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Medizin

Schlafentzug führt zu Schizo­phrenie-Symptomen

Dienstag, 8. Juli 2014

Bonn – Schlafmangel ist sicherlich nicht die Ursache der Schizophrenie. Doch schon eine durchwachte Nacht kann, wie eine experimentelle Studie im Journal of Neuroscience (2014; doi: 10.1523/JNEUROSCI.0904-14.2014) zeigt, das Gehirn eines gesunden Menschen zu Fehlleistungen veranlassen, die Ähnlichkeiten mit den Symptomen einer Psychose haben.

Wie bei den meisten psychiatrischen Erkrankungen gibt es für die Schizophrenie keine Labortests. Die Psychiater sind weiterhin auf die Beobachtung der Negativsymptome (motorische und dynamische Entleerung, kognitive Defizite) und die Schilderungen der Patienten zu den Positivsymptomen (Halluzinationen und Wahnvorstellungen) angewiesen.

Der einzige messbare „Biomarker“ ist die Präpulsinhibition: Bei gesunden Menschen kann der Schrecken, der durch ein plötzliches Signal ausgelöst wird, beispielsweise einen lauten Ton, durch ein vorangehendes ähnliches Signal, beispielsweise einen leisen Ton, abgeschwächt werden. Bei Patienten mit einer Schizophrenie ist diese Warnfunktion abgeschwächt, die Psychiater als Filter deuten, mit dem das Gehirn Wichtiges von Unwichtigem trennt.

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Ein Schlafentzug über 24 Stunden hatte bei den gesunden Probanden den gleichen Effekt. Die Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren hatten eine Nacht im Schlaflabor des Instituts für Psychologie der Universität Bonn verbracht, dabei aber kein Auge zugetan, da sie mit Filmen, Gesprächen, Spielen und kurzen Spaziergängen wachgehalten wurden. Am nächsten Morgen patzten sie in einem Test zur Präpulsin­hibition in ähnlicher Weise wie Schizophrenie-Patienten.

Dieses könnte noch als Konzentrationsstörung durchgehen, die nicht unbedingt mit der Negativsymptomatik der Schizophrenie vergleichbar ist. Doch die im wachen Zustand geistig gesunden Probanden machten im Psychotomimetic States Inventory Angaben, die das Team um Ulrich Ettinger stark an die Positivsymptome der Schizophrenie erinnerte. Dazu gehörte eine gesteigerte Sensibilität für Licht, Farbe oder Helligkeit, eine Veränderung von Zeitgefühl und Geruchssinn, sowie eine gewisse Sprunghaftigkeit in den Gedanken. Manche Übernächtigte hatten sogar den Eindruck, Gedanken lesen zu können oder eine veränderte Körperwahrnehmung zu bemerken.

Ein mögliches Anwendungspotenzial sehen die Bonner Psychiater in der Erforschung von Medikamenten, die gegen Psychosen wirken sollen. Bislang war die Forschung auf den Einsatz von Wirkstoffen angewiesen, die Symptome der Schizophrenie simulieren. Tests an übernächtigten Probanden könnten hier eine einfache und vielleicht aussagekräftigere Alternative bilden, hoffen die Forscher.

Gefährlich war das Schlafentzugsmodell übrigens nicht:  Nach einem ausgiebigen Erholungsschlaf verschwanden die Symptome bei allen Probanden wieder. Auch dies ist ein Unterschied zur echten Psychose, die keine Folge von Schlafstörungen ist und deshalb durch Schlafen nicht gelindert werden kann. © rme/aerzteblatt.de

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