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Ärzteschaft

Prävention als integraler Bestandteil ärztlicher Tätigkeit

Donnerstag, 29. Mai 2014

Rudolf Henke /Jardai

Düsseldorf – „Prävention ist keine eigene medizinische Disziplin, sondern ein integraler Bestandteil ärztlicher Tätigkeit.“ Nachdrücklich wird in dem vom 117. Deutschen Ärztetag mit großer Mehrheit angenommenen Leitantrag zum Thema Prävention darauf verwie­sen, dass Ärztinnen und Ärzte in der Gesund­heits­förder­ung und Prävention eine zentrale Position einnehmen. Neben der Diagnostik und der Therapie müsse künftig der Präven­tion aber ein noch höherer Stellenwert eingeräumt werden.

Der Weg dorthin werde allerdings noch durch Hindernisse verstellt: So fehle derzeit noch ein gesetzlicher Auftrag zur Durchführung einer primärpräventiven Beurteilung und Bera­tung; die bisherigen Früherkennungsuntersuchungen seien bislang vor allem auf eine frühe Erkennung von Krankheiten, nicht aber von gesundheitlichen Risiken, Belastungen und Ressourcen ausgerichtet; im EBM gebe es keine eigene Abrechnungsziffer für eine eingehende präventive Beratung; vermisst wird eine Vernetzung mit anderen Einrich­tungen auch außerhalb des Gesundheitswesens, um Prävention auch im Alltag der vertragsärztlichen Praxis leichter zu ermöglichen.

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Klare Wirksamkeitsnachweise notwendig
„Die Investition in Prävention lohnt sich“, betonte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke. Hier biete sich den Ärzten ein breites Aufgabenspektrum. Es gebe vielfältige Belege für die Wirksamkeit präventiver Maßnahmen. Gleichwohl sei es unabdingbar, führte Henke aus, dass alle diese Maßnahmen immer wieder aufs Neue einer begleitenden Evaluation unterzogen würden. Auf der Basis klarer Wirksam­keitsnachweise habe man eine gute Ausgangslage, wenn es um die Honorierung von Prävention gehe.

Henke verwies auf einige Präventionsmaßnahmen, zu denen dieser Nachweis bereits erfolgt sei: Neugeborenen-Hörscreening, Hautkrebs-Screening, Darmkrebs-Screening, Maßnahmen zu Rauchstopp und Reduktion von Alkoholkonsum, Bewegungsberatung. Die Ärzte könnten mit ihrem Engagement in der Prävention sehr viel dazu beitragen, die Lebenszeit ihrer Patienten krankheitsfrei zu verlängern.  

Eine stärkere Gewichtung der Prävention dürfe aber nicht dazu führen, dass die zur Verfügung stehenden Geldmittel einfach umgeschichtet werden, das heißt aus der Kuration in die Prävention abfließen, warnte Henke. Er wies zudem auf die Gefahr hin, dass künftig die Nichtinanspruchnahme präventiver Maßnahmen als schuldhaftes Verhalten angesehen wird mit der Folge, dass Krankheitskosten nicht mehr von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung übernommen werden.

Ärztliche Praxis als idealer Präventionsort
Der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer, Max Kaplan, zeigte die Vorteile der Durchführung von  Präventionsmaßnahmen in der ärztlichen Praxis auf. Befragungen zeigten, dass der Arzt als Gesundheitsberater vom Patienten erwünscht sei. Die Praxis sei der ideale Ort zur Thematisierung von Gesundheitsfragen; hier würden zudem alle sozialen Schichten erreicht. Gerade in den Hausarztpraxen würden Patienten oft über Jahrzehnte begleitet. Kaplan: „Hier gibt es eine eingehende Kenntnis des familiären und sozialen Kontextes, Möglichkeiten der frühzeitigen Intervention und der Nutzung von ,teachable moments‘.“

Hindernisse für eine wirksamere Umsetzung von Prävention in der Praxis sieht Kaplan im begrenzten gesetzlichen Auftrag für den Arzt im SGB V zur Durchführung einer primär­präventiven Beurteilung und Beratung. Mit Ausnahme der Schutzimpfungen und der betrieblichen Gesund­heits­förder­ung liege die Verantwortung für die Primärprävention nach § 20 SGB V überwiegend bei den Krankenkassen.

