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„Das Thema Wartezeiten wird zu emotional diskutiert“

Dienstag, 13. Mai 2014

Berlin – In Mecklenburg-Vorpommern mussten Versicherte der AOK Nordost mit einer Überweisung durchschnittlich knapp drei Tage weniger auf einen Termin beim Augenarzt warten als Versicherte in der Hauptstadt. Die längsten Wartezeiten entstanden demnach nicht in den ländlichen Regionen mit einer vergleichsweise geringen Zahl von Augenärzten, sondern in den Berliner Ostbezirken. Das geht aus einer Studie des Gesundheitswissenschaftlichen Instituts Nordost (Gewino) hervor, das seit Anfang des Jahres als Stabsstelle der AOK Nordost die regionale Gesundheitsversorgung im Nordosten analysiert.

Gewino-Geschäftsführer Thomas Zahn ist der Auffassung, dass man über Versorgungsaspekte stärker faktenbasiert und weniger emotional diskutieren sollte – und zwar am besten auf der Basis von Analysemethoden, die wiederholbar sind, regionale Unterschiede zeigen und von denen Krankenkassen wie ärztliche Organisationen überzeugt sind.

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5 Fragen an Thomas Zahn, Geschäftsführer Gewino

DÄ: Herr Zahn, Sie haben die Wartezeiten auf einen Augenarzttermin von Versicherten der AOK Nordost in Regionen von Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern analysiert. Was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?
Zahn: Mich hat schon überrascht, dass eine eher geringe Anzahl von niedergelassenen Augenärzten pro Einwohner nicht zwangsläufig dazu führen muss, dass Patienten sehr lange warten müssen – und umgekehrt. Offenbar gibt es andere Einflussfaktoren als die Anzahl der Augenärzte, die wesentlich sind.

Die Hälfte der Patienten mit einer Überweisung warteten 2012 in Berlin 23 Tage auf einen Termin, in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern 21 Tage. Ein Viertel bekam innerhalb von einer Woche einen Termin, rund 40 Prozent der überwiesenen Versicherten mussten mehr als vier Wochen warten.

Frauen mussten zudem im Mittel einen Tag länger warten als Männer. Von sehr langen Wartezeiten waren junge Frauen und sehr alte Menschen am stärksten betroffen. Das liegt möglicherweise daran, dass junge Frauen häufig Familie und Beruf vereinbaren und deshalb nicht jeden angebotenen Termin auch annehmen können. Und ältere Menschen müssen vielleicht häufiger als andere darauf achten, dass ein Termin auch dem passt, der sie begleitet, oder sie schrecken vor umfangreicheren Terminvereinbarungen, beispielsweise mehreren Anrufen bei Ärzten, zurück.

DÄ: Was ziehen Sie daraus für Schlüsse für die Diskussion über Wartezeiten in Arztpraxen?
Zahn: Aus meiner Sicht wird das Thema zu emotional diskutiert, oft mit Beispielen aus dem persönlichen Umfeld oder mit Hinweis auf Umfrageergebnisse, denen aber immer bestimmte Zielfragen zugrunde liegen und die deshalb auch ganz bestimmte Ergebnisse liefern. Wir haben versucht, etwas mehr Objektivität zu schaffen, weil wir dazu beitragen wollen, eine Analysemethode zu finden, mit der man Transparenz erzeugen und die Diskussion versachlichen kann.

DÄ: Wie sind Sie vorgegangen? Und welche Grenzen sehen Sie für Ihre Studie?
Zahn: Dem Gewino stehen pseudonomysierte Leistungsdaten von rund 1,8 Millionen gesetzlich Krankenversicherten der AOK Nordost zur Verfügung. Für die Wartezeiten-Analyse waren knapp 290.000 Überweisungsfälle zum Augenarzt aus den Jahren 2011 und 2012 die Basis. Wir haben uns dabei auf die Fälle konzentriert, bei denen man das Datum der Überweisung tagesgenau eingrenzen kann.

Natürlich hat unsere Methode auch Nachteile. Zum einen wird die Datenbasis durch die Vorgabe, dass es ein eindeutiges Überweisungsdatum geben muss, eingeschränkt. Und wir können auch nicht erkennen, wie schnell sich ein Versicherter um einen Termin beim Augenarzt bemüht hat, nachdem er eine Überweisung hatte. Hierdurch können Effekte entstehen, die sich auf die Wartezeiten auswirken.

DÄ: Welche Anregungen lassen sich Ihrer Meinung nach für die Debatte über Lösungen der Wartezeitenproblematik aus Ihrer Studie entnehmen?
Zahn: Wir können das Problem der Wartezeiten offenbar nicht einfach lösen, indem mehr Augenärzte zur Verfügung stehen. Das ist ja auch nicht ohne weiteres möglich. Hilfreich wäre eher, die Koordinierungsfunktion der Ärzte durch entsprechende Überweisungen in den Vordergrund zu stellen.

In Mecklenburg-Vorpommern, wo die überweisenden Ärzte eine gewisse Priorität durch sogenannte A-und B-Überweisungen verdeutlichen, lassen sich so Wartezeiten positiv beeinflussen. Ähnliches wissen wir aus Arztnetzen, die sich um entsprechende Strukturen bemühen. Interessant ist, dass solche Bemühungen auch zu einer anderen Wahrnehmung bei Patienten führen. Bei ihnen entsteht durch ein strukturiertes Vorgehen der behandelnden Ärzte subjektiv der Eindruck, kürzer zu warten. Das zeigen zumindest andere Auswertungen von uns.

Spannend ist auch die Frage, welchen Einfluss es auf die Wartezeiten hat, wenn Patienten ohne Überweisung einen Augenarzt aufsuchen. Eine leichte Korrelation haben wir ja in den Ballungsräumen festgestellt: Da, wo viele Anbieter sind, ist die Motivation der Versicherten auch groß, sich selbst einen Augenarzttermin ohne Überweisung zu besorgen – mit gewissen Effekten auf die Wartezeiten. Auch welchen Einfluss privat bezahlte Leistungen von gesetzlich Krankenversicherten beziehungsweise von Privatversicherten auf Terminvergabe und Wartezeiten haben, wäre spannend zu analysieren.

DÄ: Wie geht es nun weiter?
Zahn: Wir haben einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen bereits unsere Ergebnisse vorgestellt. Ich würde es begrüßen, wenn man vorhandene Daten nutzen würde, um gemeinsam nach regionalen Lösungen zu suchen. A- und B-Überweisungen sind zur Verkürzung von Wartezeiten vielleicht nicht überall der richtige Weg. Aber dass man für die Behandlung von Patienten nach sinnvollen Abläufen sucht, das würden wir durch entsprechende Analysen und Modelle gern unterstützen. © Rie/aerzteblatt.de

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