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Politik

Viele Versicherte misstrauen ihrer Kasse

Dienstag, 1. Juli 2014

Berlin – Viele Patienten suchen Rat bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD), weil sie glauben, von ihrer Krankenkasse nicht die Leistungen zu erhalten, die ihnen zustehen. Das geht aus dem Jahresbericht 2014 der UPD hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde. „Viele Patienten misstrauen ihrer Kasse und fühlen sich im Leistungsfall als Bittsteller“, sagte der Geschäftsführer der UPD, Sebastian Schmidt-Kaehler. Manche fühlten sich von ihrer Kasse auch unter Druck gesetzt, insbesondere wenn es um die Zahlung von Krankengeld gehe. Knapp 28.000 der 80.000 ausgewer­teten Beratungsgespräche fanden zu Thema Leistungsrecht statt.

Eine Mitarbeiterin der UPD nannte Beispiele: So riefen Sachbearbeiter von Kranken­kassen bei krankgeschriebenen Versicherten an, um sie zu fragen, wann sie wieder zur Arbeit gehen würden. Oder die Versicherten sollten sich beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen vorstellen, damit dieser ihre Arbeitsfähigkeit überprüfe.

Dies sei zwar zulässig, erklärte die Mitarbeiterin. Patienten berichteten der UPD jedoch häufig, dass die Gutachter innerhalb von nur zwei bis drei Minuten zu der Einschätzung gelangten, die Versicherten seien wieder arbeitsfähig. Oft würden die Patienten dann aufgefordert, zum nächstmöglichen Termin wieder zur Arbeit zu gehen, obwohl sie von ihrem Arzt noch krankgeschrieben seien und nicht die Möglichkeit hätte, noch einmal mit ihm Rücksprache zu halten.  

Laumann: Kranke unter Druck zu setzen, ist inakzeptabel
„Es ist inakzeptabel, dass Mitarbeiter von Krankenkassen bei krankgeschriebenen Patienten anrufen und Druck machen, dass die Patienten wieder arbeiten gehen sollen“, kritisierte der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann. Das sei mit nichts zu rechtfertigen. „Wenn eine Systematik dahinter stecken sollte, werden wir mit den Krankenkassen darüber sprechen müssen, wie wir diese abstellen können“, kündigte er an. Der GKV-Spitzenverband müsse zudem dafür sorgen, dass sich die Krankenkassen an Recht und Gesetz hielten.

Mit knapp 15.000 Beratungen waren Patientenrechte das zweithäufigste Beratungsthema in der UPD. „Das Thema hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. Es hat den Anschein, als würden die Patienten heute selbstbewusster auftreten“, sagte Schmidt-Kaehler. Dass Patienten nicht mehr alles stillschweigend hinnähmen, sei auch eine Folge des im vergangenen Jahr in Kraft getretenen Patientenrechtegesetzes, das einen Beitrag zur Emanzipation der Patienten geleistet habe, meinte Laumann.

Kritik an IGeL-Behandlungen ohne vorherige Aufklärung
Gut 10.000 Beratungen führte die UPD zum Thema Rechtmäßigkeit von Geldfor­derungen und Zuzahlungen durch, zu dem auch Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) gehören. „Immer wieder berichten Patienten, dass sie in eine IGeL-Behandlung einwilligen sollten, ohne zuvor darüber aufgeklärt worden zu sein“, sagte Schmidt-Kaehler. „Oder die Aufklärung wird an das Personal delegiert beziehungsweise erfolgt nur schriftlich.“ Vor allem bei der Glaukomfrüherkennung und der Knochendichte­messung bei Osteoporose würden Patienten IGeL-Leistungen angeboten.

„Es hat mich geschockt, dass es Ärzte geben soll, die sagen: Du darfst nur ins Wartezimmer, wenn du eine IGEL-Leistung nimmst“, sagte Laumann. „Dass es IGeL gibt, ist in Ordnung.“ Der Patient solle sich aber erst entscheiden, wenn er umfassend aufgeklärt sei.  

Laumann will Missstände beheben
Gut 7.000 Beratungen fanden zudem zum Thema Behandlungsfehler statt. „Es wird nie ein fehlerfreies Gesundheitssystem geben. Wichtig ist nur, dass die Fehler nicht vertuscht werden und dass es eine Kultur gibt, bei der man zu Fehlern steht und aus ihnen lernt“, kommentierte Laumann. Einzelne Fehler dürften auch nicht zu Skandalen hochstilisiert werden. Schmidt-Kaehler wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Patienten, die den Verdacht auf einen Behandlungsfehler haben, oft sowohl das finanzielle Risiko eines Rechtsstreits als auch die damit einhergehende psychische Belastung scheuten und deshalb davon absähen, ihre Rechte einzufordern.

Laumann kündigte an, die Verantwortlichen im Gesundheitssystem auf die Erkenntnisse aus dem Jahresbericht der UPD anzusprechen, damit es bei Missständen zu Verhaltens­änderungen komme. Bis Weihnachten will er entsprechende Ergebnisse präsentieren. Laumann wies zudem darauf hin, dass der Bundestag mit dem GKV-Finanzstruktur- und Qualitäts-Weiterentwicklungsgesetz Anfang Juni entschieden habe, die Förderung der UPD ab 2012 von fünf auf neun Millionen Euro zu erhöhen. Zudem solle der Ausschrei­bungszeitraum ab 2016 von fünf auf siebeneinhalb Jahre ausgeweitet werden. © fos/aerzteblatt.de

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