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Ärzteschaft

„Die aktuellen Arbeitsbedingungen wirken sich spürbar auf den Nachwuchs aus“

Mittwoch, 11. Juni 2014

Köln – Seit Einführung des DRG-Systems ab 2004 geraten Geburtshilfestationen in finanzielle Not und müssen schließen. Die Geburtshilfe bedingt hohe Vorhaltekosten, unterhalb einer bestimmten Fallzahl können diese Fixkosten nicht erwirtschaftet werden.

5 Fragen an Prof. Dr. med. Thomas Dimpfl, Präsident der Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

DÄ: Die Geburtshilfestationen stehen derzeit unter einem enormen finanziellen Druck ("Kellertreppeneffekt" im DRG-System, Haftpflichtprämien). Viele Stationen haben in den vergangenen Jahren schließen müssen. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf den Arbeitsalltag der Ärztinnen und Ärzte beziehungsweise der Hebammen in den Kliniken?
Dimpfl: Der Kostendruck führt klar zu einer enormen Arbeitsverdichtung bei Ärztinnen und Ärzten, Hebammen und Pflegenden in der Klinik. Aufgrund der gesetzlichen Anforderungen, wie beispielsweise Wegfall der Rufbereitschaft, Vorgaben zur Facharzt­verfügbarkeit und ständiger Hintergrundpräsenz eines Schwerpunktinhabers „Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin“, spielt die Planung und Steuerung von Personal­kosten insbesondere für Perinatalzentren eine wichtige Rolle für die Finanzierung.

Nur durch die Bereitschaft von Assistenzärztinnen und -ärzten Überstunden zu leisten sowie zusätzlich übergreifende Dienste von Gynäkologie und Geburtshilfe funktioniert das System aktuell. Eine alleinige Personalzuordnung auf die Geburtshilfe würde ohne diese Quervernetzung zwangsläufig zu einer Unterdeckung des Zentrums führen.

DÄ: Wie steht es um die Nachwuchsgewinnung in Ihrem Fachgebiet: Wirken sich diese Arbeitsbedingungen bereits negativ aus?
Dimpfl: Ja, die aktuellen Arbeitsbedingungen wirken sich spürbar auf den Nachwuchs aus.

DÄ: Was ist konkret das Problem?
Dimpfl: Die Arbeitsverdichtung und die Tatsache, dass Geburtshilfe keine Regelzeiten von 7.30 bis 17 Uhr hat, führt zu einem hohen Zeiteinsatz. Dieses widerspricht jedoch den Ansprüchen der jüngeren Generation nach einerseits ausreichender Zeit für die Aus- und Weiterbildung als auch genügend Zeit für Freizeit und Familie.

Familienfreundliche Teilzeittätigkeiten sind oft schwer mit dem geburtshilflichen Schicht­dienst zu vereinbaren. Aus- und Weiterbildung benötigen zudem finanzielle Ressourcen, die im aktuellen System nicht vollumfänglich einkalkuliert sind. Desweiteren können geburtshilfliche Kliniken zum Teil nicht mehr das gesamte Spektrum zur Weiterbildung anbieten wie zum Beispiel in der personalintensiven Pränatalmedizin. Auch die Zusatzqualifikationen wie die Schwerpunktbezeichnung Spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin wird nicht mehr von vielen angestrebt; so haben zum Beispiel im Bundesland Bayern im Jahre 2013 nur 2 Ärztinnen und Ärzte den Schwerpunkt erworben.

DÄ: Inwiefern leidet die Versorgung von Mutter und Kind unter der Situation?
Dimpfl: Derzeit leidet die Versorgung von Mutter und Kind nicht, da Ärztinnen und Ärzte, Hebammen und Pflege trotz der Mehrbelastung ihr Bestes geben. Für die Schwangeren und Neugeborenen hat die Zentralisierung der Geburtshilfe potenziell auch Vorteile. Die europäischen Nachbarländer zeigen diese Effekte eindrucksvoll – es werden bessere Outcome-Ergebnisse bei vergleichsweise niedrigeren Gesundheitsausgaben erreicht.

DÄ: Und wie sieht es in naher Zukunft aus? Sehen Sie die geburtshilfliche Versorgung mittelfristig gefährdet?
Dimpfl: Die aktuelle Finanzierungssituation birgt in der Tat Risiken für die Zukunft: Neben möglichem Nachwuchsmangel und dem Rückzug von Belegärzten und -hebammen aus dem System, kann der Kostendruck im DRG-System auch zu monetären Fehlanreizen führen. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat in ihrem DRG-Projekt unter anderem Erkenntnisse zur Unterfinanzierung von Langliegern in der Geburtshilfe erhalten, die im aktuellen DRG-System nicht sachgerecht vergütet werden. Der Gefahr, dass hierdurch finanzielle Fehlanreize entstehen, die in speziellen Risikosituationen zu einer früheren Entbindung führen (mit entsprechender Morbidität für das früher geborene Kind), muss auch weiterhin entschlossen entgegen getreten werden. © JF/aerzteblatt.de

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