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Ausland

Deutsche Ärzte im Ausland – Teil 1: Großbritannien

Mittwoch, 14. Mai 2014

Berlin – Jahr für Jahr packen deutsche Ärzte ihre Koffer und ziehen ins Ausland, um dort als Arzt zu arbeiten. Welche Erfahrungen sie dort machen, was sie an dem Gesund­heitssystem ihres Gastlandes schätzen und was sie am deutschen System vermissen, berichten sie dem Deutschen Ärzteblatt in einer neuen Serie. Einer dieser Ärzte ist der Anästhesist Jens Bolten (38), der vor zweieinhalb Jahren gemeinsam mit seiner Frau nach London zog, wo er heute an einer der fünf Universitätskliniken der Stadt als „Consultant Anaesthetist“ arbeitet.  

Fünf Fragen an… Dr. med. Jens Bolten, „Consultant Anaesthetist“ am St. George’s Hospital London

DÄ: Warum sind Sie aus Deutschland weggegangen?
Bolten: Weil ich etwas Neues sehen und lernen wollte. Ich wollte schon immer einmal ins Ausland gehen und in einem anderen System arbeiten. Während meines Studiums habe ich schon in der Schweiz, Italien und in den USA gearbeitet und fand es jedes Mal sehr interessant.  

DÄ: Was hat Sie bewogen, gerade nach England zu gehen?
Bolten: Klar war, dass ich in einem englischsprachigen Land arbeiten wollte. Die USA wären auch interessant gewesen. Nach England zu gehen war jedoch mit einem geringeren bürokratischen Aufwand verbunden, weil meine Zulassung als Arzt und der Facharzttitel in Anästhesiologie dort anerkannt wurden. Außerdem wollte meine Frau ab 2012 ein „clinical research fellowship“ in London machen und sich in ihrem Fach weiterentwickeln. So sind wir zusammen nach London gegangen.

Zunächst habe ich dort für ein Jahr ein „fellowship“ in Kardioanästhesie und in Transoesophagealer-Echokardiografie gemacht. Heute arbeite ich als „Consultant Cardiothoracic Anaesthetist“ am St. George`s Hospital, einer Universitätsklinik. Ein „Consultant“ ist am ehesten einem Oberarzt gleichzusetzen, allerdings in einem System ohne Chefarzt. Wir „Consultants“ sind also auch für die Leitung der Abteilung verantwortlich.

DÄ: Was ist am britischen Gesundheitssystem schlechter als im deutschen System?
Bolten: In Deutschland steckt mehr Geld im System, ungefähr 30 Prozent mehr als in Großbritannien. Das merkt man auch an der Ausstattung vieler Krankenhäuser. In vielen britischen Häusern ist die Infrastruktur nicht so gut wie in Deutschland. In meiner Klinik zum Beispiel haben wir alles, was wir brauchen. Aber da es ein staatliches Krankenhaus ist, wurde nicht mehr Geld ausgegeben als notwendig. Alles ist zweckmäßig, mehr aber auch nicht. Es gibt aber natürlich auch in Großbritannien Krankenhäuser, die sehr schick und sehr gut ausgestattet sind. Das sind dann aber einige wenige sogenannte Leuchttürme.

Darüber hinaus leistet sich das deutsche System Fachärzte im ambulanten und im stationären Bereich. Das gibt es in England nicht. Der Zugriff auf die Gesundheits­leistungen ist in England deshalb schwieriger. Auch fallen die Outcomes in manchen Bereichen wie der Onkologie hinter denen anderer Industriestaaten zurück. Was mich aber überrascht ist, dass die Qualität der Versorgung sowohl in England als auch in Deutschland im internationalen Mittelfeld liegt, obwohl dass deutsche System um einiges teurer ist.

DÄ: Und was ist am britischen System besser?
Bolten: Die Arbeitsbedingungen für mich sind besser, zum Beispiel die Arbeitszeiten. Bei mir sind es 40 Stunden pro Woche. Mit Extradiensten arbeite ich 44 Stunden. Darin sind auch Rufdienste unter der Woche und am Wochenende eingerechnet. An der Uniklinik Düsseldorf, an der ich in Deutschland gearbeitet habe, betrug meine Arbeitszeit mindestens 48 Stunden. Außerdem steht mir hier in England ein Tag nicht-klinischer Arbeit in der Woche zu, der ebenfalls zur Arbeitszeit zählt. Gemäß „Consultant“-Vertrag sollten es sogar 25 Prozent der Arbeitszeit sein, aus Kostengründen wollen aber viele Krankenhäuser diese Zeit reduzieren.

Ich bin im Übrigen selbst für die Einhaltung dieser Zeiten verantwortlich. Es gibt niemanden, der mich zwingen kann, über die vertraglich vereinbarte Zeit hinaus zu arbeiten. Das gilt auch für Weiterbildungsassistenten. Die Briten sehen sich dabei als einziges Land in Europa, dass die europäische Arbeitszeitrichtline umgesetzt hat. Dadurch leidet aber auch die Weiterbildung und es besteht ein großer Drang, diese Regelungskompetenz nach Großbritannien zurückzuholen.

Zudem sind die Hierarchien in England etwas flacher. Ein Chefarztsystem wie in Deutschland gibt es nicht. Weiterbildungsassistenten arbeiten in Teams mit einem „Consultant“, der dann aber durchaus ihr Vorgesetzter ist. Tatsächlich wird hier eher über die steilen Hierarchien in Deutschland geschmunzelt. Wir haben in England zwar einen „clinical director“, der ist aber gegenüber „Consultants“ medizinisch nicht weisungsbefugt. Ich bin als „Consultant“ zuständig für meine Patienten und organisiere meinen Tagesablauf selbst. Andere Fachrichtungen, wie die Chirurgen, sind auch für die Rekrutierung ihrer Patienten selbst verantwortlich.

Aus meiner Sicht ist auch die Weiterbildung in England besser organisiert. Sie ist hier staatlich gemanagt und kontrolliert und wesentlich strukturierter. Jeder Weiterbildungs­assistent hat sein eigenes Budget und erhält, genau reguliert, Feedbacks aus allen Abteilungen, in denen er war. Viel von dem, über das wir in Deutschland diskutieren, zum Beispiel strukturierte Weiterbildung, Weiterbildungsverbünde, Fachgespräche, Prüfungen, Kompetenzbasierung oder Evaluation, haben wir hier längst.

Ein weiterer Pluspunkt ist der Umgang mit Behandlungsfehlern. Das Fehlermeldesystem CIRS ist hier an jedem Krankenhaus fest implementiert und wird auch im Alltag gelebt. Wenn es in England zu einem Behandlungsfehler kommt, besteht für den Arzt eine Pflicht, aufrichtig und offen mit dem Patienten und seinen Angehörigen umzugehen. Die Patienten haben ein Recht zu erfahren, wie es zu dem Fehler gekommen ist und was das Krankenhaus unternimmt, damit sich ein solcher Fehler nicht wiederholt. Dies Idealbild eines offenen Umgangs mit Fehlern würde ich mir für Deutschland auch wünschen.

Das Patientenfeedback hat allgemein einen höheren Stellenwert als in Deutschland. Im englischen System muss ein Arzt seine Lizenz alle fünf Jahre erneuern lassen. Essenziell dafür ist ein positives Patientenfeedback. Wenn man also keine positiven Bewertungen der Patienten bekommt, wird die Lizenz nicht rezertifiziert. Das ist zwar ein großer bürokratischer Aufwand, aber die Grundidee ist gut.

Darüber hinaus wird den Ärzten in England eine andere Wertschätzung entgegen­gebracht. Das kann damit zusammenhängen, dass die Briten eine andere Mentalität haben. Sie sind höflicher und bedanken sich eher als es die Deutschen tun. Wir be­kommen auch viele Dankeskarten. Allerdings ist es in England auch Volkssport, sich zu beschweren. Damit muss man dann professionell umzugehen lernen.

Die Vergütung für Krankenhausärzte ist im Übrigen nicht besser als in Deutschland. Ein Oberarzt verdient in beiden Ländern etwa gleich viel. Allerdings gibt es eine erhebliche Spannbreite, die natürlich wie in Deutschland auch davon abhängt, wie viele Extra-Dienste  man macht oder wie viele Privatpatienten man an seinen freien Tagen behandelt.

DÄ: Unter welchen Umständen würden Sie nach Deutschland zurückkehren?
Bolten: Ich bin nicht aus Deutschland weggegangen, weil dort alles so schlecht ist. Und in England ist nicht alles besser, aber eben erfrischend anders. Keines der beiden Systeme ist perfekt. Wieder nach Deutschland zurückkehren würde ich, wenn ich in England unzufrieden wäre. Danach sieht es aber zurzeit nicht aus. © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #100415
edehac
am Freitag, 16. Mai 2014, 12:03

Kostenvergleich waere interessant!

Kennt jemand eine aktuelle, wo das englische System mit dem deutschen System kostenmaessig verglichen wird? Wie sieht es zusaetzlich mit den Medikamentenkosten aus?
Mein Bauch sagt mir, dass das englische System, da es ja offensichtlich qualitaetsmaessig mit dem deutschen auf einer Stufe steht, wesentlich preisguenstiger ist.
Wer hat einen Hinweis - danke!
LNS

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