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Politik

Sachverständigenrat fordert Modifikation der Richtgrößenprüfung

Freitag, 4. Juli 2014

Berlin – Der Sachverständigenrat (SVR) für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat vorgeschlagen, das Berechnungsverfahren für Richtgrößen­volumina zu ändern. „Denkbar wäre die gezielte Zusammenstellung einer homogenen und für eine Fachdisziplin repräsentativen Gruppe von Praxen als Berechnungs­grundlage“, heißt es in dem Gutachten 2014 des SVR. Dabei könnten Praxen, die hinsichtlich zuvor definierter Kriterien um zehn Prozent über oder unter dem Fachgruppen­durchschnitt liegen – vor allem sogenannte atypische Hausarztpraxen – bei der Zusammenstellung der Vergleichsgruppe zukünftig nicht mehr berücksichtigt werden.

Um die Bestandsgefährdung von Praxen zu vermeiden und die Niederlassungshemmung zu minimieren, schlägt der SVR zudem vor, die Regresshöhe auf „nicht existenz­gefährdende Summen“, zum Beispiel 20.000 Euro, zu begrenzen sowie Regress­forderungen innerhalb von vier Jahren nach dem geprüften Zeitraum zu stellen.

Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt hatte der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Regina Feldmann, dazu erklärt, sie finde es grundsätzlich richtig, es mithilfe von Beratung und Steuerung erst gar nicht zu einem Regress kommen zu lassen. „Wenn ein Regress angesetzt ist, sind aber auch 5.000 Euro schon zu viel und 20.000 Euro erst recht. So etwas gibt es ja bei keiner anderen Berufsgruppe“, so Feldmann.

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Begrenztes Dispensierrecht für Hausärzte
Im Rahmen des Vorschlages, die Notfallversorgung in Deutschland neu zu ordnen, hat der Rat zudem ein begrenztes hausärztliches Dispensierrecht zur Verbesserung der Arzneimittelversorgung in Bereitschaftsdienstzeiten vorgeschlagen. Diesen Vorschlag hatten im Mai auch die in der FALK-Kooperation verbundenen Kassenärztlichen Vereinigungen aus Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern gemacht. Ihrer Meinung nach könnten dadurch gerade in Flächenländern bestehende Probleme bei der Akutversorgung gelöst werden. Die FALK-KVen versprechen sich Dispensierrecht für Ärzte vor allem für Notfallpatienten in ländlicher Umgebung sowie geriatrische Patienten eine bessere Versorgung.

Sachverständigenrat kritisiert Ende des Bestandsmarktaufrufs
Die Nutzenbewertung von Arzneimittel gemäß Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) habe sich bewährt, um Kostenanstiege durch neue Arzneimittel zu begrenzen und gleichzeitig die Qualität der Versorgung zu verbessern, urteilt der SVR. Zusätzlich zu der frühen Nutzenbewertung sollten jedoch auch Kosten-Nutzen-Analysen vorgenommen werden, um ein weiteres Entscheidungskriterium für die Preisfindung zu erhalten. Diese sollten „im Sinne einer Pluralität der Analysen“ dabei nicht ausschließlich vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) durchgeführt werden.

Wie schon die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) kritisiert nun auch der Sachverständigenrat die Entscheidung der Bundesregierung, den sogenannten Bestandsmarktaufruf zu beenden. Die zu erwartenden Nachteile des Verfahrens seien zwar nachvollziehbar, insbesondere hinsichtlich der Zahl der zu erwartenden juristischen Auseinandersetzungen angesichts der vorgenommenen Reihenfolge der zu bewertenden Präparate sowie hinsichtlich des Aufwandes der Dossiererstellung.

„Aus inhaltlicher Sicht wäre es jedoch weiterhin erstrebenswert, die institutionalisierte, systematische Nutzenbewertung von Arzneimitteln des Bestandsmarktes durchzuführen“, heißt es in dem Gutachten. Abgesehen von theoretisch möglichen erheblichen Kosteneinsparungen wäre es aus medizinisch-qualitativer Sicht ein deutlicher Vorteil, Nutzenbewertungen zumindest der relevantesten Bestandsmarktpräparate vorliegen zu haben.

Liste unentbehrlicher Medikamente soll Lieferengpässen vorbeugen
Um künftig Lieferengpässen von Arzneimitteln vorzubeugen, schlägt der Rat vor, die bereits beim Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bestehende Liste zu aktuellen Lieferengpassen bei Humanarzneimitteln zu einem verpflichtenden Melderegister zu erweitern. Bislang erfolgt eine Meldung freiwillig. Unter Mitwirkung der Fachgesellschaften sollte darüber hinaus eine Liste klinisch unentbehrlicher Medikamente erstellt werden, für die eine Ausweitung der Produktions- und Lagerkapazitäten bei den pharmazeutischen Herstellern erforderlich ist. Der SVR empfiehlt zudem die Installierung eines zentralen Risikomanagements beim BfArM.

Rat greift Forderungen der Ärzteschaft auf
Auch weitere Forderungen der AkdÄ greift der SVR auf. So betont er die Bedeutung der Verfügbarkeit von evidenzbasierten Diagnostik- und Therapieinformationen. Es sei „von grundsätzlicher Bedeutung, dass die Informationen unabhängig von finanziellen Partikularinteressen zur Verfügung gestellt werden“, heißt es. Daher seien hersteller­unabhängige Arzneimittelfortbildungen zu empfehlen. Zudem solle bei der Erstellung von Leitlinien auf eine möglichst große Unabhängigkeit der beteiligten Autoren geachtet werden. „Generell“ sollten alle klinischen Studien in einem öffentlichen Register erfasst werden – auch Studien ohne positives Ergebnis.

Um die Arznei­mittel­therapie­sicherheit gerade bei einer Multimedikation zu erhöhen, empfiehlt der Rat, diesen Aspekt in allen Leitlinien zu berücksichtigen. Regelhaft angewendet werden sollten strukturierte Medikamentenabgleiche, zum Beispiel bei der Gabe von mehr als fünf Arzneimitteln. Das Management der immer komplexer werdenden medikamentösen Therapien multimorbider Patienten bedürfe zudem einer Abbildung in der Erstattung durch die Kostenträger, beispielsweise in Form einer Pauschale bei einem Multimedikationscheck. © fos/aerzteblatt.de

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