NewsPolitikIntegrierte Versorgung: Hoffnung und Enttäuschung liegen nah beieinander
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Integrierte Versorgung: Hoffnung und Enttäuschung liegen nah beieinander

Donnerstag, 26. Juni 2014

Berlin - Nach Ansicht von Krankenkassen- und Industrievertretern hat die Integrierte Versorgung (IV) nicht die Erwartungen erfüllt, die bei der Einrichtung der IV mit ihr verbunden wurden. Das erklärte der Leiter des IGES-Instituts, Bertram Häussler, auf dem Hauptstadtkongress in Berlin. Das Institut hatte Vertreter von Kassen und Industrie danach befragt, wie sie die IV heute bewerteten. Vor zehn Jahren hätten Befragte eher gesagt, dass die IV eines Tages die Regelversorgung ersetzen solle, meinte Häussler. Heute herrsche hingegen die Auffassung, dass die Integrierte Versorgung lediglich als eine Ergänzung zur Regelversorgung fungiere.

Auch wenn sie die Erwartungen nicht erfüllt habe, habe allein die Idee der Integrierten Versorgung „Integrationsbrücken in die Regelversorgung“ geschaffen, befand Häussler. So kommunizierten Ärzte heute viel stärker miteinander als noch vor zehn Jahren. „Die Integration findet subkutan statt mi Hilfe technologischer Mittel“, sagte Häussler. „Dabei sind wir gar nicht richtig darüber informiert, was sich in den letzten zehn Jahren alles an Integration vollzogen hat.“ 

Kassen und Industrie beklagen zu starke Regulierung
Als Gründe für die Stagnation der IV nannten die Befragten vor allem eine zu starke Regulierung. So müsse das Gebot der Beitragssatzstabilität in diesem Bereich aufgehoben werden, forderten sie – zumal IV-Verträge kaum zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge beitrügen. Problematisch sei auch, dass die Genehmigungs­verfahren durch die Aufsichtsbehörden als sehr aufwendig erlebt würden, so Häussler. Ungerecht sei zudem, dass es Unterschiede in der Genehmigungspraxis auf Bundes- und Landesebene gebe. Zudem sei die Budgetbereinigung zu komplex und bringe den Kassen sehr wenig.

Anzeige

Gründe für eine Stagnation sind Häussler zufolge auch Berührungsängste zwischen Krankenkassen und Industrie. So hätten Vertreter der Industrie angegeben, mehr in die IV eingebunden werden zu wollen, während Kassenvertreter erklärt hätten, sie seien offen für die Industrie, die jedoch keine guten Ideen liefere. „Es gibt also keine Blockade, die durch neue gesetzliche Regelungen aufgehoben werden könnte, sondern hier müssten Geschäftsmodelle auf den Tisch gelegt werden. Dann kann man erwarten, dass noch etwas geht“, sagte Häussler. Nichtsdestoweniger gehe die Mehrzahl der Befragten davon auch, dass die Integrierte Versorgung auch in Zukunft stagnieren werde, so Häussler. Wenige glaubten, dass es noch so komme, wie man es sich bei der Gründung der IV vorgestellt habe.

Kooperation ist der Schlüssel
Der Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Lutz Stroppe, erklärte, die Bundesregierung habe sich als einen gesundheitspolitischen Schwerpunkt vorge­nommen, die sektorenübergreifende Versorgung voranzubringen. Dabei nehme die Integrierte Versorgung eine Schlüsselrolle ein. Schon heute führe an der Kooperation und Vernetzung im Gesundheitswesen kein Weg mehr vorbei. Die Gründe dafür seien unter anderem der Wandel des Krankheitsspektrums hin zu mehr chronischen Erkrankungen und Multimorbidität sowie die wachsenden Möglichkeiten der Medizin.

„Wir müssen deshalb dazu kommen, die starke Begrenzung der spezialisierten Betrachtungsweisen zu beenden“, sagte Stroppe. „Kooperation ist der Schlüssel, um die medizinische Versorgung zu verbessern. Auch, wenn vielen die Entwicklung der IV nicht schnell genug geht, bin ich doch der Meinung, dass wir in den letzten Jahren deutliche Schritte vorangekommen sind.“

Krankenhausreform: Bund-Länder-Gruppe spricht über Entlassmanagement
Die Potenziale der IV seien jedoch bei weitem nicht ausgeschöpft. Um dies zu ändern, habe sich die Koalition vorgenommen, einen Innovationsfonds aufzulegen, mit dem Innovationen in der IV gefördert werden sollen, die die Chance haben, in die Regelver­sorgung übernommen zu werden. Stroppe kündigte für den Herbst ein neuerliches Versorgungsstrukturgesetz an, in dem über die genaue Ausgestaltung des Fonds entschieden werden solle.  

Darin soll es zudem um „das wichtige Thema Entlassmanagement“ gehen, erklärte Stroppe. Auch die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Vorbereitung einer Krankenhaus­reform werde sich diesem Thema widmen. „Wir treffen uns am kommenden Montag zum zweiten Mal, um über Strukturen und Finanzierung von Krankenhäusern zu sprechen. Da wird auch das Entlassmanagement eine große Rolle spielen“, sagte Stroppe.

Zum Thema Beitragssatzstabilität in IV-Verträgen erklärte er: „Sie ist nicht in Stein gemeißelt. Wir sollten jedoch zunächst einmal die Entwicklung zwischen den Krankenkassen abwarten, die wir mit dem GKV-Finanzstruktur- und Qualitäts-Weiterentwicklungsgesetz angestoßen haben: die Belebung der Konkurrenz zwischen den Kassen. Ob es zu einer Veränderung beim Thema Beitragssatzstabilität in der IV kommt, ist für mich eine zweite Frage.“ © fos/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

27. November 2015
Berlin – Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) setzt sich für eine breite Nutzung des Innovationsfonds zur Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung ein. Der von der Bundesregierung
KBV will Innovationsfonds auch kleineren Versorgungsprojekten öffnen
15. September 2015
Berlin – Welche Projekte haben eine Chance, aus Geldern des Innovationsfonds gefördert zu werden? Und welche Vorhaben kann man im Grunde von vornherein vergessen? Um diese Fragen ging es gestern in
Innovationsfonds: Erste Projektförderung soll schon im Dezember feststehen
4. September 2015
Berlin – Kurz vor der Expertenanhörung zum Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) im Bundestag am Montag veröffentlichen immer mehr Verbände und Experten ihre Stellungnahmen zum Gesetz. Dabei mahnen viele
Ärzte kritisieren Klinikreform
20. Juli 2015
Hamburg – Die „Ambulantisierung“ nimmt zu – das erlebt der Hamburger niedergelassene Kardiologe Heinz-Hubert Breuer täglich in seiner Praxis Welche Ursachen es dafür gibt, wieso gute Netzarbeit mit
„Ich plädiere für ambulant mit stationär“
16. Dezember 2014
Berlin – Der Leiter des IGES-Instituts, Bertram Häussler, hält es für „sinnvoll“, mit Hilfe des Innovationsfonds erneut Projekte zur Integrierten Versorgung (IV) zu unterstützen. „2004 gab es bei der
„Sehr viele Projekte können aus dem Innovationsfonds gezahlt werden“
12. Dezember 2014
Berlin – Der stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Eberhard Wille, hat begrüßt, dass Krankenkassen die Wirtschaftlichkeit von
Integrierte Versorgung: Gesundheitsweiser bewertet Neuregelungen
9. Oktober 2014
Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Integrierte Versorgung im Gesundheitswesen (DGIV) hat die Bundesregierung aufgefordert, rasch klare, konkretisierende Vorgaben zu dem im Koalitionsvertrag
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER