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Politik

„Biosimilars werden das Gesicht der Branche verändern“

Dienstag, 1. Juli 2014

Berlin – Im Jahr 2014 feiert der Verband „Pro Generika“ sein zehnjähriges Bestehen. In dieser Zeit hat sich der Generikamarkt in Deutschland stark gewandelt. Der Geschäfts­führer des Verbandes sprach mit dem Deutschen Ärzteblatt über gestiegene Marktanteile, die Auswirkungen der Rabattverträge und die Bedeutung von Biosimilars.

Fünf Fragen an Bork Bretthauer, Geschäftsführer von „Pro Generika“

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DÄ: „Pro Generika“ wurde vor zehn Jahren gegründet. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Bretthauer: Generikaunternehmen haben in den vergangenen Jahren viel stärker die Rolle der Versorger übernommen. Heute haben Generika einen Anteil von 75 Prozent an der Arzneimittelversorgung in Deutsch­land. Für Ärzte ist es mittlerweile absoluter Standard, Generika zu verordnen. Auch der Verband selbst hat sich etabliert. Wir sind eine ernstzunehmende Stimme im Chor der gesundheitspolitischen Verbände und stehen in engem Austausch mit der Gesundheitspolitik.

DÄ: Wenn man den Krankenkassen folgt, sind die Rabattverträge ein hervorragendes Instrument, um das Geld der Versicherten wirtschaftlich einzusetzen. Was meinen Sie?
Bretthauer: Die Rabattverträge haben Auswirkungen auf die Qualität der Patienten­versorgung in Deutschland, die niemand haben wollte – übrigens auch die Kranken­kassen nicht. Denn mittlerweile sind Generikahersteller gezwungen, ihr Portfolio zu begrenzen. Eine Umfrage unter unseren Mitgliedern hat gezeigt, dass zwischen15 bis 30 Prozent der Generika bis Ende dieses Jahres aus dem Markt genommen werden.

Ganze Unternehmen, wie der indische Generikahersteller Dr. Reddy’s, ziehen sich aus dem deutschen Markt zurück. Die Firmen bauen Mitarbeiter im Außendienst ab und müssen die Arbeitsplätze in der Produktion flexibilisieren. Auch die Politik hat mittlerweile gemerkt, dass der Bodensatz erreicht ist, als sie die Generikahersteller Anfang des Jahres von der Erhöhung des Herstellerabschlages von sechs auf sieben Prozent ausgenommen hat. Und diesen Beschluss haben alle Fraktionen mitgetragen.

Wenn wir heute über Lieferengpässe sprechen, müssen wir auch die Rolle der Rabattverträge berücksichtigen. Denn manche Generika werden nur noch von drei Herstellern produziert; besonders hoch ist die Marktverengung bei Antibiotika. Wir müssen jetzt etwas an dem System verändern. Wir schlagen vor, dass die Rabattver­träge erst dann ausgeschrieben werden, wenn es bereits einen robusten Wettbewerb zwischen den Herstellern gibt, also nach etwa zwei Jahren.

Übrigens gibt es allein durch diesen Wettbewerb oft einen Preisnachlass von 80 bis 90 Prozent im Vergleich zum Präparat des Erstanbieters. Außerdem sollten die Kranken­kassen den Herstellern, die den Zuschlag erhalten haben, eine längere Vorlaufzeit für die bedarfsgerechte Produktion der Generika einräumen. Denn wenn das Unternehmen nur sieben Wochen Zeit hat für die Produktion, ist das ein Lieferengpass mit Ansage.

DÄ: Welches Potenzial haben Biosimilars und was muss noch geschehen, damit sie dieses Potenzial entfalten können?
Bretthauer: Wir sind an dem Punkt, an dem Biosimilars die gleiche Erfolgsgeschichte schreiben können wie Generika. Im Vergleich zu den Generika gibt es jedoch nur wenige Anbieter für Biosimilars, weil diese Arzneimittel eine viel längere Entwicklungszeit benötigen. In Deutschland gibt es bislang fünf Hersteller. Zudem müssen klinische Studien angefertigt werden. Nicht alle haben die Ressourcen dafür.

Wir müssen deshalb jetzt darauf achten, dass den Herstellern keine Steine in den Weg gelegt werden. Diese müssen ihre Investitionen für Biosimilars zum Beispiel unter Wettbewerbsbedingungen refinanzieren. Deshalb sollten Biosimilars zum Beispiel erst dann in Festbeträge eingebunden werden, wenn sie einen Marktanteil von 50 Prozent haben. In einzelnen KV-Regionen gibt es zudem schon sinnvolle Vereinbarungen über Versorgungsanteile. Die funktionieren gut. Außerdem müssen wir die Ärzte einbinden und mitnehmen, besonders die Ärzte, die nun zum ersten Mal die Möglichkeit erhalten, Biosimilars zu verordnen, niedergelassene Rheumatologen zum Beispiel. 

DÄ: Wie werden die großen forschenden Pharmafirmen aus Ihrer Sicht kurz- und mittelfristig auf die sogenannte Patentklippe reagieren und inwieweit wird das den Generikamarkt betreffen?
Bretthauer: Ich gehe davon aus, dass Biosimilars das Gesicht der Branche verändern werden. Denn zu den Generikafirmen, die das Potenzial haben, Biosimilars herzustellen, werden auch Hersteller von Originalpräparaten kommen, die das Potenzial der Biosimilars erkannt haben und selbst in die Herstellung einsteigen wollen, darunter Boehringer Ingelheim. Eine dritte Gruppe sind große multinationale Firmen wie Samsung oder Fuji, die vor ein paar Jahren die Weichen in Richtung Biosimilars gestellt haben. Für uns ist dabei vor allem wichtig, dass die Biosimilars in die Versorgung kommen. Dafür setzen wir uns ein.

DÄ: Was sind Ihre Ziele für die kommenden Jahre?
Bretthauer: Unser Thema ist vor allem die Versorgung. Wir wollen, dass genügend Generika für die Patientenversorgung zur Verfügung stehen. Dabei wollen wir die bestehende Produktionskapazität in Deutschland erhalten und im Idealfall noch weiter ausbauen. Die Globalisierung lässt sich nicht zurückdrehen. Das kann aber auch ein Vorteil für Deutschland sein.

Unser Ziel ist es, dass die Rahmenbedingungen für Generikahersteller in Deutschland so gut sind, dass wieder mehr Investitionen in die Arzneimittelproduktion nach Deutschland gelangen. Rabattverträge sind dabei alles andere als ein Standortvorteil. Bei den Biosi­milars ist unser Ziel, Ärzte von deren Vorteilen zu überzeugen, damit wir gemeinsam die Arzneimittelversorgung in Deutschland verbessern können.

© fos/aerzteblatt.de

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