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Medizin

Schizophrenie: Haloperidol-Depot besteht Vergleich mit neuem Antipsychotikum

Donnerstag, 22. Mai 2014

Augusta – Das klassische Neuroleptikum Haloperidol hat als intramuskuläres Depot­präparat in einer Vergleichsstudie im US-Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2014; doi: 10.1001/jama.2014.4310) eine gleich gute Wirkung erzielt wie eine entsprechende Formulierung von Paliperidon, einem Vertreter der atypischen Antipsychotika. Unterschiede gab es in den Nebenwirkungen – und in den Kosten der Therapie.

Intramuskulär injizierbare Formulierungen von Antipsychotika gelten als Möglichkeit, die häufige Non-Adhärenz von Psychosepatienten zu vermeiden. Haloperidol-Decanoat war lange Zeit konkurrenzlos. Das erste Depotpräparat eines atypischen Antipsychotikums, eine mikronisierte Formulierung von Risperidon, wurde erst 2003 eingeführt. Die Zube­reitung aus einem im Kühlschrank zu lagernden Pulver war jedoch umständlich, so dass erst das 2009 eingeführte Paliperidon-Palmitat die erste praktische Alternative zu Haloperidol-Decanoat ist.

Die jetzt publizierte „A Comparison of Long-acting Injectable Medications for Schizophrenia“ oder ACLAIMS-Studie war die erste vergleichende Studie zu den beiden Depot-Präparaten. An 22 US-Kliniken wurden 311 Patienten mit Schizophrenie oder schizoaffektiven Störungen auf eine Therapie mit Haloperidol-Decanoat oder Paliperidon-Palmitat randomisiert.

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Primärer Endpunkt war ein Therapie-Versagen, definiert als psychiatrische Hospita­lisierung, Krisenintervention, ein deutlicher Anstieg der ambulanten Besuche oder die Entscheidung des Psychiaters, dass die orale antipsychotische Medikation auch acht Wochen nach der Gabe des Depotpräparates nicht abgesetzt werden konnte.

In der Effektivität gab es, wie Joseph McEvoy von der Georgia Regents University in Augusta berichten, keine Unterschiede zwischen den Medikamenten: Unter Paliperidon-Palmitat kam es während der zweijährigen Studienphase bei 49 Patienten (33,8 Prozent) und unter Haloperidol-Decanoat bei 47 Patienten (32,4 Prozent) zum Therapieversagen. McEvoy gibt die Hazard Ratio mit 0,98 an, was eine gleich starke Wirkung der beiden Präparate anzeigt. Ein weites 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,65 bis 1,47 schließt allerdings nicht aus, das eines der beiden Mittel in Wirklichkeit stärker wirksam ist als das andere. Für die Psychiater bedeutet dies in der Praxis, dass das Versagen eines Mittels eine Wirksamkeit des anderen nicht ausschließt.

Unterschiede gab es in der Verträglichkeit zwischen den beiden Präparaten. Wie erwartet kam es unter Paliperidon-Palmitat zu einem Anstieg des Körpergewichts (plus 6 kg), während die Patienten unter Haloperidol-Decanoat abnahmen (minus 3,8 kg). Eine weitere bekannte Nebenwirkung von Paliperidon ist ein Anstieg der Prolaktin-Werte. Die Inzidenz von Gynäkomastie, Galaktorrhö oder sexuellen Störungen waren jedoch unter beiden Medikamenten gleich. Die langfristigen Auswirkungen der medikamenten-induzierten Hyperprolaktinämie sind nicht genau bekannt. Zu den befürchteten Folgen zählt eine Osteopenie.

Trotz einer vergleichsweise niedrigen Dosierung kam es unter Haloperidol-Decanoat häufiger zu neurologischen Nebenwirkungen. Die Patienten entwickelten öfter eine Akathisia und ihren wurde häufiger Benztropin zur Behandlung von Parkinsonsymptomen verschrieben. Eine tardive Dyskinesie trat bei 15 Prozent der mit Haloperidol-Decanoat behandelten Patienten auf gegenüber 11 Prozent im Paliperidon-Arm der Studie. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant, aber die Teilnehmerzahl der Studie dürfte hier zu gering gewesen sein, um einen Nachteil für Haloperidol-Decanoat auszuschließen.

Ein weiterer Unterschied besteht in den Behandlungskosten. Sie betrugen für Haloperidol-Decanoat in der Studie gerade einmal 35 US-Dollar für die monatliche Injektion, während jede Behandlung mit Paliperidon-Palmitat mit 1.000 US-Dollar zu Buche schlug. Ähnliche Differenzen bestehen auch in Deutschland.

Insgesamt scheint die Studie die jüngsten Erfahrungen mit den konventionellen Therapien mit Antipsychotika zu bestätigen. Direkte Vergleichsstudien und Meta-Ana­lysen haben in den letzten Jahren die für die neuen atypischen Antipsychotika beanspruchten Vorteile infrage gestellt. Allen voran hatte die CATIE-Studie gezeigt, dass eine Behandlung mit einem älteren Neuroleptikum (wie Perphenazin in den USA) nicht weniger effektiv sein muss als eine Reihe neuerer Mittel darunter Risperidon (dessen aktiver Metabolit Paliperidon ist), dass sie aber bei einer niedrigen Dosierung auch nicht unbedingt schlechter verträglich sein muss. © rme/aerzteblatt.de

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