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Experten diskutieren über Rabattverträge, Lieferengpässe und Biosimilars

Dienstag, 10. Juni 2014

dpa

Berlin – Der Vorstandsvorsitzende von Pro Generika, Wolfgang Späth, hat die niedrigen Ausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) für Generika kritisiert: „Generika stehen für 75 Prozent der Arzneimittelversorgung in der GKV. Ohne Generika könnten wir uns keine Arzneimittelversorgung in Deutschland mehr vorstellen. Dafür werden abzüglich der Rabattverträge jedoch nur etwa 2,4 Milliarden Euro pro Jahr gezahlt. Das ist nur ein Prozent der gesamten GKV-Ausgaben.

Da sieht man schon ein gewisses Missverhältnis“, kritisierte Späth in Berlin auf einer Konferenz anlässlich des zehnjährigen Bestehens von Pro Generika. Hinzu kämen gestiegene Anforderungen an die Arzneimittelsicherheit und die Pharmakovigilanz, die vor allem Firmen träfen, die Arzneimittel in hoher Auflage produzierten, also Generikahersteller.  

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„Wir gehen davon aus, dass deshalb künftig 15 bis 30 Prozent der Generika aus dem Vertrieb genommen werden“, sagte Späth weiter. Das sehe man zwar aufgrund der extremen Vorlaufzeiten von bis zu vier Jahren heute noch nicht. Die Folge sei dennoch eine Marktverengung. „Bei vielen wichtigen Produkten sichern lediglich drei Unter­nehmen die Versorgung“, so Späth.

Generika „billiger als eine Pizza“
Auch der Chefapotheker der Universitätsklinik Tübingen, Hans-Peter Lipp, kritisierte die niedrigen Ausgaben für Generika: „Es kann nicht sein, dass die Behandlung einer lebensbedrohlichen Infektion mit einem generischen Antibiotikum billiger ist als eine Pizza aus dem Kühlregal.“ Das sei keine Wertigkeit mehr.

Lipp befand, dass Rabattverträge indirekt einen Einfluss auf Lieferengpässe von Arzneimitteln hätten, weil manche Herstellerfirmen komplett aus der Produktion ausge­stiegen seien und in der Folge keine Krankenhäuser mehr belieferten. Er wies auf die möglichen Folgen von Marktverengungen hin: In den USA seien Menschen gestorben, weil dem Wirkstoff Heparin von chinesischen Herstellern Vogelknorpel beigemischt worden sei. „Weil Heparin nur noch in China hergestellt wird, hatten wir große Schwierigkeiten, den Wirkstoff zu bekommen. Das war das größte Lieferproblem der letzten zwei Jahre“, so Lipp.  

Der Apotheker kritisierte die zunehmende globale Konzentrierung von Produktions­stätten. Diese Monopolisierung führe zur Erpressbarkeit und einem absehbaren Anstieg der Preise. Zudem stehe eine steigende internationale Nachfrage, zum Beispiel aus Schwellenländern, einem gleichbleibenden oder rückläufigen Rohstoffangebot gegenüber.

„Erheblicher Aufklärungsbedarf“ bei Biosimilars
Der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), Wolf-Dieter Ludwig, wies darauf hin, dass sich Biosimilars nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht anders verhielten als die Originalpräparate. Bereits im Jahr 2008 habe die AkdÄ dafür plädiert, dass man Biosimilars einsetzen könne. Denn „bezüglich der pharmazeutischen Qualität gelten dieselben Qualitätsanforderungen wie für jedes neue Biological“, sagte Ludwig. So müssten zum Beispiel Daten zur Effektivität und Sicherheit im Menschen vorliegen sowie Daten zur Immunogenität. Bei Biosimilars gebe es keine Probleme bei der Immunogenität, genauso wenig bei dem Originalpräparat.

Eigentlich sei alles sonnenklar, so Ludwig. Dennoch lasse die Marktdurchdringung zu wünschen übrig. Eine Studie aus den USA habe im vergangenen Jahr gezeigt, dass 39 Prozent der befragten Ärzte überhaupt nicht mit Biosimilars vertraut gewesen seien; nur acht Prozent hätten angegeben, mit dem Thema sehr vertraut zu sein. „Hier besteht noch ein erheblicher Aufklärungsbedarf“, so Ludwig.

Straub: Ärzte nicht für Verordnung finanziell belohnen
Diesen wollen die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe und die Barmer GEK umsetzen, wie der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Christoph Straub, erklärte: „Wir haben einen Vertrag mit der KV Westfalen-Lippe mit dem Ziel geschlossen, im Bereich Rheuma Informationsangebote für Ärzte zu entwickeln und deren Vorbehalte gegenüber Biosimilars abzubauen.“

Dabei sollen auch Verordnungsziele definiert und die Erkenntnisse aus der Zusammen­arbeit dem „Rabbit-Register“ des Deutschen Rheuma­forschungszentrums zur Verfügung gestellt werden. Es gehe aber nicht darum, Ärzte für eine Verordnung von Biosimilars finanziell zu belohnen: „Eine direkte Bonifizierung eines bestimmten Verordnungs­verhaltens sollte ausgeschlossen sein“, sagte Straub.

Ludwig lobte die Zusammenarbeit mit dem Register: „Ein Register, das von einem unabhängigen Institut geführt wird und an dem sich Krankenkassen und pharma­zeutische Industrie im Rahmen der Versorgungsforschung beteiligen: Das ist doch etwas, dass wir uns wünschen.“

Straub betonte, die Barmer GEK habe „ein großes und ehrliches Interesse daran, dass die Biosimilars in den Markt Eingang finden und dass eine Wettbewerbssituation entsteht, weil wir glauben, dass alle Beteiligten davon profitieren“. Der Hintergrund ist, dass der Patentschutz für verschiedene Biologika in Kürze auslaufen wird. „Wir erhoffen uns durch das Eintreten der Biosimilars Einsparungen“, sagte Straub.

Ludwig relativierte abschließend diese Hoffnungen: „Ich bin fest davon überzeugt, dass, obwohl das Potenzial riesig ist, es den Herstellern der Originalpräparate gelingen wird, durch mehr oder weniger sinnvolle Modifikationen den Markteintritt der Biosimilars erheblich zu behindern.“ © fos/aerzteblatt.de

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