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Medizin

Studie: Mehr aggressive Prostatakarzinome nach Vasektomie

Donnerstag, 10. Juli 2014

Boston – Kann die Sterilisation des Mannes durch eine Vasektomie die Entwicklung eines Prostatakarzinoms begünstigen? Eine prospektive Studie im Journal of Clinical Oncology (2014; doi: 10.1200/JCO 2013.54.8446) findet eine Assoziation, die bei aggressiven Tumoren besonders deutlich ausfiel.

Die Durchtrennung der Samenleiter wirkt sich zunächst auf die Hoden aus. Biopsien dokumentieren eine interstitielle Fibrose, die erklärt, warum eine operative Revision der Vasektomie die Fertilität häufig nicht wieder herstellen kann (NEJM 1985; 313: 1252-6). Ob es darüber hinaus zu hormonellen Veränderungen kommt, die eine ungünstige Fernwirkung auf die Prostata haben könnten, ist umstritten. Die meisten Urologen sehen keinen biologischen Mechanismus, über den eine Sterilisation das Prostatakrebsrisiko erhöhen könnte. Die Fachgesellschaften betrachten die Vasektomie ebenfalls nicht als Risikofaktor.

Epidemiologische Studien haben in der Vergangenheit jedoch des öfteren eine Assoziation ermittelt, die Leslie Dennis von der Universität von Iowa in einer Meta-Ana­lyse auf der Basis von 22 Studien auf eine Zunahme um 7 Prozent nach 10 Jahren und um 23 Prozent nach 30 Jahren quantifizierte (Prostate Cancer and Prostatic Diseases 2002; 5: 193–203).

Lorelei Mucci von der Harvard School of Public Health in Boston ermittelt jetzt einen Anstieg um 10 Prozent, was aus epidemiologischer Sicht wenig ist. Das relative Risiko (RR) von 1,10 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,04 bis 1,17 jedoch signifikant und der Zusammenhang wurde in einer der qualitativ hochwertigsten Kohorten gefunden.

Die Health Professionals Follow-up Studie begleitete fast 50.000 Männer aus Gesund­heitsberufen. In den Jahren 1986 bis 2010 sind 6.023 Männer an einem Prostatakrebs erkrankt. Jeder vierte von ihnen hatte sich in jüngeren Jahren sterilisieren lassen. Das allein belegt noch keinen Zusammenhang, da ähnlich viele nicht sterilisierte Männer am Prostatakrebs erkrankten.

Aus dem Unterschied der Inzidenz errechnete Mucci das relative Risiko. Sie konnte bei ihrer Studie einige wesentliche Fehlerquellen vermeiden. Der wichtigste war vermutlich der PSA-Test, der zu einer früheren Diagnose führt. Dennoch blieb die Assoziation bestehen. Neu und bisher nicht beobachtet war ein Zusammenhang mit der Aggressivität des Prostatakarzinoms.

Während Männer nach einer Sterilisation nicht häufiger an einem Low-Grade-Tumor erkrankten, war das Risiko auf High-grade-Karzinom (Gleason-Score 8 bis 10) um 22 Prozent erhöht (RR 1,22; 1,03 -1,45). Die sterilisierten Männer erkrankten auch häufiger an einem letalen Karzinom (RR 1,19; 1,00-1,43 auf Tod oder Fernmetastasen).

Ob Mucci mögliche Verzerrungen übersehen hat oder (was eher der Fall sein dürfte) diese aufgrund fehlender Angaben nicht untersuchen konnte, ist unklar. Selbst wenn die Vasektomie das Krebsrisiko um 10 Prozent erhöhen sollte, wäre die Gefahr für den einzelnen Mann eher gering (und vermutlich kein Grund, auf die Sterilisation zu verzichten).

Auf Bevölkerungsebene könnte die Assoziation aufgrund der Häufigkeit von Vasektomie und des Prostatakarzinoms jedoch ins Gewicht fallen. Das Thema dürfte die Epidemiologen deshalb weiter beschäftigen.

© rme/aerzteblatt.de

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