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Keine Vorentscheidung für assistierten Suizid: Gesetzentwurf an Ausschuss überwiesen

Montag, 21. Juli 2014

London – Fast zehn Stunden lang dauerte die kontroverse Debatte im britischen Oberhaus am Freitagabend. Am Ende stand aber keine Abstimmung. Der Gesetzentwurf von Lord Charles Falconer über eine Freigabe der Beihilfe zur Selbsttötung wurde an einen Ausschuss verwiesen, der die Vorlage noch einmal Zeile für Zeile prüfen soll.

Allerdings: Ohne Rückhalt bei der Regierung dürfte der Entwurf das Unterhaus kaum erreichen. Und Premierminister David Cameron zeigte sich zuletzt nicht von den Argumenten für die Neuregelung überzeugt. Das Gesetz würde Ärzten künftig erlauben, Schwerstkranken Medikamente zu verschreiben, mit denen sie ihrem Leben ein Ende setzen können.

Als Voraussetzung für eine solche Hilfe beim Suizid sieht der Entwurf vor, dass die Betroffenen eine entsprechende Erklärung unterzeichnet haben und ihre Lebens­erwartung weniger als sechs Monate beträgt.

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Zu den Gegnern des Gesetzes, die das Wort ergriffen, gehörte auch die Nummer zwei der anglikanischen Kirche von England. Der aus Uganda stammende Erzbischof John Sentamu sprach im Oberhaus über den Tod seiner Mutter Ruth. Als bei ihr aggressiver Speiseröhrenkrebs diagnostiziert wurde, habe man ihr nur noch wenige Wochen Lebens­zeit eingeräumt. Dank des Geschicks der Ärzte seien daraus 18 Monate geworden. In dieser Zeit hätten ihre Enkel die Großmutter kennen- und lieben gelernt – „und sie konnte sich an ihnen erfreuen. Das war ein Geschenk!“

Ein anderer Kritiker des Gesetzentwurfs war Lord Tebbit, dessen Ehefrau 1984 bei einem IRA-Attentat schwer verletzt worden war. Tebbit sagte, das Gesetz schaffe finanzielle Anreize, um das Leben von Kranken, Behinderten, Schwachen und Alten zu beenden. „Sie - oder sollte ich mit Blick in die Runde sagen wir - sind ein finanzieller Abfluss für unsere Familien, für die Pensionskassen, für das Gesundheitssystem und unsere Wirtschaft im Allgemeinen.“ Das Gesetz, so der Lord, würde großen Druck auf Senioren und Kranke ausüben, künftig „schicklich damit aufzuhören, eine Last für andere zu sein“.

Der Abgeordnete Lord Mawson warnte vor einem „blindem Vertrauen“, dass Ärzte wirklich die Schwächsten schützten. Sie seien nur Menschen, und das derzeitige „Chaos im Gesundheitssystem» ziehe vielen den Boden unter den Füßen weg“.

Dagegen erklärte Baronin Blackstone, ihr gehe bis heute der Tod ihrer Großmutter nach, die wegen ihrer Krebserkrankung im Endstadium dringend habe sterben wollen. Schließlich habe sie sich mit Schlaftabletten selbst das Leben genommen. Sie habe größten Respekt vor der Arbeit von Palliativmedizinern, so die Baronin. Er wäre jedoch noch größer, wenn diese einräumten, dass Palliativversorgung nicht für jeden das Richtige sei.

Zu den Befürwortern des Gesetzentwurfs gehört auch der frühere anglikanische Primas Lord Carey of Clifton. Er hatte in der vergangenen Woche mit seinem Statement überrascht, dass sich seine Einstellung in dieser Frage gegenüber früher geändert habe. Er sagte, Meinungsumfragen zeigten bis zu 80 Prozent Zustimmung der Bevölkerung zu dem Gesetz. „Diese Zahl umfasst auch viele Christen, die wie inzwischen auch ich glauben, dass Christ zu sein vereinbar damit ist, Ja zu diesem Gesetz zu sagen.“

Lord Davies verwies auf Unzulänglichkeiten der Palliativpflege. Zu oft würden die Patienten dauerhaft sediert. Das aber sei reiner Euphemismus: dem Patienten eine Dosis Opiate zu geben, die nicht ausreiche, um ihn (illegalerweise) zu töten, aber genüge, ihn in ein „permanentes Koma“ zu versetzen. Er wisse von Patienten, die danach ohne die Gabe von Sauerstoff, Antibiotika, Dialyse oder Essen und Trinken noch 14 Tage gebraucht hätten, um zu sterben.

Die vielleicht bewegendste Intervention kam von Baronin Campbell von Surbiton, die selbst an Rückenmarksmuskelschwund leidet. Sie sagte: „Dieses Gesetz handelt von mir - und es verspricht mir keinen Trost. Es macht mir Angst, denn ich weiß, dass ich in Zeiten größter Not versucht sein könnte, Gebrauch davon zu machen.“ © kna/aerzteblatt.de

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