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Medizin

Forscher entdecken plazentares Mikrobiom

Donnerstag, 22. Mai 2014

Houston – Die Plazenta ist keineswegs, wie bisher angenommen, steril. Eine Studie in Science Translational Medicine (2014; 6, 237ra65) identifiziert eine Vielzahl unterschied­licher Bakterien in dem Versorgungsorgan des Feten. Das plazentare Mikrobiom weist Ähnlichkeiten mit der Mundflora auf, was eine bekannte Assoziation zwischen Parodon­tose und Frühgeburtlichkeit erklären könnte.

Die US-National Institutes of Health führen derzeit mit dem „Human Microbiome Project“ eine Inventur der Bakterien durch, die Haut und Schleimhäute des menschlichen Körpers schon bald nach der Geburt in großer Zahl besiedeln, sodass sie am Ende zehnmal zahlreicher sind als die Zellen des Organismus. Die Forscher bedienen sich bei der Mikrobiom-Analyse der „Shotgun“-Sequenzierung“.

Sie entschlüsselt nicht jedes einzelne bakterielle Gen, was angesichts der Vielfalt der Bakterien zu aufwändig wäre. Stattdessen werden bestimmte ribosomale Gene analysiert, die für einzelne Bakterien-Spezies charakteristisch sind und deshalb eine Zuordnung zulassen. Zu den Untersuchungsobjekten zählt neben Darm und Mundhöhle auch die Vagina. Vor zwei Jahren hatte Kjersti Aagaard vom Baylor College of Medicine in Houston die Vaginalflora von Schwangeren untersucht (PLoS ONE 2012; 7: e36466).

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Sie hatte dabei erwartet, auf Bakterien zu treffen, die in den ersten Lebensmonaten den Darm des Säuglings besiedeln. Die derzeitige Lehrmeinung ist, dass das Neugeborene während des Durchtritts durch den Geburtskanal Bakterien mit dem Mund aufnimmt, die dann zu den Pionieren der intestinalen Flora werden. Aus dieser Annahme heraus sollten Schnittentbindungen prinzipielle Nachteile, beispielsweise für die Entwicklung von Allergien haben.

Da die vaginalen Bakterien aufgrund der Unterschiede nicht als Quelle für die intestinale Flora infrage kommen, wendeten sich Aagaard und Mitarbeiter der Plazenta zu, über die der Fet mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Die Plazenta ist in der Wand des Uterus durch Membranen hermetisch von der Außenwelt getrennt, so dass sich dort eigentlich keine Bakterien befinden sollten. Die jetzt durchgeführte Untersuchung an den Nachgeburten von 320 Schwangeren wies jedoch auch in der Tiefe des Organs, das bei der Geburt nicht kontaminiert werden kann, eine Fülle von Bakterien nach.

Darunter waren neben Escherichia coli, der bei den meisten Menschen den Darm besiedelt, auch Prevotella tannerae, einem Bewohner der Zahnfleischtaschen in der Gingiva, und einige Neisseria-Spezies, typische Bewohner der Mundschleimhaut. Der Vergleich des plazentaren mit anderen bereits analysierten Mikrobiomen bestätigt ein hohes Maß an Übereinstimmung mit der Mundflora. Zudem scheinen Harnwegs­infektionen im ersten Trimenon das plazentare Mikrobiom zu beeinflussen.

Aagaard vermutet, dass die Bakterien von der Mundhöhle aus über den Blutkreislauf die Plazenta erreichen. Bewiesen ist dies durch die Untersuchung noch nicht. Seit längerem ist aber bekannt, dass Schwangere mit schlechter Mundhygiene oder Parodontose häufiger Frühgeburten erleiden. Die neuen Untersuchungsergebnisse deuten an, dass hier ein ursächlicher Zusammenhang bestehen könnte.

Sollte dies der Fall sein, sind Auswirkungen auf die klinische Medizin denkbar. Wenn tatsächlich Bakterien der Mundhöhle die Plazenta besiedeln und damit zum Auslöser von Frühgeburten werden können, sollte eine Antibiotikatherapie eine vorbeugende Wirkung haben. Diese Hypothese könnte durch klinische Studien geprüft werden. Eine protektive Wirkung in diesen Studien wäre gleichzeitig ein Beweis für die von Aagaard aufgestellte Hypothese.

Es bleibt allerdings auch vorstellbar, dass das plazentare Mikrobiom (analog zur Darmflora) selbst eine physiologische Funktion hat, die durch den häufigen Einsatz von Antibiotika gestört wird. Auch zu dieser Frage dürften jetzt epidemiologische Studien durchgeführt werden. © rme/aerzteblatt.de

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