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Medizin

Studie findet subtile Gedächtnisstörungen nach Narkose in den ersten Lebensjahren

Dienstag, 10. Juni 2014

dpa

San Francisco – Bereits eine einzelne Inhalationsnarkose in den ersten beiden Lebensjahren kann leichte, aber dauerhafte Beeinträchtigungen von Gedächtnis­funktionen hinterlassen. Diese bestanden in einer Fall-Kontroll-Studie in Neuropsycho­pharmacology (2014: doi: 10.1038/npp.2014.134) in Störungen der Merkfähigkeit, die allerdings keine Auswirkungen auf den Intelligenzquotienten hatten. Tierexperimentelle Studien bestätigten die Ergebnisse.

Die ersten beiden Lebensjahre gelten als eine wichtige Phase der Hirnentwicklung. In dieser Zeit werden zahlreiche Nervenverbindungen geschaffen (Synaptogenese), die die Leistungsfähigkeit des Gehirns im späteren Leben beeinflussen. Vor einem Jahrzehnt konnte Vesna Jevtovic-Todorovic von der Universität von Virginia in Charlottesville zeigen, dass die bei Kindern bevorzugt eingesetzten Anästhetika (Midazolam, Lachgas und Flurane) bei sieben Tage alten Ratten eine toxische Wirkung auf das Gehirn hatten. Es kam zu einem Untergang von Nervenzellen im Hippocampus, die bei den Tieren zu Lern- und Gedächtnisstörungen führten (Journal of Neuroscience 2003; 23: 876-882).

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Ob ähnliche Effekte auch beim Menschen auftreten, ist umstritten. Die Untersuchung wird dadurch erschwert, dass beim Menschen das Gehirn nach einer Narkose nicht histologisch untersucht werden kann. Außerdem erfolgen die Operationen bei erkrank­ten Kindern, so dass sich die Auswirkungen von Krankheit und Narkose kaum trennen lassen. Greg Stratmann von der Universität von Kalifornien in San Francisco und Mitarbeiter haben die Frage jetzt durch zwei Studien zu klären versucht.

Im ersten Schritt untersuchten die Forscher 56 Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren, von denen die Hälfte in den ersten beiden Lebensjahren eine Inhalationsnarkose erhalten hatte. Bei allen Narkosen war Lachgas eingesetzt worden. Die am häufigsten verwendeten volatilen Anästhetika waren Sevofluran (26 Kinder) Isofluran (13) und Halothan (7). Die Anästhetikadosis betrug median 203 MAC x min. Die Narkosedauer median 148 Minuten. Drei Kinder hatten Propofol erhalten.

Für den Gedächtnistest wurden allen Kindern auf einem Monitor hintereinander 80 verschiedene Zeichnungen gezeigt. In einem zweiten Durchlauf sollten sie diese von 80 anderen Zeichnungen unterscheiden. Es gab zwei Tests zu räumlicher Anordnung und zu Farben.

Die Ergebnisse zeigen, dass diejenigen Kinder bessere Ergebnisse erzielten, die keine Narkose erhalten hatten. Dies betraf sowohl den Test zur räumlichen Anordnung als auch zu den Farben. Unterschiede gab es in den beiden Komponenten des Gedächtnis­tests, die als Wiedererkennung („recollection“ im Sinne von „erinnern“) und die Vertraut­heit („familiarity“ im Sinne von „kennen“) bezeichnet werden. Die Narkose war nur mit schlechteren Ergebnissen in der „recollection“, aber nicht in der Komponente „familiarity“ verbunden.

Diese beiden Komponenten lassen sich auch in Tiermodellen unterscheiden. Stratmann führte hierzu Versuche an Ratten durch, bei denen in der ersten Lebenswoche eine Narkose durchgeführt worden war. Zehn Monate später zeigten die Tiere Störungen in der „recollection“, nicht aber in der „familiarity“ von Gerüchen. Bei einigen Tieren waren ähnliche Operationen durchgeführt worden wie bei den Kindern, andere hatten nur eine Narkose erhalten. Dieser Umstand hatte keinen Einfluss auf die Testergebnisse. Strat­mann vermutet deshalb, dass die Ergebnisse tatsächlich den Einfluss der Narkose anzeigen und keine Verzerrung durch die Operationen vorliegt.

Bei den Kindern war auch ein Intelligenztest durchgeführt worden. Die Narkose war nicht mit einer Minderung des IQ assoziiert. Auch das Verhalten der Kinder in der Child Behavior Checklist zeigte keine Auffälligkeiten. Damit stellt sich die Frage, welche klinischen Auswirkungen die „subtilen“ Defizite in der „recollection“-Komponente des Gedächtnisses haben könnten.

Stratmann könnte sich vorstellen, dass sich durch die Narkose Lernstörungen ergeben (was in epidemiologischen Studien noch zu untersuchen wäre), gesteht aber ein, dass der Erfolg in der Schule und die Intelligenz nicht allein von der Fähigkeit abhängt, sich möglichst viele Figuren in einem Test merken zu können.

© rme/aerzteblatt.de

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