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Politik

Gröhe will organisierte Sterbehilfe generell verbieten

Montag, 28. Juli 2014

Hermann Gröhe /dpa

Berlin – Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) hat sich für ein Verbot jeglicher Form von organisierter Sterbehilfe ausgesprochen. „Wir sehen schon heute, dass ein Verbot kommerzieller Anbieter durch spendenfinanzierte vereinsmäßige Angebote umgangen werden kann“, sagte Gröhe dem Berliner Tagesspiegel am Sonntag. Dies könne durch ein generelles Verbot organisierter Sterbehilfe in der geplanten gesetzlichen Neuregelung verhindert werden.

Er finde es „bedenklich, wenn organisierte Hilfe zur Selbsttötung als Alternative zu einer medizinischen Behandlung beworben wird“, sagte Gröhe. Er wolle sich kein Urteil über Menschen anmaßen, die in schwerster Not eine solche Entscheidung träfen, beteuerte er. „Wir sollten uns aber auch hüten, Selbsttötung zu einem Akt wahrer Freiheit zu verklären.“

Aus der Opposition kam Kritik an Gröhes Überlegungen. „Es ist ein Fehler, die Diskussion um Sterbehilfe auf das Strafrecht zu konzentrieren“, erklärte der Grünen-Abgeordnete Volker Beck in Berlin. Persönlich sei er zwar dafür, über ein Verbot der organisierten Sterbehilfe nachzudenken. „Wir müssen aber auch die Würde und die Qualität des Lebens im Sterben stärker in den Blick nehmen“, forderte er.

Ausbau der Palliativmedizin wichtig
Der „Wunsch nach Abkürzung des Sterbeprozesses“ entstehe auch, „weil die Rahmen­bedingungen von vielen Menschen als würdelos erlebt werden“, argumentierte Beck. „Viele Menschen wollen nicht ihr Leben an Apparate angeschlossen in einem Kranken­haus beenden.“ In der häuslichen Palliativversorgung gebe es viele Schwierigkeiten.

Hier räumte auch Gröhe Mängel ein: Der Minister forderte einen Ausbau der Palliativ­medizin. Im ländlichen Raum gebe es noch „weiße Flecken“ bei der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, sagte er dem Tagesspiegel am Sonntag.

CDU-Politiker verteidigen Nikolaus Schneider
Verständnis für den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, zeigten einige CDU-Politiker. Schneider hatte angekündigt, aus Liebe notfalls seine krebskranke Frau Anne in die Schweiz zu begleiten, wenn diese dort aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen wolle, auch wenn dies gegen seine eigentliche Überzeugung sei.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe und der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach (alle CDU) äußerten Hochachtung und großen Respekt vor der Haltung von Nikolaus und Anne Schneider. Schäuble sagte der Bild am Sonntag, es gehe „um Barmherzigkeit. Ich wünsche beiden viel Kraft.“

Gröhe zollte dem EKD-Ratsvorsitzenden im Tagesspiegel am Sonntag seinen „großen Respekt“ für diese persönliche und schwierige Entscheidung: „Nikolaus Schneider und ich teilen die Position, dass wir organisierte Sterbehilfe ablehnen. Gleichzeitig habe ich großen Respekt davor, wenn Nikolaus Schneider sagt, dass für ihn die Liebe zu seiner Frau im Konfliktfall über den eigenen ethischen Überzeugungen stehen würde“, sagte Gröhe der Zeitung.

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es Fragen von wahrhaft existenzieller Bedeutung, die jede(r) Betroffene nur für sich selber – nach bestem Wissen und Gewissen – beantworten kann“, schreibt CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach in einem Gastbeitrag für den Focus.

Zugleich rügte Bosbach, dass Schneider jetzt von Anhängern der kommerzialisierten Sterbehilfe „zum Kronzeugen ihres Engagements“ gemacht werde. Dies geschehe „ganz gewiss gegen seinen Willen“. Für Bosbach macht es einen „großen Unterschied“, ob jemand aus „Liebe, Mitgefühl und lebenslanger Verbundenheit mit einem Schwerstkranken dessen letzten Wunsch erfüllt“, oder ob man aus der Angst vieler Menschen vor dem Tod, vor unerträglichen Schmerzen oder langem Siechtum „ein Geschäftsmodell“ mache.

In Deutschland wird seit längerem über eine gesetzliche Neuregelung der Sterbehilfe debattiert. Aktive Sterbehilfe, die sogenannte Tötung auf Verlangen, ist in der Bundesrepublik verboten. Beihilfe zur Selbsttötung ist dagegen straffrei.

