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Politik

Missbrauchs­beauftragter fordert deutlich mehr gesellschaftliches und politisches Engagement

Dienstag, 29. April 2014

Johannes-Wilhelm Rörig /dpa

Berlin – „Es braucht Tempo und Ausdauer zugleich, wenn wir sexuellen Missbrauch an Jungen und Mädchen in den kommenden Jahren besser verhindern und den Betroffenen schneller helfen wollen“, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bei der Vorstellung seiner Agenda für die nächsten fünf Jahre heute in Berlin. Denn: Missbrauch sei trotz der vielfältigen Bemühungen in den letzten Jahren nicht rückläufig und die Fallzahlen weiterhin hoch. „Das gesellschaftliche Engagement muss noch deutlich gesteigert werden“, forderte Rörig.

„Es gibt immer noch keine ausreichende Infrastruktur für die Beratung von Betroffenen“, kritisierte er. Insbesondere fehlten spezielle Beratungsstellung für von sexueller Gewalt betroffene Jungen, Migranten und Menschen mit Behinderungen. Das Beratungsnetz müsse „dichter geknüpft“ werden. Sollte die qualifizierte Beratung an der Haushaltslage der Kommunen scheitern, müsse dies über andere Mittel ausgeglichen werden. Der Missbrauchsbeauftragte will noch 2014 eine Studie über die konkreten Beratungsangebote in den einzelnen Bundesländern in Auftrag geben.

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„Hilfen und Beratung müssen leichter zugänglich werden“, forderte Rörig weiter. Ein großer Schritt in diese Richtung wurde im Juni  2013 mit dem Online-Portal www.hilfeportal-missbrauch.de gemacht, wo Betroffene, Angehörige und Fachkräfte gezielt Beratungsangebote, Therapieplätze und Rechtsberatung bekommen können. In die Adressdatenbank haben sich inzwischen mehr als 630 Ärzte und Psychotherapeuten sowie 103 Klinikambulanzen, die über Erfahrung in der Therapie von Traumatisierten verfügen, eintragen lassen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Bundespsychotherapeutenkammer hatten mehrfach dazu aufgerufen. Ein Eintrag in die Datenbank ist auch weiterhin möglich unter www.datenerfassung.hilfeportal-missbrauch.de

14 Bundesländer haben noch nicht  in den „Fonds sexueller Missbrauch“ eingezahlt
Die Bundesländer forderte  Rörig erneut auf, ihrer Verantwortung bezüglich des „Fonds sexueller Missbrauch“ nachzukommen: „Die vom Runden Tisch beschlossenen 100 Millionen Euro sind bis heute nicht zustande gekommen.“ Zusätzlich zu den vom Bund eingezahlten 50 Millionen Euro habe einzig Mecklenburg-Vorpommern seinen Anteil eingezahlt, und Bayern habe die Einzahlung zugesagt. „Die restlichen 14 Länder stehen weiterhin in der Pflicht“, so Rörig. Aus dem Fonds können Betroffene Sachleistungen für Hilfe und Beratung abrufen.

Johannes-Wilhelm Rörig wurde vor kurzem für weitere fünf Jahre in seinem Amt als Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs bestätigt.  Auf seiner Agenda steht auch die Einrichtung eines Betroffenenrates. „Betroffenen wurde lange kein Gehör geschenkt ­ - das wollen wir ändern“, sagte er. Noch in 2014 sollen Betroffene ein Forum erhalten, durch das sie kontinuierlich und strukturiert an der Arbeit des Beauftragten beteiligt werden. Der Rat soll eigene Informations- und Mitwirkungsrechte haben.

Außerdem soll künftig die Prävention in Schulen einen festen Platz einnehmen. „Schulen können Tatort sein, sollen aber Kompetenzbereich werden“, sagte Rörig. In den rund 30.000 Schulen sollen Fachkräfte in den kommenden Jahren besser fortgebildet und Eltern besser informiert werden. Alle Kinder sollen eine altersangemessene Aufklärung über Missbrauch erhalten, eingebettet in Gewaltprävention und begleitet von moderner Sexualpädagogik. Dringend notwendig ist Rörig zufolge  auch die Vermittlung von Medienkompetenz, gerade wegen des zunehmenden Cyber-Groomings, also des gezielten Ansprechens von Menschen im Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte.

Darüber hinaus forderte Rörig erneut eine unabhängige Aufarbeitung der vielen unausgesprochenen und verdrängten Missbrauchstaten der Vergangenheit. „Politik und Gesellschaft müssen bereit sein, sich diesen Fragen zu stellen.“ Ziel bleibe weiterhin eine unabhängige Kommission – erste Gespräche mit dem Bundestag seien bereits geführt worden.

„Ich werde mich weiterhin einmischen“, sagte der Missbrauchsbeauftragte schließlich, wie im Fall Edathy und wie im Fall des ehemaligen Lehrers der hessischen Odenwaldschule, der Kinderpornos im Internet heruntergeladen hatte. Eine wachsame Öffentlichkeit sei generell unabdingbar. © pb/aerzteblatt.de

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