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Den Krankenhäusern fehlen Infektiologen

Donnerstag, 26. Juni 2014

Köln –Die Patientensicherheit an deutschen Kliniken ließe sich kosteneffektiv verbessern, wenn 500 bis 700 mehr Infektiologen eingestellt würden. „Ab einer Vollzeitstelle für einen Infektiologen pro 500 Krankenhausbetten amortisiert sich die Personalstelle, die Sicherheit für Patienten wäre aber deutlich höher“, sagte Winfried Kern, Leitender Arzt am Zentrum für Infektiologie und Reisemedizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, beim 12. Kongresses für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (KIT 2014) in Köln. Derzeit gebe es circa 300 Infektiologen an deutschen Kliniken. Aktuelle Studien hätten ergeben, dass die Überlebenschancen der Patienten steigen, wenn ein Spezialist für Infektionskrankheiten in die Behandlung einbezogen werde. Zugleich sinken die Behandlungskosten.

Minderung der Krankenhaussterblichkeit möglich
Während es in anderen Ländern seit langem Spezialisten für Infektionskrankheiten gibt, hat sich die Disziplin in Deutschland erst in den letzten Jahren etabliert“, sagte Gerd Fätkenheuer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) und Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Köln. Fätkenheuer berät klinikweit andere Ärzte in der Behandlung von Patienten mit schweren Infektionen. Dazu gehören häufig Bakteriämien mit dem Bakterium Staphylococcus aureus.

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„Die Sterblichkeit ist hoch, wenn Ärzte nicht sofort das richtige Antibiotikum für die Therapie wählen und die Patienten optimal weiterbetreuen“, sagte Fätkenheuer. Auch das rasche Aufspüren von häufig verborgenen Quellen der Infektion und die korrekte Therapiedauer seien entscheidend. In besonderem Maße gelte dies, wenn Bakteriämien durch multiresistente Erreger ausgelöst würden. Die spezifische infektiologische Expertise sowie ein hohes Maß an klinischer Erfahrung können häufig lebensrettend sein. In Deutschland müssten deshalb dringend mehr Ausbildungsstellen geschaffen werden, um genügend und ausreichend qualifizierte Infektiologen hervorzubringen.

Hochkomplexe Infektionen bei stationären Patienten
Eine Studie der Universität Freiburg, die im Journal of Infection veröffentlicht wurde, habe ergeben, dass die Sterberate bei einer Sepsis durch Staphylococcus aureus von 43 auf 28 Prozent sinkt, wenn Infektiologen in die Behandlung einbezogen werden. Ähnliche Ergebnisse gebe es aus anderen Ländern wie der Schweiz und Spanien, ebenfalls hochrangig publiziert. „Trotz dieser eindeutigen Ergebnisse gehört die infektiologische Beratung bisher nur in wenigen deutschen Kliniken zur Routine“, berichtet Fätkenheuer. 

 „Viele Infektionen sind heute so komplex, dass ohne spezielle Expertise am Krankenbett und ohne detaillierte Laborbefunde eine optimale Behandlung nicht mehr gewährleistet werden kann“, sagte Fätkenheuer. Laut Daten der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) stieg der Anteil der Erreger, die gegen alle Breitspektrum-Antibiotika unempfindlich sind, in den letzten fünf Jahren um 50 bis 200 Prozent.

Neue AWMF-S3-Leitlinie zur Resistenz-Prävention
Eine neue S3-Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlich-medizinischer Fachgesell­schaften (AWMF) soll die Verbreitung resistenter Keime aufzuhalten helfen. Sie gebe Empfehlungen, die in anderen Ländern, wie den USA, den Niederlanden oder Schweden längst Standard sind, sagte Kern. Grundlage ist die Bildung eines interdis­ziplinären Antibiotic Stewardship (ABS) Teams: ein Infektiologe, ein Fachapotheker sowie Fachärzte für Mikrobiologie und der Hygieneverantwortliche des Krankenhauses sollten den Teams angehören. Sie erstellen lokal umsetzbare Leitlinien zur Antibiotika­anwen­dung im Haus und sorgen für die Aufklärung und Fortbildung des Krankenhaus­personals.

Nationale Kampagnen zur Aufklärung gefordert
Problematisch sei auch der Anstieg von Antibiotika-Resistenzen bei ambulanten Patienten. 85 Prozent der in der Humanmedizin angewendeten Antibiotika entfallen auf die ambulante Versorgung, sagte Kern. Zu häufig noch würden Breitspektrumantibiotika zum Beispiel bei Erkältungskrankheiten verordnet. Hier bestehe großer Bedarf an einer Aufklärung der Allgemeinbevölkerung. „Wir benötigen nationale Kampagnen, die den künftigen Patienten die Grundzüge vermitteln, wie individueller Nutzen und Risiken abgewogen werden“, sagte Kern. Eine weitere Ursachen für zunehmende Resistenzen sei der großflächige Antibiotikaeinsatz in der Tiermast: „Auch hier ist die Politik gefordert, um dies auf ein medizinisch notwendiges Maß zu beschränken und damit die Bevölkerung zu schützen.“ © nsi/aerzteblatt.de

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