NewsMedizinTransfusionsmedizin: Hepatitis E durch Blutprodukte in England
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Transfusionsmedizin: Hepatitis E durch Blutprodukte in England

Montag, 28. Juli 2014

London – Bluttransfusionen können das Hepatitis E-Virus übertragen und bei abwehr­geschwächten Patienten eine chronische Hepatitis auslösen. Dies geht aus einer Untersuchung im Lancet (2014; doi: 10.1016/S0140-6736(14)61034-5) hervor, wo englische Transfusionsmediziner erstmals eine Risikoabschätzung versuchen.

Infektionen mit dem 1990 entdeckten Hepatitis E-Virus wurden lange Zeit als selten und harmlos eingestuft. Die meisten Erkrankungen traten auf dem indischen Subkontinent und in Afrika auf, wo schlechte hygienische Bedingungen eine fäkal-orale Übertragung der Genotypen 1 und 2 ermöglichen, was meist über kontaminiertes Wasser erfolgt. In den letzten Jahren wurden jedoch zunehmend im Inland erworbene Infektionen mit den Genotypen 3 und 4 dokumentiert, die möglicherweise über unzureichend gegartes Fleisch von Wild- oder Hausschweinen erfolgt ist (das Robert Koch-Institut führt hier aktuell eine Fall-Kontroll-Studie durch).

Serologische Untersuchungen ergaben zudem, dass Infektionen keineswegs selten sind. In England waren in einer Studie 25 Prozent der Erwachsenen Antikörper-positiv, in Deutschland liegt die Seroprävalenz bei 17 Prozent. Dieser Anteil der Bevölkerung hatte in der Vergangenheit Kontakt mit dem Virus, das in aller Regel nach einer asymptoma­tischen Infektion vom Immunsystem beseitigt wird. Bei Schwangeren werden jedoch gelegentlich schwere Verlaufsformen beobachtet, bei immungeschwächten Personen kann es zu einer chronischen Hepatitis kommen.

Anzeige

Transfusionsmediziner überlegen deshalb derzeit, ob von Blutspenden ein Risiko ausgehen kann. Dass in Einzelfällen Viren in Blutspenden enthalten sind, gilt als sicher. Ein Team um Privatdozent Jens Dreier von der Ruhr-Universität Bochum in Bad Oeynhausen konnte kürzlich bei 13 von 16.125 Blutspenden (0,08 Prozent oder 1: 1240) Virus-RNA nachweisen (Journal of Clinical Microbiology 2012; 50: 2708–2713).

Das Team um Richard Tedder von der Gesundheitsbehörde Public Health England in London konnte jetzt in 79 von 225.000 Blutspenden aus England Virus-RNA nachweisen (0,04 Prozent oder 1: 2848). Die infizierten Blutspenden wurden zur Herstellung von 129 Blutkomponenten verwendet, von denen 62 transfundiert wurden.

Die englischen Mediziner konnten 43 Empfänger ermitteln, von denen 18 sich tatsächlich mit Hepatitis E infiziert hatten. Darunter waren acht immunkompetente Patienten, bei denen die Erkrankung immer asymptomatisch verlief. Unter den zehn immunge­schwäch­ten Patienten kam es jedoch zu chronischen Verläufen, die teilweise mit Ribavirin behan­delt wurden. Bei fünf Patienten gelang es nicht, die Viren zu beseitigen. Vier der fünf Patienten starben – allerdings nicht erkennbar an der Hepatitis E – beim fünften Patien­ten fehlen offenbar weitere Informationen zum Verlauf der Erkrankung.

Die Interpretation der Studie fällt unterschiedlich aus. Tedder sieht derzeit keine dringende Notwendigkeit, ein Screening von Blutspenden auf Hepatitis E einzuführen. Der Editorialist Jean-Michel Pawlotsky vom Hôpital Henri Mondor in Créteil/Frankreich vermutet allerdings, dass die sensibilisierte Öffentlichkeit ein Restrisiko bei Blutspenden nicht hinnehmen werde. Er erwartet deshalb, dass die Blutbanken in Europa schon bald ein obligatorisches Screening einführen werden, da die Hepatitis E hier endemisch ist.

Ein relativ kostengünstiges Antikörperscreening wird nach Ansicht von Pawlotsky nicht ausreichen. Da die Infektion in der Regel sehr kurzfristig ist, befinden sich die meisten infizierten Spender im Akutstadium der Infektion, in der noch keine Antikörper gebildet werden. Das Blut war übrigens mit dem Genotyp 3 kontaminiert, der vor allem im Inland erworben wird. Der Ausschluss von Spendern mit einer positiven Reiseanamnese wird deshalb das Problem nicht lösen. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

5. Oktober 2020
Stockholm – Der diesjährige Nobelpreis geht an 3 Forscher, die an der Entdeckung des Hepatitis-C-Virus beteiligt waren. Der amerikanische Anthropologe Harvey Alter hatte in den 1970er-Jahren die
Medizinnobelpreis für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus
9. September 2020
Tübingen – Bei der Untersuchung von Schweinefleisch und Schweineleber haben Forscher in Deutschland in mehr als zehn Prozent aller Proben Hepatitis-E-Viren nachgewiesen. Bei fünf Prozent der
Hepatitis-E-Viren in Schweinefleisch und Schweineleber nachgewiesen
5. August 2020
Heidelberg – Die Europäische Kommission hat erstmals ein Medikament zur Behandlung der Hepatitis D zugelassen. Der „Entry Inhibitor“ Bulevirtide, der Hepatitis D- und auch B-Viren (HDV und HBV) am
Erstes Medikament gegen Hepatitis D zugelassen
28. Juli 2020
Waldems-Esch – Trotz moderner Therapieformen sind die Behandlungskosten für chronische Hepatitis C im Gesundheitswesen gesunken. Das ist das Ergebnis einer Analyse des Datenspezialisten Insight
Welt-Hepatitis-Tag: Sinkende Kosten trotz moderner Therapien
28. Juli 2020
Genf – Der Anteil der Kinder unter fünf Jahren, die chronisch mit Hepatitis B infiziert sind, ist im vergangenen Jahr unter ein Prozent gefallen. Das berichtete die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO)
WHO: Fast alle Kinder unter fünf Jahren gegen Hepatitis geschützt
10. März 2020
Washington – Die US Preventive Services Task Force (USPSTF) rät allen Erwachsenen im Alter von 18 bis 79 Jahren, sich auf Hepatitis C-Screening testen zu lassen. Die entsprechende Grad B-Empfehlung
Opioid-Krise: US-Experten fordern Hepatitis C-Screening aller Erwachsenen
19. Februar 2020
Msida/Malta – Die gegenwärtige Masern-Epidemie konfrontiert Ärzte mit einer Erkrankung, die viele vormals nur aus den Lehrbüchern kannten. Eine Fallserie in BMJ Case Reports (2020; doi:
LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER