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Politik

Transplantations­prozess: Urteil wird frühestens im Oktober erwartet

Dienstag, 20. Mai 2014

Göttingen – Der Strafprozess gegen einen ehemals am Universitätsklinikum Göttingen (UMG) beschäftigten Transplantationsmediziner wird deutlich länger dauern als geplant: Waren zu Beginn des Verfahrens im August 2013 bereits 42 Termine anberaumt – der Prozess galt schon damals als  „Mammutverfahren“ – so hat die VI. Große Strafkammer am Landgericht Göttingen inzwischen zehn weitere Verhandlungstermine veranschlagt. Eine Entscheidung des Gerichtes ist nun nicht vor Oktober zu erwarten. Der Verlauf und der Ausgang des Verfahrens sind ein wichtiges Signal bei der Aufarbeitung des so genannten Transplantationskandals um Manipulationen der Warteliste und falsche Indikationen beigemessen.

Das Gericht hat zu entscheiden, ob solche Manipulationen der Warteliste überhaupt vorlagen mit der Absicht, dass eigene Patienten bei der Vergabe von postmortal gespendeten Organen bevorzugt würden, und welche Strafrechtsrelevanz solche Manipulationen im Zeitraum der mutmaßlichen Taten (2008 bis 2011) haben. Der Angeklagte bestreitet Manipulationen.

Nach Erkenntnissen der Prüfungs- und Überwachungskommissionen bei der Bundes­ärztekammer (BÄK) gab es in den Jahren 2010 und 2011 an vier von 24 Lebertransplantations­zentren schwerwiegende Verstöße gegen Richtlinien der BÄK, darunter die meisten an den Universitätskliniken Göttingen und Leipzig, eine geringe Anzahl auch am Klinikum München Rechts der Isar und an der Universität Münster. Die Verstöße  wurden teilweise als „systematisch“ und „bewusst“bewertet: Es handelte sich nach Auffassung der BÄK entweder um Falschangaben oder um nicht richtlinienkonforme Indikationsstellungen zur Lebertransplantation.

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Mögliche weitere Verfahren liegen auf Eis
Die Frage der Eröffnung weiterer Strafprozesse im Zusammenhang mit vergleichbaren Richtlinienverstößen hängt der Einschätzung von Expertenkreisen zu Folge auch vom Ausgang des jetzt laufenden Verfahrens in Göttingen ab. Denn mit den Fragestellungen betritt das Gericht juristisches Neuland.

Die Anklage wirft dem 46jährigen, ehemals an der UMG beschäftigten Lebertrans­plantationschirurgen versuchten Totschlag als Folge der Manipulation der Warteliste in elf Fällen vor: Durch die nicht regelkonforme Bevorzugung von Göttinger Patienten in Folge bewusst falscher Angaben zu Patientendaten und teilweise auch falscher  Indika­tion zur Transplantation seien andere, dringlichere Patienten auf der Warteliste nach hinten gerückt und in der Folge möglicherweise verstorben (Manipulationsfälle). Körperverletzung mit Todesfolge bestehe in jenen drei Fällen, so die Anklage, in denen Patienten als Folge nicht indizierter Lebertransplantationen gestorben und die Risiken absehbar größer gewesen seien als der zu erwartende Nutzen (Inidikationsfälle).

Richter: Komplexe medizinische Fragen
„In meiner beruflichen Laufbahn habe ich es noch nicht mit solch komplexen und schwierig zu bewertenden medizinischen Fragestellungen im Sachverständigenbeweis zu tun gehabt“, sagte der Kammervorsitzende Ralf Günther am Montag.

Bei diesem 36. Verhandlungstermin waren Manipulationsfälle Thema. Im Fall eines aus Russland eingereisten und an die UMG verlegten Patienten mit schwerem, alkoholbe­dingtem  Leberversagen geht es laut Anklage sowohl um die Frage der nicht richtlinien­konformen Indikationsstellung zur Lebertransplantation (Alkoholkarenz weniger als sechs Monate), als auch um falsche Angaben zur Dialyse gegenüber der Vermittlungsstelle Eurotransplant, aufgrund derer die Dringlichkeit zur Transplantation anhand des MELD-Scores (Model of Endstage Liver Disease) höher eingestuft wurde als regel­konform.

