NewsPolitik„Wir setzen auf die arzt- und apothekergestützte Selbstmedikation“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

„Wir setzen auf die arzt- und apothekergestützte Selbstmedikation“

Montag, 16. Juni 2014

Köln – Die Selbstmedikationsbranche gab sich selbstbewusst bei der Jahrestagung ihres europäischen Dachverbands AESGP Anfang Juni in London. Nicht verschreibungs­pflichtige Medikamente seien nicht der kleine Bruder der verschreibungspflichtigen Präparate. Sie könnten vielmehr einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Gesundheits­systeme weltweit zu entlasten. Denn diese würden durch den demogra­fischen Wandel mit immer mehr alten und potenziell kränkeren Menschen und den steigenden Kosten für den medizinischen Fortschritt zunehmend unter Druck geraten, hieß es dort.

5 Fragen an Dr. phil. nat. Martin Weiser, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH)

: Herr Dr. Weiser, wie sind denn aus deutscher Sicht die Perspektiven für den Selbstmedikationsmarkt?
Weiser: Es gibt drei Faktoren für den wirtschaftlichen Erfolg unserer Firmen. Da sind zum einen Innovationen. Dazu gehören interessante Switches, also Entlassungen aus der Verschreibungspflicht. Das zweite ist, bekannte Wirkstoffe weiterzuentwickeln. Das bedeutet: neue Darreichungsformen, neue Dosierungen und neue Wirkstoffkombinationen für die Selbstmedikation zu entwickeln. Und als Drittes – das ist sowohl für uns als Verband als auch für unsere Unternehmen wichtig –, die arzt- und apothekergestützte Selbstmedikation weiter zu stärken.

In diesem Zusammenhang fördern wir schon seit Jahren das grüne Rezept, auf dem der Arzt dem Patienten ein geeignetes nicht verschreibungspflichtiges Arzneimittel empfiehlt. Dass wir hiermit richtig liegen, zeigen zudem die Zahlen: Denn allein im vergangenen Jahr haben die Ärzte 42 Millionen grüne Rezepte ausgestellt.

DÄ: Glauben Sie denn, dass der Selbstmedikationsmarkt wichtiger werden wird, weil die Gesundheitssysteme angesichts des demografischen Wandels immer mehr unter Druck geraten?
Weiser: Wir sind davon überzeugt, dass in der Selbstmedikation eine große Chance liegt. Die Frage ist nur, wie sich die Patienten und Verbraucher in Deutschland verhalten werden. Vor zehn Jahren sind die nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel aus der Erstattungsfähigkeit der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung herausgenommen worden. Das hat bei den Patienten, aber auch bei den Ärzten zu einem gewissen Vertrauensverlust geführt. „Nicht verschreibungspflichtig“ wird möglicherweise zu Unrecht gleich gesetzt mit „nicht wirksam“. Dabei sind OTC-Arzneimittel gerade deswegen nicht mehr verschreibungspflichtig, weil sie von ihrem Nutzen-Risiko-Profil nebenwirkungsarm und für die Anwendung in der Selbstmedikation geeignet sind. Dazu kommt, dass sich die deutschen Verbraucher anders verhalten als die Verbraucher in anderen internationalen Märkten. Hierzulande ist man weit weniger dazu bereit, für die Gesundheit in die eigene Tasche zu greifen.

Rezeptfreie Arzneimittel: Industrie sieht großes Potenzial

Bezahlen Patienten Arzneimittel aus eigener Tasche, entlastet das die Sozialversicherungssysteme. Da diese zunehmend unter finanziellen Druck geraten, verspricht sich die Pharmaindustrie viel vom Geschäft mit rezeptfreien Präparaten. Es herrscht Optimismus in der Branche. Deshalb gab man sich selbstbewusst bei der Jahrestagung des europäischen Dachverbands der Selbstmedikationshersteller (AESGP)

Gemessen an den Marktzahlen ist bereits heute jede zweite abgegebene Arzneimittelpackung im deutschen Markt ein Präparat der Selbstmedikation. Insofern hat die Selbstmedikation in Deutschland eine sehr große Bedeutung. Wertmäßig spielen natürlich die verschreibungspflichtigen Arzneimittel eine viel größere Rolle. Im Selbstmedikationsmarkt liegen wir bei rund sechs Milliarden Euro Umsatz jährlich im Vergleich zu 30 Milliarden Euro im verschreibungspflichtigen Markt.

DÄ: Wo sehen Sie Hindernisse für eine positive Marktentwicklung?
Weiser: Eine Baustelle ist sicherlich die Konstruktion des Sachverständigenaus­schusses für Verschreibungspflicht. Dort haben unter anderem die Arzneimittelhersteller seit einer gesetzlichen Änderung  vor zwei Jahren kein Stimmrecht mehr. Zwar ist positiv, dass wir als Herstellerverband weiterhin beratend vertreten sind. Das heißt, wir können dort auch in Zukunft unsere beziehungsweise die Erfahrung der Arzneimittelhersteller einbringen, etwa im Hinblick auf die Zulassung, Herstellung und Sicherheit von Arzneimitteln. Deutlich gestärkt werden müsste aus meiner Sicht jedoch die Position der Praktiker. Wenn ich mir die jetzige Besetzung anschaue, muss die Frage erlaubt sein, ob diejenigen, die tagtäglich Patienten behandeln, gut genug in dem Gremium eingebunden sind. Da sehen wir Verbesserungsbedarf.

Ein zweiter Punkt betrifft das Verhältnis zwischen Pharmaunternehmen und Zulassungsbehörden. In Großbritannien ist das zum Beispiel sehr partnerschaftlich und stark auf Dialog ausgerichtet. Da sehe ich in Deutschland noch Potenzial. Wir haben deshalb im letzten Jahr Vorschläge erarbeitet, wie man das Switch-Verfahren transparenter und effizienter gestalten kann.

: Es gibt ja durchaus Stimmen, die meinen, man müsse viele Patienten auch vor sich selber schützen, weil Arzneimittel keine Waren sind wie alle anderen…
Weiser: Das ist ein wichtiger Punkt. Arzneimittel sind Waren besonderer Art, die eine besondere Betreuung brauchen. Der Patient, der Verbraucher muss auf die Beratung durch den Arzt und den Apotheker vertrauen können. Die Gesellschaft traut dem Verbraucher allerdings wenig zu. Hierzulande gilt der Patient als jemand, den man eher an die Hand nehmen muss. Das muss sich verändern. Es gilt, die Menschen mit ihren Anliegen ernst zu nehmen und ihnen – Stichwort Eigenverantwortung – etwas zuzutrauen.

Wir wollen nicht, dass Arzneimittel zu Massenartikeln werden. Es gibt aus gutem Grund drei Kategorien von Arzneimitteln: verschreibungspflichtige, apothekenpflichtige, freiverkäufliche. Ich finde, dass dies ein vernünftiger und bewährter Ansatz  ist, den es im Sinne der Patientensicherheit und des Verbraucherschutzes zu bewahren gilt.

DÄ: Wenn man den Großen der Branche glaubt, liegt die Zukunft des Selbstmedikationsmarktes in der globalen Vermarktung. Ist das so?
Weiser: Die großen Firmen spielen natürlich eine ganz wichtige Rolle. Dass sie auch die großen Marken gestalten, ist verständlich. Wenn man aber alles nur noch global betrachtet, und nur noch die weltweiten Marken zählen, wird es viele Nischen geben, die von den Großen nicht mehr besetzt werden. Hier ergeben sich beispielsweise für kleine und mittelständische Firmen neue Möglichkeiten, aktiv zu werden.

Aber unabhängig von der Geschäftsstrategie der großen Konzerne sollten wir nicht vergessen: Viele kleine Firmen sind äußerst innovativ. Der deutsche Markt ist ein ganz spezieller, gerade weil hier pflanzliche Arzneimittel eine ganz große Rolle spielen, ebenso die besonderen Therapierichtungen, also homöopathische und anthroposophische Arzneimittel.

Ein Drittel unserer 450 Mitglieder sind Hersteller von Phytopharmaka oder von Arzneimitteln der besonderen Therapierichtungen. Das sind kleine und mittelständische Firmen, die zum Teil durchaus international aktiv sind. © HK/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

9. Oktober 2020
Berlin – Deutschland setzt sich während seines Vorsitzes der EU-Ratspräsidentschaft für eine Arzneimittelstrategie der Europäischen Union (EU) ein, mit der Anreize für eine vermehrte
Deutschland setzt sich für die Produktion systemrelevanter Wirkstoffe in der EU ein
8. Oktober 2020
Berlin – In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Produktion generischer Wirkstoffe zu einem großen Teil von Europa nach Asien verlagert. Wurden im Jahr 2000 noch etwa zwei Drittel der generischen
Generika: Zwei Drittel der Wirkstoffe werden in Asien produziert
6. Oktober 2020
Berlin – Aufwendungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie sowie die Umsetzung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) haben zu erheblichen Zusatzkosten in den Vertragsarzt- und Psychotherapiepraxen
Pandemie führt zu Zusatzkosten, Lieferengpässe führen zu verfehlten Therapiezielen
2. Oktober 2020
Brüssel – Nach Lieferengpässen in der Coronakrise wollen die EU-Staaten den eigenen Binnenmarkt stärken, um unabhängiger von anderen Regionen in der Welt zu werden. Gleiches gilt mit Blick auf die
Lieferengpässe: EU-Gipfel will stärkeren Binnenmarkt für mehr Unabhängigkeit
1. Oktober 2020
Luxemburg – Onlineapotheken dürfen im Netz auch Werbung für rezeptfreie Medikamente machen, die sich gezielt an Kunden in anderen EU-Staaten richtet. Ein entsprechendes Urteil gab der Europäische
EuGH erlaubt grenzüberschreitende Onlinewerbung für Arzneimittel
18. September 2020
Brüssel/Berlin – Ein Papier zur künftigen Vermeidung von Arzneimittelengpässen in der Europäischen Union wurde gestern vom EU-Parlament beschlossen. „Die Coronakrise hat uns noch einmal verdeutlicht,
Europäisches Parlament will gegen Arzneimittelengpässe in Europa vorgehen
14. September 2020
Stuttgart – Die AOK-Gemeinschaft will bei der Ausschreibung neuer bundesweiter Generikaverträge die Arzneimittelproduktion in Europa stärken. „Problematische Produktionsbedingungen innerhalb der sich
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER