NewsÄrzteschaftSchmerzmedizinische Versorgung stärken
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Schmerzmedizinische Versorgung stärken

Mittwoch, 28. Mai 2014

Düsseldorf – Etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen. Im Durchschnitt dauert die Leidensgeschichte eines Schmerzpatienten sieben Jahre, jeder Fünfte kämpft sogar 20 Jahre und länger gegen den Schmerz an. „Patienten haben ein Recht auf eine strukturierte und wirksame Schmerztherapie“, erklärt Martina Wenker, Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer.

Deshalb fordert der 117. Deutsche Ärztetag in Düsseldorf einen niedrigschwelligen Zugang für alle betroffenen Patienten zu den erforderlichen schmerzmedizinischen Versorgungsebenen. Der Hausarzt sei in der Regel der erste Ansprechpartner für alle Gesundheitsprobleme, so auch für Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen. „Ihm kommt dabei die Aufgabe zu, das Leitsymptom ,akuter Schmerz‘ vom chronischen Schmerz abzugrenzen und eine weitere Diagnostik und Differenzialdiagnostik einzuleiten“, heißt es in dem Ärztetags-Beschluss.

Desweiteren sei es seine Aufgabe, einen Therapieplan zu erstellen und erste therapeu­tische Maßnahmen zu ergreifen, heißt es weiter. „Unter hausärztlicher Kontrolle erfolgt im Sinne einer gestuften Versorgung die Hinzuziehung weiterer fachärztlicher Expertise bis hin zu schmerztherapeutischen Einrichtungen mit einem interdisziplinären und multipro­fessionellen Behandlungsteam.“ Außerdem fordern die Ärztetagsdelegierten eine eigene Versorgung für die wachsende Zahl chronisch schmerzkranker Kinder und Jugendlicher, deren gesunde Entwicklung durch den chronischen Schmerz gefährdet sei.

Anzeige

Schmerztherapeutische Einrichtungen bei der Bedarfsplanung berücksichtigen
Der Beschluss spricht sich außerdem für eine konsequente Berücksichtigung schmerz­therapeutischer Einrichtungen in den Bedarfsplänen der vertragsärztlichen Versorgung und eine Verbesserung der Akutschmerztherapie in den Krankenhäusern aus. Nationale Benchmark-Projekte hätten gezeigt, dass eine adäquate  Akutschmerztherapie für Patienten im Krankenhaus machbar sei: „Während unzureichend behandelte Schmerzen mit einem erhöhten Risiko für eine Chronifizierung, einer erhöhten Mortalität und steigenden Behandlungskosten einhergehen, führt eine adäquate Akutschmerztherapie zu einer Verkürzung der Krankenhausverweildauer und zu Einsparungen im Gesundheitssystem.“

Die Effekte einer qualifizierten Akutschmerztherapie seien unter anderem eine schnellere Mobilisierung, eine Verbesserung der pulmonalen Funktion, eine Vermeidung von Chronifizierung sowie zufriedenere Patienten und Personal, erläuterte Referent Wolfgang Koppert, Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Medizinische Hochschule Hannover. In jedem Fall sei eine Schmerztherapie eine ethisch und ökonomisch gebotene Leistung. Dazu verweist Koppert auf das Projekt „Schmerzfreies Krankenhaus“  in dem Defizite deutlich wurden, aus der aber auch hervorging, dass eine qualifizierte Schmerztherapie sowohl im operativen als auch im konservativen Bereich möglich sei. (DÄ, Heft 36/2010)

Beim chronischen Schmerz hat der zweite Referent Martin Scherer, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, eine strukturelle Unterversorgung in ländlichen Regionen festgestellt. Er fordert als oberstes Ziel eine Schmerzreduktion, aber gleichzeitig auch eine Reduktion von Medikamenten und eine Reduktion der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen.

Wenker begrüßt es, dass die Schmerztherapie als Querschnittsfach in der ärztlichen Approbationsordnung verankert wurde und von 2016 an Pflicht- und Prüfungsfach für Medizinstudierende ist. Eine systematische Berücksichtigung schmerzmedizinischer Kompetenz mit Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten in der allgemeinen Schmerzmedizin unter Berücksichtigung gebietsspezifischer Ausprägungen sei bereits seit 2003 in der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung in allen patientenversorgenden Fachgebieten verankert worden. „Diese Anforderungen werden im Rahmen der Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung konsequent weiterentwickelt“, heißt es in dem Ärztetags-Beschluss.

Wissenschaft und Forschung aus öffentlichen Mitteln finanzieren
Letztendlich könne eine zielgerichtete Aus-, Weiter- und Fortbildung nur auf dem allgemein anerkannten Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgen. Deshalb müsse sichergestellt werden, dass neue, evidenzbasierte Erkenntnisse Eingang in die schmerzmedizinische Versorgung finden. Daher seien Wissenschaft und Forschung auch aus öffentlichen Mitteln finanziell zu fördern.  Auch Scherer und Koppert halten mehr Versorgungsforschung für dringend erforderlich. „Sie ist die Basis der Qualität“, sagte Scherer.

In der Diskussion setzten sich die Delegierten unter anderem damit auseinander, ob man die schmerzmedizinischen Kompetenzen vieler Arztgruppen weiter stärken und sie besser honorieren müsse oder ob  es eher darum gehen solle, betroffene Patienten früher und häufiger zu Schmerzspezialisten zu überweisen.

Jeder Facharzt müsse auf seinem Gebiet schmerztherapeutisch qualifiziert sein, befand Guido Marx, Nordrhein. Dies bedeutet seiner Meinung nach aber ebenso, dass schwieriger zu therapierende Patienten zu einem Spezialisten geschickt werden.  Auch für eine gute Versorgung von Schmerzpatienten gehört seiner Meinung nach die hausärztliche Versorgung gestärkt. Marx verwies weiterhin darauf, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung gerade im Hausarztkapitel des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs neue Abrechnungsziffern für geriatrische und palliativmedizinische Leistungen eingeführt habe. Es könnten ja zukünftig auch noch Abrechnungsziffern für schmerztherapeutische Leistungen hinzukommen, meinte er.

Klaus Thierse, Berlin, verwies darauf, dass Patienten mit anhaltenden Schmerzen öfters auch deshalb zur diagnostischen Abklärung weiterüberwiesen würden, weil ihre Betreuung zeitintensiv sei, aber schlecht bezahlt. Dadurch gefährdet man seiner Meinung nach eine vernünftige, abgestufte Versorgung in der Fläche.

Carsten König, Nordrhein, wies Behauptungen zurück, die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte behandelten Schmerzpatienten unzureichend, weshalb es im Schnitt zwei Jahre bis zu einer zutreffenden Diagnose dauere. „Es ist das tägliche Tun der Niedergelassenen, Schmerzen zu befunden und adäquat zu behandeln“, sagte er. Dabei gingen sie auch nicht anders vor als die Kollegen in Zentren. König verwies zudem darauf, dass es die sehr kurzen Liegezeiten in Krankenhäusern den Ärzten dort erschwerten, Patienten mit Schmerzen adäquat einzustellen: Sie kämen häufig „entweder unterversorgt oder zugedröhnt“ in die Praxis.

Holger Werner, Rheinland-Pfalz, unterstützte die Forderung, dass schmerzmedizinische Kenntnisse in jedem Fach erworben werden müssen. Aber er warnte davor, in der Therapie zu streng nach einem Schema F vorzugehen. „Patienten haben ein Recht darauf, dass wir nach den Ursachen von Schmerz suchen und nicht zu schnell sagen: ,Du bist halt ein Schmerzpatient‘“, befand Werner. Er schilderte, dass er als Orthopäde regelmäßig konservative Therapien wie Krankengymnastik nicht mehr in ausreichendem Maß verordnen könne und deshalb die Schmerzen bei Patienten nicht abklängen. Dann gingen Patienten zu Schmerzmedizinern und erhielten beispielsweise Opiate.

Birgit Wulff, Hamburg, argumentierte, man solle stärker zwischen chronischer Schmerzkrankheit und Schmerz als Symptom einer Krankheit unterscheiden, forderte aber auch, „die Ursachen hinter dem Symptom Schmerz nicht zu vergessen“. © Kli/Rie/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #103970
DöringDöring
am Donnerstag, 29. Mai 2014, 21:44

Schmerzmedizinische Versorgung stärken

Hier soll wieder eine neue Disziplin aufgemacht werden. Neue Ziffern, neue teure Kurse noch mehr Bürokratie. Nein danke.
LNS

Nachrichten zum Thema

3. Juni 2019
Münster – Der 122. Deutsche Ärztetag hat die Bundesregierung aufgefordert, ein Forschungsprogramm zum medizinischen Nutzen von Cannabisarzneimitteln und -blüten aufzulegen. Seit März 2017 dürfen Ärzte
Medizinischer Nutzen von Cannabis sollte wissenschaftlich belegt werden
3. Juni 2019
Münster – Der 122. Deutsche Ärztetag in Münster hat den Gesetzgeber aufgefordert, weitere Änderungen an dem Gesetzentwurf zur Reform der Ausbildung der Psychologischen Psychotherapeuten sowie der
Ärztetag fordert weitere Änderungen an Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung
3. Juni 2019
Münster – Rund 430.000 Medizinische Fachangestellte (MFA) stellen in Deutschland an der Seite der Ärzte die ambulante Versorgung sicher. Beim 122. Deutschen Ärztetag haben die Abgeordneten auf die
Medizinische Fachangestellte verdienen Anerkennung
3. Juni 2019
Münster – Der 122. Deutsche Ärztetag hat den Gesetzgeber aufgefordert, im Rahmen der Überarbeitung des Präventionsgesetzes eine Vergütung des ärztlichen Präventionsgesprächs vorzusehen. Zudem müsse
Ruf nach Vergütung für das Präventionsgespräch
3. Juni 2019
Münster – Zur Förderung der Kindergesundheit hat der 122. Deutsche Ärztetag beschlossen, die Initiative „Kinderrechte ins Grundgesetz!“ des Aktionsbündnisses Kinderrechte zu unterstützen. Die
Plädoyer für Kinderrechte im Grundgesetz
31. Mai 2019
Münster – Die Abgeordneten des 122. Deutschen Ärztetags in Münster haben das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) aufgefordert, die Sicherstellung der Versorgung mit Antibiotika durch eine Rückverlegung
Ärztetag fordert Rückverlegung der Antibiotikaproduktion nach Europa
31. Mai 2019
Münster – Die Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns in niedergelassenen Praxen und auch in Krankenhäusern müssen aus Sicht des neuen Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Klaus Reinhardt, dringend
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER