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Medizin

Hemifaziale Mikrosomie: Doppelte Gene erklären häufige Gesichtsanomalie

Montag, 12. Mai 2014

Cambridge – US-Forscher haben erstmals eine genetische Ursache für die hemifaziale Mikrosomie gefunden, der nach Lippen-Gaumen-Kieferspalten häufigsten angeborenen Fehlbildung im Gesichtsbereich. Ursache war laut dem Bericht in PLoS ONE (2014; 9: e96788) eine Duplikation in einem Gen, das als Onkogen auch Hirntumore auslösen kann.

Auf 5.600 bis 20.000 Geburten kommt ein Kind mit hemifazialer Mikrosomie (auch okulo-aurikulo-vertebrale Dysplasie oder Goldenhar-Syndrom, OMIM: 164210). Zentrales Kennzeichen ist eine verminderte Ausbildung von Unter- und Oberkiefer, was eine Asymmetrie des Gesichts zur Folge hat. Hinzu kommen in der Regel Fehlbil­dungen der Ohren sowie häufig eine Schalleitungs-Schwerhörigkeit.

Die Ursache ist nicht bekannt. Tierexperimentelle Befunde deuten auf embryonale Blutungen hin. Als Auslöser kommen exogene Noxen (Drogen, teratogene Medika­mente, Insektizide/Herbizide, mütterlicher Diabetes) infrage, aber auch Gendefekte, da 2 bis 10 Prozent der hemifazialen Mikrosomien familiär gehäuft in autosomal-domi­nanten Erbgängen auftreten.

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Das Team um Yaniv Erlich vom Whitehead Institute in Cambridge/Massachusetts konnte jetzt eine Familie aus Norditalien untersuchen, in der über fünf Generationen acht Personen erkrankt waren. Familien mit mehreren betroffenen Mitgliedern ermöglichen es heute, den verantwortlichen Gendefekt durch einen Vergleich des Erbguts zu finden. Doch die Sequenzierung der Exome blieb erfolglos. In einem solchen Fall suchen Molekulargenetiker heute nach Genverdopplungen, da eine unverhältnismäßig starke Bildung einzelner Genprodukte ebenfalls zu einer embryonalen Fehlbildung führen kann.

Das Team stieß im Chromosom 14 auf eine Duplikation von 1,3 Millionen Basen­paaren. Dort befanden sich insgesamt acht Gene, die als Auslöser infrage kamen. Durch weitere Untersuchungen konnten die Forscher schließlich das Gen OTX2 isolieren. Es kodiert einen Transkriptionsfaktor, der vor allem im Gesicht und im Bereich der Kiemenbögen im Stadium der embryonalen Entwicklung gebildet wird, in dem die hemifaziale Mikrosomie nach heutiger Kenntnis entsteht.

Das Gen OTX2 hat jedoch noch eine zweite dunkle Seite. Die Forscher wussten, dass es als Onkogen die Bildung von Hirntumoren anstoßen kann. Tatsächlich erkrankte im Verlauf der Untersuchung ein siebenjähriges Familienmitglied an einem Medulloblas­tom im Bereich des vierten Hirnventrikels. Der Tumor konnte entfernt werden, die Patientin erhielt eine Radio- und Chemotherapie. Ob sie geheilt werden konnte, stand zum Zeitpunkt der Publikation nicht fest.

Erlich betont, dass Duplikationen vermutlich nicht die einzige Ursache der hemifazialen Mikrosomie sind. Die Kenntnis des Gendefekts könnte jedoch zur Aufklärung der Pathogenese beitragen und zeigen an welchen Orten möglicherweise die anderen Noxen angreifen. © rme/aerzteblatt.de

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