NewsPolitikKoalition gegen den Schmerz: Kritik an Opioid-Substitution
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Koalition gegen den Schmerz: Kritik an Opioid-Substitution

Dienstag, 3. Juni 2014

Berlin – Den heutigen „Aktionstag gegen Schmerzen“ haben Fachleute zum Anlass genommen, erneut gegen die Substitution von Opioiden in der ambulanten Versorgung von Schmerzpatienten zu protestieren, die in den vergangenen Jahren durch Rabatt­verträge zwischen Krankenkassen und Pharmafirmen zugenommen hat. Auf seiner jüngsten Sitzung Mitte Mai habe es der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) erneut unterlassen, das von Patientenorganisationen, Schmerzfachgesellschaften und Pharmakologen mit Nachdruck geforderte Substitutionsverbot von Opioid-Analgetika umzusetzen, heißt es in einer Stellungnahme von Vertretern der „Koalition gegen den Schmerz“. Dabei habe sich der Petitionsausschuss des Bundestags bereits 2012 den Forderungen der Deutschen Schmerzliga nach einem Austauschverbot angeschlossen.

<b>Umfrage: </b> Wie kann die Schmerztherapie verbessert werden? Start

Video

Umfrage: Wie kann die Schmerztherapie verbessert werden?

Henning Blume, Mitautor der Leitlinie zur guten Substitutionspraxis der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft, verwies darauf, dass ein Präparate­austausch sowohl bei dauerhaft gut eingestellten Patienten als auch bei schwierigen Arzneiformen kritisch zu bewerten sei. Auf chronische Schmerzpatienten träfe beides zu: „Jeder Präparatewechsel ist ein Problem.“

Zwar sei die Wirksamkeit der verschiedenen Generika durch ihre Zulassung belegt, erläuterte Blume. Doch die Überprüfung ihrer Austauschbarkeit, vor allem der präparateabhängigen Bioverfügbarkeit, sei nicht Gegenstand der Zulassung. Das ist nach Ansicht des Pharmazeuten vor allem im Hinblick auf Retardformen ein Problem.

Anzeige

„Jeder Austausch ist ein Problem“
Es bereite ihm „große Sorge, dass die deutlichen Unterschiede nicht berücksichtigt werden“, erklärte auch Michael Schäfer, designierter Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, ergänzte, es gehe „nicht darum, die Hersteller zu schützen“, schon gar nicht die von Originalpräparaten: „Jeder Austausch ist ein Problem.“

Zahlreiche Patienten seien auf Generika eingestellt. Erhielten sie nun ein Original­präparat, weil ihre Krankenkasse einen entsprechenden Vertrag mit einer Pharmafirma abgeschlossen habe, bekämen sie oft Schwierigkeiten. Durch solche Umstellungen lässt sich nach Auffassung der Experten nur kurzfristig Geld sparen.

Auf längere Sicht führten die damit verbundenen Probleme für Schmerzpatienten häufig zu einem Mehraufwand in Praxen, zu Krankenhauseinweisungen und Phasen der Arbeitsunfähigkeit. „Eine neue Einstellung kostet Lebenszeit, Geld, Energie“, kritisierte Müller-Schwefe. Im Durchschnitt erkaufe man einen Euro an eingesparten Arzneimittel­kosten bei 85 Prozent der betroffenen Patienten mit einer Verschlechterung der Schmerzen.

Ältere Patienten durch Substitution oft verunsichert
Unzufrieden ist auch Birgitta Gibson, Schmerzpatientin und Vizepräsidentin der Deutschen Schmerzliga. Gibson hatte seinerzeit die erfolgreiche Petition im Bundestag auf den Weg gebracht. „Wir haben bis jetzt dadurch nichts erreicht“, resümierte sie am Aktionstag gegen Schmerzen. Gerade ältere Patienten verunsichere die Substitution ihres bekannten Medikaments sehr häufig. In einer Umfrage der Schmerzliga hätten fast alle teilnehmenden Patienten angegeben, „von heute auf morgen umgestellt worden zu sein“.

Die Hälfte gab an, nicht vom verschreibenden Arzt aufgeklärt, sondern in der Apotheke von der Änderung überrascht worden zu sein. Wenn Ärzte Patienten informierten, würde fast immer ein günstigerer Preis als Grund der Substitution genannt, sagte Gibson: „Ich finde den Druck, der auf Ärzte ausgeübt wird, unverantwortlich.“ © Rie/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

22. Oktober 2019
Hanover – Patienten haben weniger Schmerzen, wenn ihre Ärzte selbst an die Wirksamkeit der Behandlung glauben. Das geht aus einer Studie in Nature Human Behaviour hervor. Demnach spiegele sich die
Erwartungen des Arztes beeinflussen Schmerzempfinden von Patienten
14. Oktober 2019
Silver Spring – Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat mit dem Serotonin-Agonisten Lasmiditan ein neues Medikament zur Behandlung von Migräneattacken bei Erwachsenen zugelassen. Lasmiditan darf anders als
USA: Serotonin-Agonist Lasmiditan zur Behandlung von Migräneattacken zugelassen
9. Oktober 2019
Stuttgart – Neue Substanzen könnten für Migränepatienten, bei denen die Einnahme von Triptanen kontraindiziert ist, eine Therapieoption sein. Das haben Experten auf der Jahrestagung der Deutschen
Neue Substanzklassen für Akuttherapie der Migräne in klinischer Prüfung
4. Oktober 2019
New York – Ein Bündnis von US-Bundesstaaten geht rechtlich gegen millionenschwere Boni-Pläne des umstrittenen Schmerzmittel-Herstellers Purdue Pharma vor. Es gehe um Sondervergütungen in Höhe von 38
US-Bundesstaaten klagen gegen Millionen-Boni von Purdue Pharma
2. Oktober 2019
Washington – In der Opioid-Krise in den USA hat der Arzneimittel-Hersteller Johnson & Johnson einem Millionenvergleich zugestimmt. Der Pharmakonzern teilte gestern mit, sich mit den von der
Johnson & Johnson stimmt in US-Opioid-Krise Millionen-Vergleich zu
16. September 2019
Bristol – Die Einnahme von Paracetamol in der mittleren bis späten Schwangerschaft, die allgemein als sicher eingestuft wird, war in einer prospektiven Beobachtungsstudie in Paediatric and Perinatal
Studie: Paracetamol in der Schwangerschaft könnte das spätere Verhalten der Kinder beeinflussen
16. September 2019
New York – Der US-Pharmakonzern Purdue Pharma, gegen den fast 2.300 Klagen wegen seines süchtig machenden Schmerzmittels Oxycontin anhängig sind, hat Insolvenz beantragt. Mit dem Insolvenzverfahren
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER