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Medizin

Medizinisch ließe sich die HIV-Epidemie vermutlich stoppen

Donnerstag, 26. Juni 2014

Köln – Durch eine konsequente antiretrovirale Kombinationstherapie (ART) ließe sich die Ausbreitung von HIV vermutlich stoppen. Eine effektive Behandlung reduziere die Virus­last so stark, dass sich HIV-negative Partner den vorläufigen Daten einer großen europäischen nicht-interventionellen Studie zu Folge nur äußerst selten infizieren. Das sagte Jan van Lunzen, Ärztlicher Leiter des Bereichs Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Präsident des 12. Kongresses für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (KIT) in Köln.

Lund ist Leiter der deutschen Gruppe der Partner-Studie, deren aktualisierte Ergebnisse beim Kongress diskutiert wurden. Erste Daten der PARTNER*-Studie sind im März diesen Jahres bei der Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections (CROI) in Boston vorgestellt worden. In die Partner-Studie sind 1.145 serodiskordante Paare eingeschlossen worden: je ein Partner war HIV-positiv, der andere HIV-negativ.

Circa ein Drittel waren homosexuelle männliche Paare (MSM) und jeweils ein Drittel HIV-infizierte Frauen mit männlichen HIV-negativen Partnern und männliche Infizierte mit seronegativen Partnerinnen. Die Viruslast bei den Infizierten musste unter 200 HIV-RNA-Kopien/mL Plasma liegen. Die nicht-infizierten Studienteilnehmer waren über die HIV-Infek­tion des Partners informiert und wurden bei jedem Kontakt mit dem Stu­dien-Team darüber informiert, dass die Verwendung von Kondomen beim Geschlechts­verkehr zum Schutz vor Ansteckung notwendig sei. 

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Circa 45 000 Sexualkontakte ohne Kondom ausgewertet
75 HIV-Zentren in Europa nehmen an der Studie teil, sie läuft noch bis 2017. Ausgewer­tet worden sind aktuell die Daten von 458 homosexuellen und 687 heterosexuellen Paaren. Bei durchschnittlich einem ungeschützten Geschlechtsverkehr pro Woche und Paar wurde das HI-Virus im bisherigen medianen Beobachtungszeitraum von zwei Jahren nicht zwischen den Partnern übertragen, wie die Blutuntersuchungen ergaben. Dennoch infizierten sich einige Teilnehmer – allerdings über weitere Sexualpartner außerhalb der festen Partnerschaften: „Über die Analyse der phylogenetischen Struktur der Viren konnten wir eine Infektion über den festen Partner ausschließen“, sagte van Lunzen.

Ein Drittel (34 Prozent) der HIV-negativen Partner von MSM-Paaren gab an, auch außerhalb der festen Partnerschaft sexuelle Kontakte ohne Kondome gehabt zu haben, bei den heterosexuellen Paaren waren dies jeweils drei und vier Prozent der HIV-nega­tiven Partner. Die durchschnittliche Rate der sexuellen Kontakte ohne Kondom pro Jahr betrug median 43 bei den HIV-negativen MSM-Teilnehmern und 37 und 38 pro Jahr bei den HIV-negativen heterosexuellen Partnern von HIV-infizierten Studienteil­nehmern.

Insgesamt liegen Daten über mindestens 16 400 Sexualkontakte ohne Kondom bei HIV-negativen MSM-Partnern und jeweils 14 000 für HIV-negative heterosexuelle Partner vor. Eine mehr als 90-prozentige Therapieadhärenz (nicht mehr als vier konsekutive Tage ohne ART) bestand bei 94 Prozent der HIV-positiven homosexuellen Männern und bei 88 und 84 Prozent der HIV-infizierten Frauen und Männern aus heterosexuellen Beziehungen.

Jeder sechste homosexuelle Mann hatte STI-Koinfektion      
16 Prozent der HIV-positiven homosexuellen Männer waren mit weiteren sexuell übertragbaren Krankheiten (STI) infiziert, vor allem Gonorrhöe und Syphilis, und jeweils vier und fünf Prozent der HIV-infizierten heterosexuellen Frauen und Männer.

Die Forscher erfassten mehr Fälle von Vaginalsex als von Analsex, deshalb sind Aussa­gen zum Analverkehr bisher nicht so genau wie die zum Vaginalverkehr, die 95-%-Konfidenzintervalle beim Analverkehr sind größer. Im weiteren Verlauf der Partner-Studie sollen nun die Ergebnisse auch bei homosexuellen Paaren belastbarer werden. „Keinesfalls sollen unsere Ergebnisse zu ungeschütztem Verkehr auffordern“, sagte van Lunzen zum Deutschen Ärzteblatt. „In erster Linie geht es darum, das Ansteckungsrisiko deutlich zu senken – die Studie zeigt, dass dies gelingen kann.“ Am Ende stehe immer die individuelle Entscheidung der einzelnen Paare.

Bedeutung für serodiskordante Partner mit Kinderwunsch
Die Studie sei vor allem auch bedeutsam für serodiskordante Paare mit Kinderwunsch. Die Ergebnisse senken darüber hinaus die psychologische Belastung innerhalb der Partnerschaften, sagte van Lunzen. „HIV-infizierte Patienten leben sehr häufig mit der stigmatisierenden Angst, andere Menschen anstecken zu können. Dies ist überaus belastend.“

Kondome seien jedoch auch weiterhin den besten Schutz vor einer HIV-Infektion. „Das Ergebnis entbindet HIV-Infizierte nicht von der Pflicht, auch weiterhin verantwortungsvoll mit dem Schutz ihrer Sexualpartner umzugehen“, sagt van Lunzen. Es lasse sich aus der Zwischenauswertung der Studie auch nicht schließen, dass das Infektionsrisiko „gleich Null“ wäre. Bei längerer Beobachtung seien Infektionen möglich.

*Rodger, A, Cambiano V, Bruun T et al.: HIV transmission risk through condomless sex if the HIV postivie partner is on suppressive ART: PARTNER study. CROI Boston 2014, 3 – 6. März. © nsi/aerzteblatt.de

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