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Medizin

Herzinfarkt: Weitere Diskrepanzen in Stammzellstudien

Dienstag, 29. April 2014

dpa

London – Der britische Kardiologe Darrel Francis hat zu einem erneuten „Schwerthieb“ gegen die Stammzellforschung ausgeholt. Nach seiner im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2014; 348: g2688) publizierten DAMASCENE-Studie enthalten viele Publikationen zu den bisher durchgeführten Studien „Diskrepanzen“ – sie waren laut Francis umso zahlreicher, je größer die Wirkung der Stammzellen auf die Herzleistung ausfiel.

Die Hoffnung, das nach einem Herzinfarkt abgestorbene Myokard durch Stammzellen zu regenerieren, hatte vor 12 Jahren viele Kardiologen und mit ihnen auch die Medien elektrisiert. Das „Remodeling“ nach einem Herzinfarkt, bei dem der Körper die abgestor­benen Herzmuskeln durch Bindegewebe ersetzt, gilt als Ursache der späteren Kardio­myopathie, gegen die es (außer einer Transplantation oder einem Kunstherz) kein Gegenmittel gibt. Dabei hatte die Hoffnung in die Stammzellen anfangs nur auf einer Kasuistik beruht, die der damalige Direktor der Klinik für Kardiologie an der Düsseldorfer Universitätsklinik Bodo Strauer in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift publiziert hatte.

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Auch die später nachgeschobenen randomisierten Studien haben nicht alle Kritiker überzeugt. Zum Sprachrohr machte sich im vergangenen Jahr Darrel Francis vom Imperial College London. In einer Publikation im International Journal of Cardiology (2013: 3381-3403) sezierte er 48 Publikationen, die Strauer zu seinen fünf Studien veröffentlicht hatte. Dort wimmelte es Francis zufolge von „Diskrepanzen und Widersprüchen“.

Sie reichten von einfachen Rechenfehlern bis zu statistischen Irrtümern. Francis listete mehr als 200 Diskrepanzen auf, die geklärt werden müssten. Strauer ließ die Vorwürfe von Anwälten zurückweisen, doch der frühere Arbeitgeber des Emeritus sah sich zu einer internen Untersuchung veranlasst. Im Februar 2014 entwickelte sich daraus ein Disziplinar­verfahren, das allerdings noch nicht abgeschlossen ist.

Strauer war nach Ansicht von Francis nicht der einzige Stammzellforscher, der es bei der Publikation seiner Ergebnisse nicht so genau genommen hat. Die jetzt von seiner Kollegin Alexandra Nowbar und Mitarbeitern veröffentlichte neue Publikation kommt bei der Auswertung von 49 randomisierten Studien auf mehr als 600 Diskrepanzen. Es handelte sich dabei um die Gegenüberstellung von jeweils zwei (oder mehr) mitgeteilten Fakten, von denen eine aufgrund von „logischen oder mathematischen Inkompa­tibilitäten“ nicht zutreffen konnte. Auffällig war, dass in den Studien mit den meisten Diskrepanzen die Wirkung durch eine Stammzelltherapie beschrieben wurde.

"Je mehr Fehler, desto besser das Ergebnis"
Nowbar ermittelte hier eine Dosis-Wirkung-Beziehung: In den fünf Studien ohne eine einzige Diskrepanz war der Effekt der Stammzellen auf die linksventrikuläre Ejektions­fraktion (EF) gleich Null. In den 24 Studien mit 1 bis 10 Diskrepanzen stieg sie auf 2,1 Prozent. In den 12 Studien mit 11 bis 20 Diskrepanzen stieg die EF um 3,0 Prozent. In drei Studien mit 21 bis 30 Diskrepanzen waren es bereits plus 5,7 Prozent, und die beste Wirkung mit einer Steigerung der EF um 7,7 Prozent wurde in den fünf Studien mit mehr als 30 Diskrepanzen gefunden. Das Fazit lautet: Je mehr Fehler, desto besser das Ergebnis.

Mehr Transparenz gefordert
Die neue Publikation dürfte das Vertrauen in die Stammzellforschung beim Herzinfarkt weiter erschüttern. Harlan Krumholz, ein namhafter Kardiologe der Yale University in New Haven meinte gegenüber Forbes, die Begeisterung sei den wissenschaftlichen Fakten offenbar voraus geeilt. Er forderte mehr Transparenz.

Steven Epstein von MedStar Hospital in Washington, ebenfalls ein Stammzellforscher, zeigte sich persönlich „schockiert, zutiefst enttäuscht und sehr traurig“. Sanjay Kaul vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles meinte, dass die Förderpraxis überprüft werden müsste. Es müsse verhindert werden, dass Sponsoren den Großteil der Förder­gelder an Mitglieder ihres Vorstands ausschütten. Dies ist laut Kaul beim California Institute of Regenerative Medicine geschehen.

Stammzelltherapie wird in der BAMI-Studie überprüft

Auch wenn die Stammzellforscher fehlerhaft gearbeitet oder bewusst manipuliert haben, schließt dies nicht aus, dass die Stammzelltherapie funktionieren könnte. Endgültige Klärung zu dieser Frage wird von der im Februar begonnenen BAMI-Studie erwartet. An der von der EU Kommission mit 5,9 Millionen Euro geförderten europaweiten Studie sollen in den nächsten Jahren 13.000 Patienten teilnehmen. Die Studie untersucht die Wirkung von Stammzellen, die innerhalb von 5 Tagen nach dem Herzinfarkt in die Koronarien der Patienten infundiert werden sollen. © rme/aerzteblatt.de

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