Die Bundesregierung plant ein neues Gesetz zur Sterbehilfe, das kommerzielle Sterbehilfe, möglicherweise aber auch jede organisierte Form von Sterbehilfe, unter Strafe stellt. Das neue Gesetz könnte 2015 kommen. © kna/afp/aerzteblatt.de

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Widerstand
am Mittwoch, 6. August 2014, 12:30

absurde Schreibtischtäter

Gröhe will sich kein Urteil über Menschen anmaßen, die in schwerster Not eine solche Entscheidung träfen.
Was für ein bigotter Typ in einer Bande bigotter Politiker.
Ich habe miterlebt, wie meine Mutter unter entsetzlichen Schmerzen starb und obwohl sie absolut nichts bei sich behalten konnte, entschieden die verdammten Mediziner ihr Tabletten zu geben, die sie sofort wieder von sich gab. Das verstehen solche Leute unter einer guten Paliativmedizin. Ich wäre fast zum Amokläufer geworden, als ich dieses perverse Humanitätsspielchen miterleben mußte. Das einzige, was mich davon abgehalten hat, war die Erkenntnis, dass die Mediziner unwissen oder einfach nur ängstlich vor Konsequenzen waren, dass aber die wirklichen Verbrecher in Berlin sitzen.
Ich habe mir mein Mittel besorgt und lasse mir die Entscheidung nicht von absurden Schreibtischtätern nehmen.
Henry I
am Mittwoch, 30. Juli 2014, 21:57

Super!

Ein Mann, ein Wort?
Sollte die CDU am Ende ethisch doch nicht so verrottet sein, wie die jüngere Politik vermuten lässt?
Walter70
am Montag, 28. Juli 2014, 21:15

Gröhe will organisierte Sterbehilfe generell verbieten

...dann muss er auch vorrangig dafür sorgen, dass die allseits bekannten Praktiken der Freiheitsberaubung durch Fixierungen chemischer wie auch mechanischer Art als Personalmangel-Kompensierung unverzüglich abgestellt
werden und im nachgewiesenen Fall auch strafrechtlich geahndet werden; hier handelt es sich in vielen Fällen auch um Tötung, jedoch auf Langzeitbasis aus niederen Beweggründen , weil Psychopharmaka und Neuroleptika in bestimmten Fällen den vorzeitigen Tod herbeiführen; siehe hierzu meine 'Ode an die Sedierung'; da ergibt sich nicht einmal die Frage, was hier krimineller ist. Und wo setzt man an? Natürlich dort, wo der geringste Widerstand zu erwarten ist. Gleichzeitig aber bezeugen einige CDU-Politiker Ihren Respekt gegenüber der Entscheidung des Herrn Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, wenn er seine Frau für eine Sterbehilfe in die Schweiz begleiten würde. Warum kann man dieses Verständnis und diesen Respekt nicht für eine Sterbehilfe in Deutschland aufbringen? Warum muss eine bedauernswerte Frau in die Schweiz gebracht werden, um dort straffrei Sterbehilfe zu erfahren? Inhuman dazu, dass dieses nicht in der vertrauten, sondern in einer
fremden Umgebung stattfinden muss. Gerade diese Möglichkeit der straffreien Sterbehilfe in der Schweiz eröffnet
doch gerade die Möglichkeit des von Herrn Bosbach als fragwürdig dargestellten "Geschäftsmodells"! Warum kann Liebe, Mitgefühl und lebenslange Verbundenheit mit einem Schwerstkranken, dessen letzter Wunsch erfüllt werden
sollte, nicht durch entsprechende Sterbehilfe in Deutschland möglich sein? Ja, natürlich muss sie organisiert werden; alles im Leben muss mehr oder weniger organisiert werden; aber dieses 'organisieren' kann man nicht als
Geschäftsmodell organisierter Sterbehilfe titulieren und verbieten wollen. Wenn jemand sterben will, Herr Gröhe, dann lassen Sie die Sterbehilfe in seiner vertrauten Umgebung zu.
gerngesund
am Montag, 28. Juli 2014, 18:09

Überlastete Entscheidungen?

Diejenigen, die laut Bosbach aus "Liebe, Mitgefühl und lebenslanger Verbundenheit mit einem Schwerstkranken dessen letzten Wunsch" erfüllen, sind doch immer in einer absoluten Überlastungssituation.
Sie brauchen einen neutralen qualifizierten Ansprechpartner, der mit ihnen ergebnisoffen über Therapie- und Pflegealternativen sprechen und beraten kann, und der ihnen ggf. beiseite stehen kann, wenn es beim Wunsch nach Sterbehilfe bleibt.
Je stärker die Verbote betrieben werden, desto offensiver werden Initiativen den Menschen nur in Richtung Sterbehilfe beistehen.
Je stärker die Verbote, desto mehr wird unkontrolliert im Verborgenen geschehen, desto größer werden die Gewissensnöte aller Beteiligten.

Jemand wie Schneider konnte die Situation gut durchdenken und hat Kontakte in alle Richtungen, in denen er (und seine Frau) es braucht. Die meisten anderen Betroffenen nicht nicht in einer derart bevorzugten Position. Wo bleiben sie?

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