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Medizin

ASS: Reduktion des Krebsrisikos macht Primärprävention vorteilhaft

Mittwoch, 6. August 2014

dpa

London – Die regelmäßige Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) senkt nicht nur das Herzinfarktrisiko. Eine Reihe von Studien legt auch eine vorbeugende Wirkung gegen Krebserkrankungen nahe. In einer Gesamtbilanz in den Annals of Oncology (2014; doi: 10.1093/annonc/mdu225) überwogen diese Vorteile gegenüber dem bekannten Blutungsrisiko des Thrombozytenaggregationshemmers. Die Autoren geben eine vorsichtige Empfehlung zur Primärprävention ab, die sie bei Gesunden ab dem 50. Lebensjahr für vorteilhaft halten – sofern keine erhöhten Blutungsrisiken vorliegen.

Obwohl eine Vielzahl von Fall-Kontroll-Studien, Kohortenstudien und auch randomi­sierten klinischen Studien auf eine präventive Wirkung von ASS gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs hingewiesen haben, fallen die Empfehlungen der Präventiv­mediziner zurückhaltend aus. Grund ist das ebenfalls belegte Risiko von tödlichen Blutungen in Gastrointestinaltrakt oder Gehirn.

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Auch Jack Cuzick vom Wolfson Institute of Preventive Medicine in London und Mitarbeiter kommen in ihrer Publikation zu dem Ergebnis, dass die tägliche Einnahme von ASS das Risiko von tödlichen gastrointestinalen Blutungen um 60 Prozent und von tödlichen Schlaganfällen um 21 Prozent erhöht. Hinzu kommt noch ein um 60 Prozent erhöhtes Risiko auf tödliche peptische Ulzera.

Dem stehen allerdings eine Reihe von protektiven Wirkungen gegenüber, von denen der Rückgang des Herzinfarktsterberisikos um 5 Prozent noch der geringste Vorteil ist. ASS senkt laut der Übersicht das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um 40 Prozent. Die Rate der tödlichen Ösophaguskarzinome wurde in den Studien sogar um 50 Prozent gesenkt. Auch eine präventive Wirkung gegen Magenkrebs (35 Prozent weniger Todesfälle) scheint gesichert. Etwas unsicherer ist die Datenlage zu Lungenkrebs (15 Prozent weniger Todesfälle), Prostatakrebs (minus 15 Prozent) und Brustkrebs (minus 5 Prozent).

Insgesamt bleibt eine protektive Wirkung bestehen: Cuzick beziffert sie mit einer Reduktion der Erkrankungen an Krebs, Herzinfarkt oder Schlaganfall um 9 Prozent bei Frauen und 7 Prozent für Männer, wenn diese ab dem 50. Lebensjahr über zehn Jahre täglich ASS einnehmen. Das Gesamtsterberisiko würde um 4 Prozent sinken. Auf 1.000 Personen, die bis zum 60. Lebensjahr täglich ASS einnehmen, würden 16 Todesfälle an Krebs, einer an Herzinfarkt vermieden. Dem stünden zwei zusätzliche Todesfälle durch Blutungskomplikationen gegenüber.

Der Vorteil von ASS in der Primärprävention ist demnach denkbar gering, und einzelne Risikofaktoren, die das Blutungsrisiko erhöhen, könnten schnell zu einer negativen Bilanz führen. Dazu gehören beispielsweise Rauchen und der Konsum von Alkohol oder auch eine Infektion mit H. pylori. Wer ASS einnimmt, sollte deshalb tunlichst auf einen übermäßigen Alkoholkonsum und auf das Rauchen verzichten, rät Cuzick.

Bei einer H. pylori-Infektion könnte sich eine Eradikationstherapie anbieten, die britische Mediziner derzeit in der HEAT-Studie untersuchen. Eine Alternative könnte die Behandlung mit einem Protonenpumpeninhibitor sein, die Gegenstand der AspECT-Studie ist. Den Einfluss des Alters, eines weiteren – dieses Mal unvermeidbaren – Risikofaktors untersucht derzeit die ASPREE-Studie. © rme/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 7. August 2014, 05:17

ASS - Verwirrung perfekt?

Eine Arbeitsgruppe der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) präsentiert ein aktuelles Positionspapier, das sich eher wie Antworten von Fragen an "Radio Eriwan" anhört. Der w i c h t i g s t e Punkt bei Patienteninformationen, dass Acetylsalicylsäure (ASS) z. B. in Form von Aspirin n i c h t im venösen System wirkt, wird schlicht und ergreifend weggelassen. ASS schützt nicht vor venösen Thrombosen, Thrombophlebitis, Thromboembolien insbesondere bei tiefen Beinvenen-Thrombosen und daraus folgenden Lungenembolien. Es taugt auch nicht zur Primärprävention von Hirninfarkten und Schlaganfällen in Folge von präexistentem nicht-valvulär-Ersatz-bedingtem Vorhofflimmern. Da müssen kurzfristig Heparine, längerfristig Phenprocoumon oder NOAKS bzw. DOAKS (neue bzw. duale orale Antikoagulanzien) her.

Die Analyse der Antithrombotic Trialists‘ (ATT) Collaboration, welche auf Daten von 95.000 Personen mit niedrigem kardiovaskulärem Risiko gründete, kam zu dem Ergebnis, dass eine Primärprävention mit ASS das Risiko für schwerwiegende vaskuläre Ereignisse r e l a t i v nur um 12 Prozent verringert. In a b s o l u t e n Zahlen bedeutete dies aber nur eine Verbesserung jährlicher Ereignisraten von 0,57 auf 0,51 Prozentpunkte unter täglicher ASS-Prophylaxe. Weitere Studien ernüchterten ebenfalls. Größtes Dilemma bleibt, dass nach allen relevanten Studien zur Primärprävention mit ASS die Reduktion nicht-tödlicher Herzinfarkte gering bleibt. Und genau dieser Reduktion stehen N e b e n w i r k u n g e n mit Zunahme von Hämorrhagien, gastrointestinalen Blutungen und hämorrhagischen Schlaganfällen etwa in gleicher Größenordnung gegenüber. Dies haben die oben zitierte Arbeitsgruppe von J. Cuzick et al. vom Wolfson Institute of Preventive Medicine in London beschrieben.

Schrotschussartig geht das American College of Chest Physicians (ACCP) vor: Die Prävention mit ASS in niedriger Dosis pauschal ab einem Alter von 50 Jahren, ungeachtet des individuellen Risikos - und basta! In vergleichbarer Tradition stehen die letzten AHA- und ACC-Empfehlungen zur großzügigen CSE-Hemmung bei der Primärprävention der Koronaren Herzkrankheit (KHK) mittels Statintherapie in den USA: "Fire and forget", ohne Wenn und Aber, sind die immer noch kontrovers debattierten Empfehlungen der American Heart Association und des American College of Cardiology von Ende 2013.

Und jetzt kommen auch noch die Onkologen "angedaddelt" und präsentieren einen angeblich hauchdünnen Vorteil in der "Primärprävention zur Reduktion des Krebsrisikos". Wohl wissend, dass Menschen, die so extrem gesundheitsbewusst und primärpräventiv aktiv sind, dass sie neben r e g e l m ä ß i g e r ASS-Einnahme auch eher bewusst auf das Rauchen, Alkoholexzesse und krankheitsfördernde Fehlernährung verzichten: Im Gegensatz zur großen Gruppe unserer Patientinnen und Patienten, die sehenden Auges mit "all-you-can-eat"-Manier ins metabolische Syndrom hineinrauschen, sich die Lungen vollquarzen und regelmäßig weit mehr Alkohol trinken, als sie je vertragen dürften. Dass diejenigen, die dem Gesundheitswesen und der Krankenversorgung eher mit einer "Flatrate"- und Vollkasko-Mentalität entgegengehen und diabetologische bzw. kardiovaskuläre und onkologische Komplikationen, wie man manchmal den Eindruck gewinnen könnte, geradezu sehnlichst erwarten bzw. provozieren, auch noch präventiv-krankheitsvermeidend und weit vorausschauend ASS zur Primärprävention einnehmen sollten, kann selbst Radio Eriwan nicht mehr schlüssig beantworten.

Die Antwort von Radio Eriwan bezüglich der Primärprophylaxe mit ASS müsste demnach lauten: "Im Prinzip ja, aber eigentlich - nein!"

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (derzeit Seward/Kenai-Halbinsel, Alaska)
LNS

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