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Politik

Behandlungs­fehler: Mehr Gutachten, weniger nachgewiesene Fehler

Dienstag, 6. Mai 2014

dpa

Berlin – 14.600 Gutachten bei einem vermuteten Behandlungsfehler haben die Medizi­nischen Dienste der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) im Jahr 2013 erstellt. Das sind etwa 2.000 und damit 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der dabei festgestellten Behandlungsfehler ist allerdings leicht gesunken. Knapp 3.700 Mal kamen die Gut­achterinnen und Gutachter zu dem Ergebnis, dass ein Behandlungsfehler vorliegt (2012: 3.900 Mal), also in etwa jedem vierten Fall. Bei zwei von drei dieser Fehler befanden die Gutachter, dass diese auch kausal für den Schaden verantwortlich waren. Das geht aus der aktuellen Statistik zur Behandlungsfehlerbegutachtung hervor, die der Medizinische Dienst heute in Berlin vorgestellt hat. Sie umfasst nicht nur Vorwürfe im ärztlichen, sondern auch im zahnärztlichen und pflegerischen Bereich.

Die gestiegenen Begutachtungen „führen wir auf die Aufklärungsarbeit der vergangenen Jahre und die gestiegene öffentliche Aufmerksamkeit, aber auch auf das 2013 in Kraft getretene Patientenrechtegesetz zurück“, erklärte Stefan Gronemeyer, leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des GKV-Spitzen­verbandes (MDS). Ob die jüngsten Entwicklungen allerdings ein Trend oder eine zufällige Schwankung seien, bleibe abzuwarten, so Gronemeyer.

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Astrid Zobel, Leitende Ärztin Sozialmedizin des MDK Bayern, ergänzte, dass erwartungs­gemäß in den operativen Fächern die meisten Vorwürfe erhoben wurden – und zwar unabhängig vom Versorgungssektor. „So beziehen sich die meisten Fehlervorwürfe auf Behandlungen in der Orthopädie und in der Unfallchirurgie, gefolgt von der Zahnmedizin. Erst dann folgen die Innere Medizin und die Gynäkologie“, erläuterte Zobel. Eine hohe Zahl an Vorwürfen bedeute aber nicht automatisch eine hohe Zahl an Behandlungs­fehlern: „Über alle Fächer hinweg werden in unserer Statistik die meisten Vorwürfe in der Pflege bestätigt, gefolgt von der Zahnmedizin. Dies entspricht dem Bild der Vorjahre.“

Daten geben Hinweise auf Fehlerquellen, sind aber nicht repräsentativ
Zobel hob hervor, dass sich aus den Statistiken von MDK und MDS keine Rückschlüsse auf die Gesamtzahl aller Behandlungsfehler ziehen lassen beziehungsweise dass nicht einzelne Fachgebiete oder Behandlungen besonders risikobehaftet seien. „Die Dunkel­ziffer ist hoch, weil Fehler entweder nicht als solche zutage treten oder weil Patienten sich nicht dazu entschließen können, einem Fehlerverdacht nachzugehen“, gab die Ärztin zu bedenken.

Auch liege für viele Behandlungen gar keine Gesamtzahl vor, so dass die vorgelegten Daten nicht in Relation dazu gesetzt werden könnten. Zobel verwies darüber hinaus darauf, dass auch andere Institutionen Behandlungsfehlervorwürfen nachgehen, so die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern.

Zu den zehn häufigsten Behandlungsanlässen bei vom MDK bestätigten Behandlungs­fehlern (ohne Zahnmedizin) zählen Knie- und Hüftgelenksverschleiß, Bruch des Ober- oder Unterschenkels, Bruch des Unterarms, Dekubitus, Rückenschmerzen, sonstige Bandscheibenschäden, Frakturen im Bereich der Schulter und des Oberarms und erworbene Deformitäten der Finger und Zehen.

„Die Summe der Begutachtungen, wie sie in der MDK-Statistik zum Ausdruck kommt, ist eine unverzichtbare Quelle, damit alle Akteure im Gesundheitswesen aus diesen Vorgängen lernen“, urteilte Hardy Müller, Geschäftsführer des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS). Ziel sei es, aus den Daten und dokumentierten Fehlern zu lernen. Müller forderte den Ausbau einer „Sicherheitskultur“ in der gesundheitlichen Versorgung.

Warnung vor zersplittertem System der Fehlermeldungen
Auch MDS-Vize Gronemeyer zeigte sich überzeugt, dass viele Behandlungsfehler vermeidbar wären. „Wir müssen endlich dahin kommen, dass auch in Deutschland die längst bekannten Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit flächen­deckend und konsequent umgesetzt werden“, forderte er. So seien Risikomanagement- und Fehlermeldesysteme in Klinik und Praxis wichtige Bausteine auf diesem Weg. Gronemeyer warnte allerdings vor einer „Zersplitterung von Fehlermeldesystemen, wenn diese nicht einheitlich und strukturiert miteinander verknüpft sind.“

„Angesichts von fast 700 Millionen Behandlungsfällen im ambulanten Bereich und mehr als 18 Millionen Fällen in den Kliniken jährlich bewegt sich die Zahl der festgestellten ärztlichen Behandlungsfehler im Promillebereich“, kommentierte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, die Statistik. Dies zeigten sowohl die heute vorgelegten Zahlen als auch die jährlichen Statistiken der Gutachter­kommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern. „Beide Erhebungen beruhen auf belastbaren Daten und unterscheiden sich damit erheblich von Veröffentlichungen der AOK, die vor einigen Monaten versucht hatte, mit Uraltschätzungen zu Behandlungs­fehlern Stimmung gegen Ärztinnen und Ärzte zu machen“, ergänzte der BÄK-Präsident.

Bundes­ärzte­kammer kündigt eigene Statistik für Ende Juni an
Die Bundes­ärzte­kammer kündigte an, Ende Juni ihre aktuelle Behandlungsfehlerstatistik zu veröffentlichen. Nach ersten Trendanalysen wurde 2013 bei knapp 8.000 Sachent­scheidungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen in knapp einem Drittel der Fälle ein Behandlungsfehler festgestellt. Dieser Trend entspreche dem Niveau der vergangenen Jahre, eine signifikante Verschlechterung sei nicht festzustellen, hieß es. „Wichtig aber ist: Wir kehren diese Fehler nicht unter den Tisch, sondern wir lernen aus ihnen und wir setzen uns dafür ein, dass den betroffenen Patienten schnellstmöglich geholfen wird“, betonte Montgomery.

„Patienten, Pfleger und Ärzte profitieren, wenn Fehler nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden“, erklärte auch der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Jens Spahn. Mit dem Patientenrechtegesetz habe man bereits einen wichtigen Schritt getan. Die Qualität solle aber in allen Bereichen des Gesundheits­wesens verbessert werden, so Spahn: „Deshalb gründen wir ein eigenes Institut, um alle notwendigen Daten zur Qualitätssicherung zusammen zu führen, auszuwerten und zu veröffentlichen. Bei den Krankenhäusern werden wir den Behandlungserfolg dann auch bei der Vergütung berücksichtigen.“

Maria Klein-Schmeink, Sprecherin für Gesundheitspolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, nahm die heute vorgelegte Behandlungsfehlerstatistik zum Anlass, auf weiteren Handlungsbedarf hinzuweisen: „Wir halten einen Haftungsfonds für Fälle mit schwerwiegenden Schäden, aber unklarer Verursachungslage für notwendig, sowie Beweiserleichterungen bei allen Behandlungsfehlern. Wenn Schaden und Behandlungsfehler nachweislich vorliegen, sollten Ärzte und Krankenhäuser nachweisen müssen, dass der Behandlungsfehler nicht Ursache des Schadens war“, erklärte sie.

Fehler seien menschlich und gerade bei den zunehmend komplizierteren Eingriffen nicht vollständig auszuschließen. Der Gesetzgeber müsse deshalb Strukturen zur Fehlervermeidung etablieren, forderte Klein-Schmeink: „Dazu braucht es eine verpflichtende Teilnahme an Fehlermelde- und Vermeidungssystemen sowie eine angemessene Finanzierung der Krankenhäuser, um ausreichend Personal zu beschäftigen und den Fehlanreiz zu stoppen, über die Menge von medizinischen Eingriffen die Refinanzierung zu sichern.“

Linke fordert mehr Personal in den Kliniken
„Eine wesentliche Ursache für Behandlungsfehler ist der Personalmangel in den Kliniken“, urteilte Harald Weinberg, gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag. „Wir werden aber selbst mit ausgefeilten Qualitätsinstrumenten unter ruinösen Wettbewerbsbedingungen nicht viel weiterkommen, denn zu wenig Personal mit zu viel Druck bedeutet immer, dass vermeidbare Fehler gemacht werden.“ Zudem werde die angestrebte Qualitätsreform, wonach Kliniken nach gelieferter Qualität bezahlt werden sollen, in dieser Wahlperiode voraussichtlich nicht gerichtsfest konzipiert werden können.

„Ob dieses System überhaupt kommt und dann auch noch funktioniert, ist höchst ungewiss“, erklärte Weinberg. „Wir brauchen aber bereits heute mehr Qualität, nicht erst in einigen Jahren. Deshalb brauchen wir mehr Personal an den Kliniken.“ © Rie/aerzteblatt.de

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