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Politik

Psychiatrie-Entgelt­system: Sachverständige fordern grundlegende Kurskorrektur

Freitag, 9. Mai 2014

Berlin – Das Pauschalierende Entgeltsystem für Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) sollte ab 2015 für alle Kliniken verpflichtend werden. Aufgrund der anhaltenden Kritik eines breiten Bündnisses aus leitenden Klinikärzten, Pflegekräften, Betroffenen und Angehörigen will die Regierungskoalition jetzt jedoch mit einem Änderungsantrag zum Krankenhausfinanzierungsgesetz die Verlängerung der sogenannten Optionsphase um zwei Jahre und die Verlängerung der budgetneutralen Phase um die gleiche Zeit beschließen.

Das wurde von den Sachverständigen, die zur Anhörung im Gesundheits­ausschuss am Mittwoch geladen waren, einhellig begrüßt. Gehört wurden sie zu dem Antrag von Bündnis 90/Die Grünen: „PEPP überarbeiten und das Versorgungssystem qualitativ weiterentwickeln“ (DS 18/849) sowie dem Antrag der Linken: „Einführung des neuen Entgeltsystems stoppen“ (DS 18/557).

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„Die Mehrheit der Sachverständigen bestätigte, dass kleine Kurskorrekturen am PEPP unzureichend sind und eine adäquate Versorgung besonders von schwer psychisch Kranken sowie Kindern und Jugendlichen gefährden würden. Sie begrüßten unsere Vorschläge für eine grundlegende Strukturreform hin zu einem wohnortnahen, vernetzten, ambulant orientierten und multiprofessionellen Versorgungsangebot“, fasste Maria Klein-Schmeink, Sprecherin für Gesundheitspolitik der Grünen, zusammen. Das neue Entgeltsystem begünstige stationäre Behandlungen und bremse innovative Projekte aus.

„Es besteht kein Zweifel daran, dass wir ein neues Vergütungssystem brauchen“, sagte Thomas Pollmächer, Klinikum Ingolstadt, Vorsitzender der Bundesdirektorenkonferenz – Verband leitender Ärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie. „Doch das darf nicht dazu führen, dass Kliniken Patienten mit bestimmten Störungen bevorzugen und schwer psychisch Kranke zu früh entlassen.“

Die Fehler aus dem DRG-System dürften nicht wiederholt werden. Weiter kritisierte Pollmächer, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss, der Empfehlungen als Ersatz für die durch PEPP wegfallende Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) erarbeiten soll, seine Arbeit noch nicht aufgenommen habe. Er sieht den Zeitrahmen gefährdet.

„Die PsychPV darf nicht wegfallen, solange es keine andere verbindliche Struktur gibt“, forderte Jörg Fegert, Ulm, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Gerade in der noch personal­intensiveren Kinder- und Jugendpsychiatrie seien verbindliche Personalvorgaben enorm wichtig.

Fegert hält den Einsatz einer Expertenkommission, die der Selbstverwaltung bei der weiteren Umsetzung von PEPP zur Seite steht, für notwendig. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie müsse dabei besonders berücksichtigt werden. „Man darf sich nicht auf die Kalkulation konzentrieren, sondern muss jetzt handwerkliche Fehler beheben“, forderte Fegert.

Eine multidisziplinäre Expertenkommission bestehend aus den Fachverbänden wird  allen voran von der Aktion Psychisch Kranke (APK) gefordert. Denn: „Die Zusammen­arbeit zwischen der Selbstverwaltung und den Fachverbänden war ungenügend“, sagte Peter Kruckenberg von der APK bei der Anhörung. Nur mit Experten könnten sinnvolle Korrekturen an den Bewertungsrelationen – orientiert am Schweregrad der Beein­trächtigung – vorgenommen werden.

Bundes­psycho­therapeuten­kammer fordert Expertenkommission
Auch die Bundes­psycho­therapeuten­kammer, vertreten durch Geschäftsführerin Christina Tophoven, forderte die Einrichtung einer Expertenkommission insbesondere für eine bessere Versorgung psychisch Kranker mit schweren Beeinträchtigungen. Diese bräuchten eine sektorenübergreifende ambulant orientierte Versorgung und möglichst kurze Klinikaufenthalte.

„Für schwer psychisch Kranke gibt es bisher nur Insellösungen“, sagte Tophoven. Notwendig sei aber ein neues Versorgungsangebot, in das die bisherigen Modell­projekte, Verträge zur Integrierten Versorgung und die Institutsambulanzen integriert würden. „Die Regelungen könnten weitgehend in Analogie zu § 116b SGB V(Ambulante spezialfachärztliche Versorgung) gestaltet werden“, schlug Tophoven vor.

„Die notwendige Weiterentwicklung der gemeindenahen integrierten Versorgung von schwer psychisch Kranken wird durch PEPP aus den Augen verloren“, sagte Nils Greve vom Dachverband Gemeindepsychiatrie. Das PEPP-System sollte grundlegend so überarbeitet werden, dass ambulante Behandlung und Home Treatment als gleichwertige Möglichkeiten mit ausreichender Finanzierung abgebildet würden, forderte Greve. Die Einführung eines neuen Entgeltsystems in der Psychiatrie biete eine „historische Chance“, die dysfunktionale Trennung der Sektorengrenzen aufzuheben.

© pb/aerzteblatt.de

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