenhaft, wie die gerade im Epidemiologischen Bulletin (2014; 16: 137-141) veröffentlichten aktuellen Impfquoten für 2012 zeigen. Zwar hatten bundesweit 96,7 Prozent aller Schulanfänger an der ersten Masernimpfung teilgenommen, womit die von der WHO für eine Eradikation als notwendig erachtete Quote von 95 Prozent erreicht wurde. Bei der zweiten Impfung war dies allerdings nur noch in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg der Fall. Der Bundesdurchschnitt für die zweite Masernimpfung betrug nur 92,4 Prozent.

Damit bleibt fraglich, ob die Masern in Deutschland wie auf dem amerikanischen Kontinent eradiziert werden können. Im letzten Jahr wurden in Deutschland 1.775 Masernfälle gemeldet, europaweit waren es 2011 mehr als 30.000. Die häufigen Epidemien haben dazu geführt, dass die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) ihr Ziel, die Masern bis 2010 in Europa zu eliminieren, verschieben mussten. Auch der nächste Termin 2015 dürfte kaum einzuhalten sein.

© rme/aerzteblatt.de

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