„Die Integration von eingehender präventiver Beratung im Praxisalltag setzt aber ein effizientes Prozessmanagement voraus“, betonte Kaplan. Gelinge dies, komme dem Arzt die zentrale Position in der Gesund­heits­förder­ung und Prävention zu. Er kenne das individuelle Risiko der Patienten und könne  Präventionsempfehlungen in einem geschützten Raum geben. Eine Delegation von präventiven Aufgaben an geschultes medizinisches Fachpersonal sei hierbei vorstellbar.

In dem geplanten Präventionsgesetz solle deshalb die ärztliche Prävention hervor­gehoben werden, heißt es in einer weiteren Entschließung des 117. Deutschen Ärztetages. Neben einer stärkeren gesetzlichen Verankerung der Prävention in der niedergelassenen Praxis solle die Rolle des Betriebsarztes im Rahmen der betrieblichen Gesund­heits­förder­ung, der Primärprävention und der Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren gestärkt werden. Weiter sollen die Potenziale des öffentlichen Gesundheitsdienstes genutzt und weiter ausgebaut werden.

Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Zudem betont der 117. Deutsche Ärztetag die Bedeutung von Prävention als einer gesamt­gesellschaftlichen Aufgabe. Diese dürfe nicht auf GKV und PKV begrenzt werden. Vielmehr müssten die staatlichen Akteure auf allen Ebenen in die Verantwortung genommen werden. „Es muss verhindert werden, dass sich die öffentlichen Haushalte auf kommunaler, Landes- und Bundesebene zulasten der Sozialversicherungsträger aus Finanzierung der Prävention zurückziehen.“ © TG/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 30. Mai 2014, 14:13

Krankenwagen mutieren zu "Gesundheitswagen"?

Mit "Prävention als integraler Bestandteil ärztlicher Tätigkeit" hat sich der 117. Deutsche Ärztetag in Düsseldorf wohl präventiv einen Bären aufbinden lassen. Das aktuell beliebte Ärzte-"Bashing" und -"Dissen", bzw. die beklagte unzureichende "Fehlerkultur" in der Medizin bei Beratung, Untersuchung, weiterführender (Differenzial-)Diagnostik, Therapie und Palliation von K r a n k h e i t e n reicht den Delegierten wohl nicht aus: Sie wollen das zur K e r n k o m p e t e n z der Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis gehörende Krankheits-Versorgungsmanagement, das eh' schon nicht immer reibungslos funktioniert, noch mit ebenso allgemein wie unverbindlichen Präventionsregularien toppen.

Die nichtmedizinischen Humanwissenschaften warten nur darauf, dass die Prävention a l l e i n in den Händen von Ärzten sich als stumpfes Schwert erweist: Medizinerinnen und Mediziner beschäftigen sich von ihrer berufsspezifischen Sozialisation her professionell und schwerpunktmäßig mit Anatomie, (Patho-) Physiologie, Biochemie, der Nosologie von Krankheiten der Krankheitsepidemiologie und krankheitsspezifischen Therapien. Unsere beruflichen Entwicklungen in (Grundlagen-) Forschung, Wissenschaft und angewandter Medizin auf den Gebieten der Psychiatrie, Psychosomatik und Somatik mit ambulant/stationärer Versorgungspraxis in Kliniken auf Stationen und Funktionsabteilungen, in der Niederlassung als Haus-, Fach- und Spezialarzt haben im Wesentlichen nur ein gemeinsames Ziel: Erkennung, Untersuchung, Diagnostik, Therapie und Palliation von K r a n k h e i t e n prozess- und ergebnisqualitätsmäßig zu etablieren, zu optimieren und möglichst weitgehend fehler-, schaden- und nebenwirkungsfrei zu gestalten.

Dass wir dabei p r i m ä r über eine wie auch immer geartete Expertise der Primärprävention verfügen könnten, ist eine ebenso populäre wie irrige Annahme. Populär deshalb, weil es zum einen viele Kolleginnen und Kollegen s e l b s t sind, die in omnipotenter Verkennung der eigenen Begrenztheit ärztlich diagnostisch-therapeutischer Fähigkeiten meinen, die Verhütung und Verhinderung von Krankheiten selbst, sozusagen als präventiologisches „Abfallprodukt“ auch noch „mit links“ erledigen zu können.

Zum anderen gibt schätzungsweise 30.000 bekannten Krankheitsentitäten und täglich werden es mehr ("Von den ca. 30.000 bekannten Krankheiten werden über 7.000 zu den 'Seltenen Erkrankungen' gezählt" http://www.bmbf.de/de/1109.php). Davon ist nur ein Bruchteil primär-präventiv verhinderbar. Mit dem schon semantisch schiefen Blickwinkel der „Gesundheits“-Forscher, der „Gesundheits“-Politiker, der „Gesundheits“ und „Ernährungs“-Experten, der „Präventologen“, aber auch der professionellen „Gesundbeter“, „Heilpraktiker“, „Alternativ-“ und „Geistheiler“ wird deutlich, dass es diesen Damen und Herren unterschiedlichster Profession und Provenienz überhaupt nicht um Krankheit geht. Sondern in erster Linie darum, wie sie selbst mit ihrer existenziellen Angst vor Krankheit, Siechtum, Sterben und Tod umgehen,um damit Geld, Macht und Einfluss erringen zu können.

In Wahrheit sind Geburt, Leben und Vergänglichkeit eine Legierung von Gesundheit und Krankheit. Pathologische Prozesse sind „unsterblich“ mit lebendigen Manifestationen emulgiert. Krankheit und Zerfall sind dem Leben ebenso immanent wie Freude, Glück, Lust, Ekstase, Wahnsinn, Genuss, Kommunikation, soziale und individuelle Identität, Sinnstiftung und kulturelle Reflexion. Von daher mahne ich zu Zurückhaltung in der Präventionsdebatte. Noch niemand wurde präventiv "geheilt", weil man Krankenwagen zu "Gesundheitswagen" mutieren ließ.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #96115
ralf.schrader
am Freitag, 30. Mai 2014, 09:24

Prävention ...

... ist eine gesamtgesellschaftliche, keine ärztliche, keine medizinische und auch keine Aufgabe des Gesundheitswesens.
Erfolgreiche Verhältnissprävention sind die Lebensmittelhygiene, Verkehrssicherheit, Unfallschutz usw., während verhaltenspräventiver Nichtraucherschutz oder die Agitation sog. gesunder Lebensweise eher Voodoo- Charakter haben.
Mit Medizin und Gesundheitswesen hat wirkliche Prävention kaum etwas zu tun, ebenso wie Gesundheitspolitik und Medizin gar nichts und Gesundheitspolitik und Gesundheitswesen wenig miteinander zu tun haben.
Avatar #562834
anaesthesist_meyer
am Donnerstag, 29. Mai 2014, 19:40

Wieso gesetzlicher Auftrag für Prävention?

Wenn wir Ärzte die Prävention wirklich als integralen Bestandteil unserer Tätigkeit begreifen, wieso brauchen wir dafür einen gesetzlichen Auftrag? Ich kann immer öfter dieses zu nichts führende Geschwafel anlässlich berufsständischer Zusam-menkünfte nicht mehr hören und lesen! Es gibt eine Vielzahl klüger Fachköpfe unter uns Ärzten, die zwar seit Jahren ein Präventionsgesetz anmahnen, dabei je-
doch die Kraft vergessen, die es eigentlich einzusetzen gilt. Es geht um unseren täglichen Einsatz vor Ort, im täglichen Miteinander, in der Familie, in den Schulen,
in den Praxen, Krankenhäusern und in all den Bereichen, wo Kontrolle und unser
Einfluss vonnöten ist, gesundheitliche Schäden von uns Menschen fernzuhalten, zu vermeiden, wenigstens aber zu verringern. Solange wir die Augen vor den krankmachenden Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft verschließen, in der es immer mehr nur noch um materielle Interessen bestimmter Interessen-gruppen geht, denen die Gesundheit der Mehrheit der Bevölkerung schlichtweg egal ist, verkommt das Gerede über Verhütung und Vorbeugung leider nur zur hohlen Phrase. Wir sind schon seit mehr als Jahrzehnten dabei, unser "Kapital" in diesem Bereich unserer ärztlichen Aufgaben zu verspielen. Soziale Verantwortung
sieht anders aus!
LNS

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