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Medizin

Hepatitis C: Studien loten Effekt eines Screenings aus

Dienstag, 5. August 2014

Modell Hepatitis-C-Antikörper und Glykoprotein dpa

Houston/Berlin – Die Einführung neuer Medikamente, die die Hepatitis C häufiger, schneller und nebenwirkungsärmer zur Ausheilung bringen, hat eine Debatte um ein Screening der Bevölkerung ausgelöst. US-Experten fordern in den Annals of Internal Medicine (2014; 161: 170-180) ein Screening aller „Baby Boomer“. In Deutschland dürfte ein gezieltes Screening von Risikopersonen favorisiert werden.

Die Entdeckung des Hepatitis C-Virus im Jahr 1988 hat die Entwicklung eines Antikörper­tests ermöglicht, der seit 1992 die Sicherheit von Blutprodukten erheblich verbessert hat. Infektionen erfolgen heute überwiegend durch intravenösen Drogenkonsum oder durch verletzungsträchtige Sexualpraktiken, etwa bei Männern, die Sex mit Männern (MSM) haben. Auch Migranten, die aus Hochendemie-Ländern beispielsweise der östlichen Mittelmeerregion (insbesondere Ägypten) stammen, können chronisch infiziert sein. Da die Erkrankung lange Zeit asymptomatisch bleibt, wissen viele nicht von ihrer Infektion.

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Eine hohe Zahl von unerkannten Infektionen wird in den geburtenstarken Jahrgängen („Baby Boomer“) zwischen 1945 bis 1965 vermutet, von denen viele vor 1992 durch Blutprodukte infiziert wurden. Auf diese Gruppe entfallen laut Jagpreet Chhatwal vom M. D. Anderson Cancer Center in Houston etwa drei Viertel aller HCV-Infizierten, deren Zahl in den USA auf 2,7 bis 3,9 Millionen geschätzt wird.

Chhatwal hat jetzt in einem mathematischen Modell ausgerechnet, dass eine einmalige Testung aller „Baby Boomer“ in den nächsten zehn Jahren 487.000 HCV-Infektionen aufspüren könnte. Bei einem Screening der gesamten Bevölkerung könnten sogar 933.700 Infektionen erkannt werden.

Die konsequente Behandlung, die heute mit DAA („direct acting antivirals“) möglich ist, könnte in den nächsten Jahren 161.500 Todesfälle durch Lebererkrankungen, 13.900 Lebertransplantationen und 96.300 Fälle von hepatozellulären Karzinomen verhindern. Innerhalb von nur 12 Jahren könnte die Prävalenz der Hepatitis C auf 1 zu 1.500 gesenkt werden. Die Hepatitis C würde dann zu einer seltenen Erkrankung, schreibt Chhatwal.

Screening wird auch in Deutschland diskutiert
Auch in Deutschland wird eine Intensivierung des Screenings diskutiert. Die Deutsche Leberstiftung hat zusammen mit einer Reihe anderer Institutionen im letzten Jahr einen Aktionsplan veröffentlicht. Er sieht – anders als Chhatwal dies vorschlägt – nur die Testung von Risikopersonen vor.

Dazu könnten neben Personen, die vor 1992 Blut und Blutprodukte erhalten haben, oder Patienten, die mit einem erhöhten Transami­nase-Wert bei der Laboruntersuchung auffallen, auch die beiden derzeitigen Hauptrisiko­gruppen für eine aktuelle HCV-Infektion gehören: Laut den im Epidemiologischen Bulletin (2014; 31: 275-284) genannten Zahlen entfielen im letzten Jahr 87,4 Prozent aller Neudiagnosen auf i.v.-Drogenkonsumenten und 5,7 Prozent auf MSM. Weitere 3,8 Prozent hatten sich vermutlich über Blutprodukte infiziert, 2,6 Prozent waren Dialyse-Patienten und in 0,5 Prozent war die Ansteckung über eine perinatale Infektion erfolgt.

Dass die Beschränkung des Screenings auf Patienten mit erhöhten Leberwerten vermutlich zu kurz greifen würde, zeigt eine aktuelle Studie der Universität Leipzig mit verschiedenen Hausarztpraxen in Nordrhein-Westfalen. 21.008 Versicherte waren im Rahmen des Check up 35, das die Krankenkassen allen Patienten über 35 Jahre anbieten, auf Hepatitis B und C untersucht worden. Neben den Antikörpertests wurde auch die Alanin-Aminotransferase (ALT) bestimmt, und die Patienten füllten einen Fragebogen auf Risikoverhaltensweisen oder klinische Zeichen aus.

Die Prävalenz von Hepatitis C-Antikörpern betrug – in Übereinstimmung mit anderen Untersuchungen – 0,8 Prozent. Wie Privatdozent Johannes Wiegand kürzlich berichtete, hatten nur 69 der 199 HCV-positiven Patienten (35 Prozent) erhöhte ALT-Werte (Z Gastroenterol 2013; doi: 10.1055/s-0032-1332192). Damit wären zwei Drittel aller HCV-Positiven durch das Screening-Netz gefallen, wenn es sich allein auf die Bestimmung der Transaminase gestützt hätte.

Risikofaktor i.v.-Drogengebrauch
Die wichtigsten Risikofaktoren waren i.v.-Drogengebrauch (Odds Ratio OR 384!), eine Bluttransfusion vor 1992 (OR 5,3) sowie eine Immigration aus Hochprävalenzregionen (OR 2,4). Auffällig war auch ein hoher Anteil von Personen mit Piercing (6 auf 45 HCV-Positive gegenüber 233 von 5.634 HCV-Negativen) oder Tätowierungen (18/47 versus 559/5651), was auf neue Infektionswege hinweist.

Derzeit wird von der Universität Duisburg-Essen in Kooperation mit der Universität Leipzig eine gesundheitsökonomische Analyse der Daten zu verschiedenen Screening-Strategien im hausärztlichen Setting vorbereitet, meldet das Epidemiologische Bulletin. Dies deutet darauf hin, dass neben der Bestimmung der ALT eine Befragung der Patienten zu bestimmten Risikoszenarien die Auswahl der Patienten für das künftige Hepatitis C-Screening bestimmen wird. © rme/aerzteblatt.de

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