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Medizin

Mentale Erkrankungen verkürzen Lebenserwartung mehr als Rauchen

Dienstag, 27. Mai 2014

Oxford – Viele Menschen mit mentalen Erkrankungen haben eine verkürzte Lebens­erwartung. Der Einfluss ist einer Meta-Übersicht in World Psychiatry (2014; 13: 153-160) zufolge bei vielen Erkrankungen größer als die schädlichen Auswirkungen von Tabakrauchen.

Menschen mit Psychosen haben ein erhöhtes Suizidrisiko, Patienten Depressionen vernachlässigen oft ihre Gesundheit, junge Frauen mit Anorexie hungern sich zu Tode, Drogenabhängige sind durch Überdosierungen, Gewalttaten oder Infektionen gefährdet. In der Summe ergibt dies ein signifikant erhöhtes Sterberisiko, das in früheren Untersuchungen eher unterschätzt wurde, wie Seena Fazel von der Universität Oxford berichtet.

So seien E. C. Harris und B. Barraclough von der Universität Southampton in ihrer Übersicht (British Journal of Psychiatry 1998; 173: 11-53) davon ausgegangen, das eine Schizophrenie mit einem 1,6-fach erhöhten Sterberisiko einher gehe. Neuere Untersuchungen schätzen die standardisierte Mortalitätsrate (SMR) jedoch auf 2,5. Auch die SMR der Opiatsucht sei mehr als doppelt so hoch wie früher angenommen (14,7 statt 6,4).

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Das Team um Fazel legt jetzt in einer Meta-Übersicht eigene Zahlen vor. Grundlage waren insgesamt 20 frühere Übersichten, die nach einer Prüfung von 406 Zitationen aus den Jahren 1998 bis Februar 2014 für die Meta-Übersicht ausgewählt wurden. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass zehn mentale Erkrankungen das Sterberisiko stärker erhöhen als Tabakrauchen. Dies waren Opiatsucht (14,7), Amphetamine (6,2), Kokain (6,0) Anorexia nervosa, expansive Verhaltensstörungen (5,0), Methamphetaminkonsum (4,7), akute oder transiente Psychose (4,7), Alkoholismus (4,6), Persönlichkeitsstörung (4,2) sowie geistige Behinderungen (2,8).

Die Zahlen in den Klammern geben neben SMR auch relative Risiken (RR) oder Odds Ratios (OR) an, deren Definitionen sich im Detail unterscheiden, die jedoch alle den relativen Anstieg des Sterberisikos beschreiben. Die Zahl für das Rauchen beträgt 2,6, das damit gefährlicher für das Leben ist als Schizophrenie (2,5), bipolare Störung (2,2), Bulimia nervosa (1,9), Essstörungen allgemein (1,9), Depressionen (1,6), dysthymische Störungen (1,4) eine komorbide Angststörungen/Depressionen (1,4) und der Cannabiskonsum (1,2).

Anschaulicher ist die Auswirkung auf die Lebenserwartung. Menschen mit bipolaren Störungen sterben im Durchschnitt 9 bis 20 Jahre früher, Patienten mit Schizophrenie verlieren 10 bis 20 Lebensjahre, bei Drogenkonsumenten und Alkoholikern beträgt der Lebenszeitverlust 9 bis 24 Jahre, bei der Depression sind es 7 bis 11 Jahre. Starke Raucher verzichten auf 8 bis 10 mögliche Lebensjahre.

Fazel stellt Raucher und Menschen mit mentalen Erkrankungen bewusst gegenüber. Der Anteil an der Bevölkerung ist in etwa gleich groß. In Großbritannien hätte einer von vier Menschen im Verlauf eines Jahres wenigstens einmal ein mentales Problem, 21 Prozent der Männer und 19 Prozent der Frauen seien Raucher. Anders als das Rauchen sind mentale Erkrankungen nicht immer vermeidbar, es gebe jedoch für viele Erkrankungen heute effektive Therapien, schreibt Fazel.

Diese würden jedoch heute nur einer Minderheit angeboten. Die Betreuung der Patienten sei eine Herausforderung, da sie neben Medikamenten und Psychotherapien auch Jobs oder sinnvolle Tätigkeiten benötigen. Diese Schwierigkeiten könnten nach Ansicht von Fazel jedoch im Prinzip überwunden werden. © rme/aerzteblatt.de

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