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Medizin

Morbus Kawasaki kommt mit dem Westwind aus China

Dienstag, 20. Mai 2014

Barcelona – Ein internationales Team von Klimaforschern sucht die Ursache des Morbus Kawasaki, an dem in Japan eines von 185 Kindern im Alter von unter 5 Jahren erkrankt, in Winden, die in den Wintermonaten von der landwirtschaftlich intensiv genutzten nordostchinesischen Ebene nach Japan wehen. Sie enthalten Hefepilze, die das Team mit Flugzeugen aufgefangen und in einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2014; doi: 10.1073/pnas.1400380111) analysiert hat.

Im Januar 1961 behandelte der japanische Kinderarzt Tomisaku Kawasaki erstmals ein Kind mit einer rätselhaften Erkrankung, die heute seinen Namen trägt. Sie beginnt mit einem abrupten Fieber. Dem folge nach wenigen Tagen eine trockene Konjunktivitis sowie ein Erythem von Lippen, Zunge (Erdbeerzunge) und Mundschleimhaut. Typisch ist auch ein Ödem und Erythem von Händen und Füßen. Bei einigen Kindern findet sich eine zervikale Lymphadenopathie.

Es bleibt jedoch nicht bei einer harmlosen Kinderkrankheit, denn die zugrunde liegende Arteriitis befällt auch die Koronarien, wo sich bei einem Viertel der Kinder Aneurysmen bilden, die rupturieren und einen Herzinfarkt auslösen können.

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Es blieb nicht bei Einzelfällen. Die Erkrankung tritt in Japan epidemisch auf. Besonders große Ausbrüche gab es in den Jahren 1979, 1982 und 1986. Insgesamt beträgt die Inzidenz bei 175 Erkrankungen pro 100.000 Kinder im Alter unter 5 Jahre. Eines von 185 Kindern in Japan erkrankt am Morbus Kawasaki. Seltener wird die Erkrankung in anderen asiatischen Ländern und auch in den USA diagnostiziert.

Die Ursache konnte trotz intensiver Forschung bisher nicht gefunden werden. Vor einigen Jahren fiel dem Mathematiker Xavier Rodó vom Katalanischen Institut für Klimaforschung in Barcelona auf, dass die Erkrankungen in Japan, aber auch in den USA, mit bestimmten Winden korrelierten, die von Zentralasien nach Japan wehen und deren Ausläufer auch die Westküste der USA erreichen.

In der aktuellen Analyse weisen die Forscher nach, dass die Winde immer die gleiche Region in der nordostchinesischen Ebene überqueren. Zwei Tage später erreichen sie Japan, wo Stunden später die ersten Kinder am Morbus Kawasaki erkranken. Die Inkubationszeit beträgt den Berechnungen des Forschers zufolge zwischen sechs Stunden und zwei Tagen. Dies schließt ein Virus als Erreger aus, da die Inkubationszeit hier in der Regel länger ist. Rodó vermutet deshalb ein Toxin oder Antigen, das mit den Winden von China nach Japan und von dort aus weiter nach Amerika geblasen wird.

Die Forscher haben deshalb ein Flugzeug mit einem neuartigen Luftfilter ausgestattet. Im Winter 2011, am Höhepunkt der jährlichen Epidemie wurden in Lufthöhe von 2,000 bis 3,000 Metern Pilzsporen aufgefangen. Es handelte sich überwiegend um Candida-Arten, die normalerweise in Japan nicht auftreten. Die Forscher vermuten deshalb, dass eine Substanz in den Hefepilzen für die Erkrankung der Kinder verantwortlich ist. Das verant­wortliche Toxin haben sie allerdings bisher nicht gefunden. Es könnte sich auch um ein Antigen handeln, das eine Autoimmunerkrankung anstößt, die mehrere immunologische Begleiterscheinungen der Erkrankung erklären würde. Arteriitiden treten häufig im Rahmen von Autoimmunerkrankungen auf.

Die Vermutungen der Forscher gehen dahin, dass es in der nordostchinesischen Ebene nach dem zweiten Weltkrieg zu einer Veränderung in der Landwirtschaft gekommen ist, die vermehrt zur Freisetzung von Hefepilzen in die Atmosphäre führt. Da die Erkran­kungen in den Wintermonaten auftreten, in denen die Vegetation ruht, könnte es sich um die Verbrennung von (verschimmelten) Strohresten handeln, was aber derzeit reine Spekulation ist. Sollten die Vermutungen zutreffen, wäre der Morbus Kawasaki die erste Erkrankung, die nachweislich über größere Strecken mit dem Wind übertragen wird. © rme/aerzteblatt.de

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