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Ärzteschaft

„Da, wo es brennt, löschen wir.“

Donnerstag, 3. Juli 2014

Berlin – Regina Feldmann, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), findet zahlreiche Vorschläge des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen im jüngsten Gutachten grundsätzlich überzeugend. Die Gesundheitsweisen befassen sich mit der bedarfsgerechten Versorgung, darunter mit Perspektiven für ländliche Regionen. „Im Prinzip hat der Sachverständigenrat die zentralen Punkte der nächsten Jahre herausgegriffen“, sagt Feldmann. Bei vielen Vorschlägen stecke der Teufel allerdings im Detail.

5 Fragen an Regina Feldmann, KBV-Vorstand

DÄ: Frau Feldmann, welche Reformvorschläge für die bedarfsgerechte Versorgung in ländlichen Regionen finden Sie besonders überzeugend?
Feldmann: Eines möchte ich betonen: Ich bin sehr froh darüber, dass der Sachverständigenrat das Problem des drohenden Ärztemangels erkannt hat. Ganz im Gegensatz zu den Krankenkassen, die immer noch so tun, als gebe es dieses Problem nicht und alles sei nur eine Frage der Verteilung.

Mich überzeugen nahezu alle Vorschläge im Grundsatz. Aber der Teufel liegt wie so oft im Detail. Nehmen Sie nur den Vorschlag, Landärzten in unterversorgten Regionen einen Honorarzuschlag von 50 Prozent zu bezahlen und diesen von den Ärzten in gut versorgten Regionen finanzieren zu lassen. Das wird sicher sehr kontrovers diskutiert werden. Denn hinter dem Vorschlag zur Gegenfinanzierung steckt die Idee, dass die Ausgaben für die Krankenkassen beziehungsweise Versicherten dadurch nicht steigen sollen.

Landarztzuschlag: Finanzierung durch Mitversorgerpraxen wäre falsch 
Hinzu kommt: Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) haben im Rahmen von Analysen festgestellt, dass es erhebliche Mitversorgereffekte in Städten gibt. Diese werden bei der neuen Bedarfsplanung ja schon berücksichtigt. Deshalb wäre es meiner Meinung nach nicht richtig, ausgerechnet den Kollegen zur Gegenfinanzierung eines Landarztzuschlags Honorar abzuziehen, die heute schon Patienten aus schlechter versorgten Regionen mit betreuen. Vergütungszuschläge für Landärzte in schlecht versorgten Regionen sind eine richtige Maßnahme. Ob sie bei 50 Prozent liegen müssen und wie sie finanziert werden, sollten die Regionen selbst entscheiden.

DÄ: Der Sachverständigenrat empfiehlt weiterhin, endlich etwas gegen Überversorgung zu unternehmen. Bislang wurde bundesweit noch kein Arztsitz in sehr gut versorgten Gebieten abgebaut. Deshalb regt der Rat an, den Aufkauf von Arztsitzen durch die KVen ab einem Überversorgungsgrad von 200 Prozent zur Pflicht zu machen. Was halten Sie davon?
Feldmann: Die Grenze von 200 Prozent hört sich erst einmal akzeptabel an. Dennoch müsste man vor Ort genauer prüfen, was ein Aufkauf für die Versorgung bedeuten würde. Nehmen Sie die Berufsgruppe der Internisten mit ihren zahlreichen Facharztuntergruppen, für die es keine einzelne Bedarfsplanung gibt. Was, wenn ein Planungsbezirk zwar sehr gut versorgt mit Internisten ist, ein Sitz aus Altersgründen aufgegeben und dann aufgekauft werden soll, aber der Arzt einer der wenigen Gastroenterologen in der Gegend ist? Auch hier kommen wir mit pauschalen Vorgaben nicht weiter.

DÄ: Ein Modell, das der Rat zur Versorgung ländlicher Regionen empfiehlt, sind lokale Gesundheitszentren zur Primär- und Langzeitversorgung, wie es im Gutachten heißt. Sie sollen vor allem für ältere und chronisch Kranke die Versorgung sichern, jungen Ärzten und Pflegekräften attraktive Arbeitsplätze bieten können, auch tage- oder wochenweise, sowie Hol- und Bringdienste für Patienten vorsehen. Die sieben Experten plädieren auch für solche Zentren, weil ihrer Meinung nach die Bemühungen der KVen um die Sicherung der ambulanten Versorgung zu wenig gebracht haben.

Feldmann: Die Idee solcher Zentren ist ja nicht neu. In Ansätzen bauen die KVen so etwas bereits auf. Nehmen Sie nur die Filialpraxen in Sachsen-Anhalt, also Eigeneinrichtungen der KV, in denen qualifizierte Medizinische Fachangestellte im Verbund mit Ärzten arbeiten. Wenn es gelänge, dort stabil einen Hausarzt anzusiedeln, der vielleicht noch in verschiedenen Zweigpraxen arbeitet, und Fachärzte aus weiter entfernten Städten tageweise in die Filialpraxen zu holen, dann wäre das sicher eine Lösung im Sinne der Versorgung.

Lokale Gesundheitszentren: Nicht in vorauseilendem Gehorsam
Die KVen könnten sich solchen Modellen gegenüber vielleicht noch stärker öffnen. Aber dadurch, dass die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte zunimmt, hat sich ja auch schon viel bewegt. Die KVen setzen nicht mehr ausschließlich allein auf Einzelpraxen und den selbstständig tätigen Arzt. Aber es ist auch nicht sinnvoll, irgendwo im Land in vorauseilendem Gehorsam so etwas wie lokale Gesundheitszentren zu gründen. Die KVen haben Konzepte in der Tasche. Für sie gilt bisher: „Wenn es brennt, legen wir los.“

Ich verstehe den Sachverständigenrat in diesem Punkt eher so, dass er warnt, es reiche bald nicht mehr, nur Konzepte in der Tasche zu haben. In den nächsten Jahren gehen so viele Hausärzte in den Ruhestand und so wenige folgen nach, dass wir uns schon heute Gedanken darüber machen müssen, wo solche Versorgungszentren dann angesiedelt sein müssten. Dafür sind wir offen. Aber vielleicht müsste man die KVen noch stärker als bisher dazu motivieren zu überlegen, an welchen Orten sie mit den Ärzten vor Ort und anderen kommunalen Partnern etwas in Angriff nehmen könnten.

Erfolg eines Kompetenzzentrums: Schneller Hausarzt werden als bisher
DÄ:
Der Sachverständigenrat unterbreitet auch zahlreiche Vorschläge für die Aus- und Weiterbildung im Bereich Allgemeinmedizin. Weil vieles von einer ausreichenden Finanzierung abhängt, plädiert er für eine Stiftung, ähnlich wie sie die KBV zuletzt vor dem Deutschen Ärztetag thematisiert hatte. Wie ist derzeit der Diskussionsstand?
Feldmann: Wir werben sehr dafür und hoffen, dass das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium uns darin unterstützt, bald eine Stiftung mit allen relevanten Akteuren zu gründen. Bis die Stiftungsfinanzierung greifen würde und die entsprechenden Vorschläge finanziert würden, dauert es ja noch. Wir brauchen aber überall im Land Kompetenzzentren Allgemeinmedizin und auch eine Verbundweiterbildung. In Baden-Württemberg sehen wir, dass die organisierte Weiterbildung hilft: Dort hat sich die Weiterbildungszeit der Allgemeinmediziner von rund acht auf sechs Jahre verkürzt.

Auch für die Finanzierung von Weiterbildungsabschnitten in Praxen muss es endlich eine bundesweite Lösung geben. Das Geld für Fördermittel ist in den KVen nun einmal begrenzt. Wenn es  aufgebraucht ist, sind weitere außerplanmäßige Ausgaben nur schwer durchzusetzen. Auch Finanzierungsprobleme mit der Förderung beim Wechsel von einem Bundesland in ein anderes während der Weiterbildung würden durch eine bundesweite Finanzierungslösung beseitigt.

Vorschläge zur Arzneimittelversorgung: auch Regressobergrenze wäre falsch
DÄ: Wir haben jetzt viel über die Vorschläge in den Kapiteln zu Perspektiven für die ländlichen Regionen gesprochen. Der Sachverständigenrat hat sich aber auch mit einer bedarfsgerechteren Versorgung im Hinblick auf Arzneimittel und Medizinprodukte beschäftigt. Unter anderem schlägt er zu Arzneimitteln vor, Regresse auf 20.000 Euro zu beschränken und Praxisbesonderheiten bundesweit einheitlich festzulegen. Wie bewerten Sie diese Ansätze?
Feldmann: Die Befassung mit beiden Themen ist positiv zu bewerten. Bundeseinheitliche Vorgaben für Praxisbesonderheiten gibt es bei Heilmitteln ja schon. Es gibt keinen Grund, dies nicht auf Arzneimittel zu übertragen. Was die Begrenzung bei Regressen anbelangt, so finde ich grundsätzlich den Ansatz richtig, es mit Hilfe von Beratung und Steuerung erst gar nicht dazu kommen zu lassen. Wenn ein Regress angesetzt ist, sind aber auch 5.000 Euro schon zu viel und 20.000 Euro erst recht. So etwas gibt es ja bei keiner anderen Berufsgruppe. © Rie/aerzteblatt.de

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