Die Frage der Alkoholkarenz sei an der UMG weder mit Hilfe von Laborwerten geprüft, noch durch ein psychologisch-psychiatrisches Konzil des ansprechbaren Patienten evaluiert worden, sagte der das Gericht beratende Sachverständige Wolf Otto Bech­stein, Leiter der Klinik für Allgemeine und Viszeralchirurgie an der Universitätsklinik Frankfurt. Und ob der Patient in einer für den MELD relevanten Form dialysiert worden sei, wie gegenüber Eurotransplant angegeben, lasse sich aus der Dokumentation ebenfalls nicht ersehen.

Nach den Krankenakten der UMG sei eine Dialyse nicht erforderlich gewesen. Es ergäben sich aus den Akten aber unterschiedliche Diagnosen. Ohne Dialyse hätte der Patient zu zwei Zeitpunkten in der Woche vor der Transplantation einen MELD von 26 gehabt, antwortete der Gutachter auf die Frage des Gerichts, mit Dialyse habe der MELD-Wert 39 betragen. Bei einem MELD von 26 betrage die durchschnittiche 3-Monats-Mortalität unbehandelt 28 Prozent.

Viele hypothetische Varianten
Ob der Patient ohne Transplantation sicher verstorben wäre, fragte eine Richterin. „Diese Frage kann ich nicht mit Sicherheit beantworten“, sagte Bechstein, „es hätte sein können“. Ob er sich in einen Zug setzen würde, von dem er wisse, dass er mit einer Wahrscheinlichkeit von 28 Prozent entgleisen könne, wurde der Sachverständige von einem der drei Verteidiger gefragt. „Wenn ich der einzige Arzt wäre, der damit einem Patienten das Leben retten könnte, wahrscheinlich schon“, antwortete der Gutachter, ohne Not nicht. Ob die Transplantation unter ausschließlich somatischen Aspekten des Leberkranken ungeachtet möglicher Richtlinienverstöße vertretbar gewesen wäre, wollte der Vorsitzende Richter Günther wissen. „Vertretbar ja“, sagte Bechstein.

Ein weiterer, zum Zeitpunkt der Transplantation 53jähriger Patient wurde mit dekom­pensierter Leberzirrhose bei ET gemeldet, außerdem habe er ein hepatozelluläres Karzinom, so die Angaben gegenüber ET. Es war allerdings keine das Karzinom belegende Bildgebung dokumentiert, so der Gutachter. Auch bei diesem Patienten wurde – allokationsrelevant – eine Dialyse angegeben. Trotz möglicher Falschangaben sei eine Transplantation nach den Regeln der ärztlichen Kunst vertretbar gewesen, so die Meinung des Sachverständigen auf Nachfragen des Gerichts.

Die Herangehensweise des Gericht machte an diesem Prozesstag wie bei früheren Verhandlungen deutlich: Die Strafkammer möchte von den Sachverständigen Antworten auch auf einzelne Komponenten einer im klinischen Alltag komplexen medizinischen Entscheidung, um die Perspektive des angeklagten Arztes auf den einzelnen Patienten zu bewerten, und zwar auch unabhängig von Rahmenbedingungen und rechtlich relevanten Regulierungen der Transplantationsmedizin. Was dies für die Gesamt­bewertung der Kammer bedeutet, ist noch unklar. Immer wieder werden mit den Gutachtern – außer Bechstein noch weitere Sachverständige - hypothetische Varianten durchgespielt, auf die zu antworten den Gutachtern häufig schwer fällt: Der klinische Kontext mit einer entsprechenden Befunddokumentation fehlt.

Befangenheitsantrag abgelehnt
Die Verteidigung mahnt immer wieder an, dass es Befunde, die nicht dokumentiert sind, dennoch gegeben haben könnte, und sie hat mit der Begründung, dies werde vom Sachverständigen nicht ausreichend berücksichtigt, und weiteren Argumenten mehrfach ihre Besorgnis der Befangenheit des Gutachters ausgedrückt. Deshalb hatte die Verteidigung nun eine Entpflichtung von Bechstein beantragt. Diesen Antrag hat das Gericht am Montag  zurückgewiesen.

Aber es hat gleichwohl deutlich gemacht, dass die Bedenken der Verteidigung beim Verfahren Berücksichtigung finden. So werde auch über grundsätzliche verfassungs­relevante Fragen von Strukturen und Organisation der Transplanta­tionsmedizin in Deutschland nachgedacht, sagte der Vorsitzende. Auch wegen solcher Grundsatz­erwägungen, die die Kammer als ihre Aufgabe sieht, dürfte es bis zu einer Entscheidung noch länger dauern. © nsi/aerzteblatt.de

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