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Medizin

Autismus: Neue Bestätigungsversuche zur „extreme male brain“-Hypothese

Mittwoch, 4. Juni 2014

dpa

Cambridge – Der britische Psychiater Simon Baron-Cohen vermutet, dass Autismus-Spektrum-Störungen Folge einer vermehrten Bildung von männlichen Geschlechts­hormonen in der Fetalperiode ist. Die Untersuchung von fast 20.000 archivierten Fruchtwasserproben in Molecular Psychiatry (2014; doi: 10.1038/mp.2014.48) scheint diese  „extreme male brain“-Theorie jetzt erneut zu bestätigen.

Der Leiter des Autism Research Centre an der Universität Cambridge ist auch in Deutschland für seine ungewöhnlichen Thesen zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden des Gehirns bekannt. Das weibliche Gehirn zeichnet sich nach Ansicht von Baron-Cohen durch die Fähigkeit zur Empathie aus, die Gefühle und Gedanken in den Mittelpunkt stellt.

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Die Stärke des männlichen Gehirns liege dagegen in der Fähigkeit zum systematischen Denken. Eine Extremform dieser Männlichkeit ist für Baron-Cohen der Autismus, vor allem das mit einem normalen oder hohen Intelligenzquotienten einhergehende Asperger-Syndrom.

Der Entwicklungspsychologe vermutet, dass die Weichen für Autismus-Spektrum-Störungen bereits in der Fetalperiode gestellt werden. Vor einigen Jahren konnte er zeigen, dass Kinder, die vor der Geburt erhöhte Testosteronwerte im Fruchtwasser hatten (in einer anlässlich einer Pränataluntersuchung durchgeführten Amniozentese), im Alter von zehn Jahren häufiger autistische Persönlichkeitsmerkmale aufwiesen, was Baron-Cohen an einem niedrigen „Empathie-Quotienten“ und einem hohen „Systemati­sierungs-Quotienten“ festmachte.

Jetzt hat der Forscher zusammen mit Bent Nørgaard-Pedersen vom Statens Serum Institute in Kopenhagen die Konzentration von vier Steroidhormonen in 19.500 Fruchtwasserproben untersucht. Darunter waren 128 Kinder, bei denen später eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert wurde.

Alle vier Hormone (Progesteron, 17alpha-Hydroxyprogesteron, Androstenedion und Testosteron) waren bei den Kindern mit späterer Autismusdiagnose im Fruchtwasser erhöht. Alle vier Hormone sind Bestandteil eines Stoffwechselwegs, der zur Bildung von Testosteron führt, was die Hypothese von Baron-Cohen zu bestätigen scheint.

Die Studie zeigt allerdings auch eine erhöhte Konzentration von Cortisol, einem Steroid, das nicht Bestandteil des Testosteronstoffwechsels ist. Hinzu kommt, dass eine Asso­ziation allein eine Kausalität nicht belegt. Die erhöhten Testosteronwerte könnten beispielsweise auch Folge der Erkrankung sein. Es wäre deshalb verfrüht, von einem Marker für die Erkrankung zu sprechen.

Auch für ein Screening, etwa im Rahmen der Pränataldiagnostik, reichen die Hinweise nicht aus. Eine Behandlung mit Testosteronblockern scheidet wegen der damit verbundenen Risiken aus. Der nächste Schritt könnte im Versuch bestehen, die Erkrankung im tierexperimentellen Modell durch eine Manipulation der Testosteronproduktion auszulösen. Bis dahin dürfte die „extreme male brain“-Hypothese autistischer Störungen als unbewiesen gelten. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Sonntag, 26. Juli 2015, 12:45

Ursache und Wirkung

Was den Zusammenhang zwischen Autismus und traditionellem Rollenbild betrifft, muss ich mich in einem Punkt revidieren. Da die betroffenen Patienten meist Männer sind, fällt bei den leichteren Fällen die mangelnde Sozialkompetenz nicht so sehr auf, solange sie ihrer Rolle als Ernährer der Familie gerecht werden, wenn parallel dazu die Frau in das Schema eines traditionellen Rollenbildes gedrängt wird.
Das bedeutet, bei einem traditionellen Rollenbild sind Patienten mit leichten Verlaufsformen besser sozial integriert, dies aber auf Kosten der Lebensqualität der betroffenen Frauen. Ob dies wirklich erstrebenswert ist, daran habe ich gewisse Zweifel.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Samstag, 25. Juli 2015, 21:46

Traditionelles Rollenbild schützt vor Autismus?

Der Autismus und das Asperger-Syndrom sind relativ neue Definitionen von Krankheitsbildern, somit sind alle Statistiken über das Vorkommen in der Vergangenheit sehr vage. Bei der früher üblichen autoritären Erziehung wurde ein Kind manchmal auch mit Gewalt „geradegebogen“; die aktuell steigenden Fallzahlen können somit zu einem guten Teil der schärferen Wahrnehmung dieses Krankheitsbildes geschuldet sein.
Und selbst wenn es Umweltfaktoren gibt, die Autismus begünstigen, so sollte man erst die lange Reihe an endokrinen Disruptoren durchsuchen, bevor man die schwindende Bedeutung des traditionellen Rollenbildes dafür verantwortlich macht. Sicher, moderne junge Frauen haben mehr Streß, weil sie mehr Verantwortung tragen. Sie haben aber auch weniger Streß, weil sie nicht mehr alles runterschlucken müssen, was ihr „Haustyrann“ von sich gibt. Insgesamt dürfte das auf ein Nullsummenspiel hinauslaufen. Der Beitrag von Alternativmed ist derartig fern von jedweder wissenschaftlichen Logik, dass er nur als Satire durchgehen könnte, die Formulierung dort spricht aber dafür, dass der Autor es ernst gemeint hat.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 25. Juli 2015, 19:16

Äußerst peinliche Hypothesenbildung!

Diese "Neuen Bestätigungsversuche zur „extreme male brain“-Hypothese" bei der Entstehung von Autismus sind nicht nur rein retrospektiv, sondern willkürlich und o h n e echte Vergleichsgruppen durchgeführt worden. Bei fehlender prospektiver Verifikation bleiben sie eine Falsifikation und damit reines Kaffeesatzlesen:

Denn auch bei allen vier genannten Hormonen (Progesteron, 17alpha-Hydroxyprogesteron, Androstenedion und Testosteron), die bei den Kindern mit späterer Autismusdiagnose im Fruchtwasser erhöht waren, sind Progesteron und 17alpha-Hydroxyprogesteron überwiegend w e i b l i c h e Hormone. Selbst bei "Androstenedione", wie im Originalartikel genannt, ist es gar nicht eindeutig: "Androstenedione is the common precursor of male and female sex hormones.[1] Some androstenedione is also secreted into the plasma, and may be converted in peripheral tissues to testosterone and estrogens." Quelle https://en.wikipedia.org/wiki/Androstenedione

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Paris/F)
Avatar #104813
Alternativmed
am Samstag, 25. Juli 2015, 12:39

Die "extreme male brain" Autismushypothese ist zumindest plausibel

und würde den extremen Anstieg dieser Erkrankung in den letzten Dekaden erklärlich machen. Der "modern lifestyle" unserer jungen Frauen, die Abwendung von traditionellen Rollenbildern führt natürlich zu einem erhöhten Stress in der Schwangerschaft mit den Folgen einer erhöhten Testosteron- und Cortisolproduktion. Wir dürfen uns dann nicht wundern, wenn die Kosten für diese Erkrankung bald die anderer Volkskrankheiten übertreffen wird.
LNS

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